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Corona in SüdkoreaEin Partygast bringt das Gefühl der Krise zurück

Südkorea, das Musterland der Coronavirus-Bekämpfung, ist auf dem Weg zur Normalität. Bis ein 29-Jähriger in Seoul feiern geht.

Eine Massenansteckung in einem Nachtclub wirft das Land zurück: Menschen beim Einkaufen in der Hauptstadt Seoul.
Eine Massenansteckung in einem Nachtclub wirft das Land zurück: Menschen beim Einkaufen in der Hauptstadt Seoul.
Foto: Getty Images

Am Sonntag sprach Südkoreas Präsident Moon Jae-in zur Nation. Anlass war der dritte Jahrestag seiner Amtszeit, aber in seiner Rede gab es nur ein Thema: die Folgen der Corona-Pandemie. Er sprach von Nöten, die selbst starke Unternehmen betreffen, und von der wachsenden Angst vor Arbeitslosigkeit.

«Zweifellos ist dies wirtschaftlich eine Kriegszeitsituation», sagte Moon, ehe er den Menschen Mut zurief: Seine Regierung werde die Chance in der Krise finden und Jobs für eine postpandemische Moderne schaffen. Seine Stichworte: Kommunikationstechnik, Dienstleistungen ohne Begegnung, Online-Erziehung, Seuchenvorsorge, Biotechnologie.

Es war eine angemessene Rede für eine kleine Hightech-Nation, über die gerade die ganze Welt staunt wegen ihres erfolgreichen Coronavirus-Managements. Allerdings ist die Pandemie noch nicht vorbei, auch in Südkorea nicht, zumindest wenn der Anspruch ist, die Lungenkrankheit Covid-19 auszurotten. Die Masseninfektion in einem Seouler Nachtclub-Bezirk hat das Gefühl der Krise wieder zurückgebracht.

Ein 29-Jähriger versetzt die Behörden in Alarm

In der vergangenen Woche verzeichnete Koreas Zentrum für Seuchenkontrolle (KZSK) zeitweise nur noch vereinzelte importierte Neuinfektionen und gar keine inländischen mehr. Seit Freitag ist das wieder anders. Ein 29-jähriger Partygast mit Covid-19-Erkrankung hat gereicht, um die Behörden in Alarm zu versetzen. Dabei wollte man sich doch schon mit der Rückkehr zur neuen Normalität befassen.

34 neue Covid-19-Fälle meldete das KZSK am Sonntag. 24 davon standen in Verbindung mit dem 29-Jährigen, der am Wochenende zuvor durch Bars und Clubs des Multikulti-Viertels Itaewon gezogen war. Das KZSK rief Besucher der betroffenen Clubs auf, sich in eine medizinische Isolation zu begeben, weil nicht auszuschliessen ist, dass sie sich auch ohne Symptome das Coronavirus eingefangen haben.

Mehr als 1500 Gäste könnten Kontakt gehabt haben

1510 Besucher könnten insgesamt in den Clubs gewesen sein, schätzen die Behörden, genau weiss man es nicht, weil das Erfassungssystem fehlerhaft gewesen sei. Seouls Bürgermeister Park Won-soon sagte, dass die Behörden deshalb mehr als 1300 Personen nicht auffinden konnten, und startete einen Aufruf an alle, die in den Lokalen waren, sich freiwillig testen zu lassen. Ausserdem erliess er ein Verbot für Versammlungen in Unterhaltungsetablissements. «Wir haben keine andere Wahl, weil wir den Eindruck haben, dass die Empfehlungen an Betreiber zur Selbstkontrolle nicht ausreichend sind, wenn man die Anfälligkeit der Eingangserfassung in den Clubs bedenkt.» Am Wochenende war es sehr ruhig in Itaewon, wo sonst alles voll ist mit Menschen, Licht und Farben.

Die Rückkehr zur Normalität ist nicht leicht bei einer hochansteckenden Krankheit, die bei vielen Patienten keine oder nur milde Symptome zeigt. Südkorea hatte nie einen strengen Lockdown. Viele Geschäfte und Cafés blieben offen, die Menschen durften auf die Strasse. Das funktionierte nicht nur wegen des umfassenden Ermittlungs- und Testsystems der Behörden. Das funktionierte auch, weil sich die Menschen mit grosser Disziplin an die Empfehlungen zum Infektionsschutz hielten.

Jetzt, mehr als drei Monate nach den ersten Vorsichtskampagnen, will Südkoreas Regierung die Menschen allmählich aus dem Schutz der sozialen Distanz entlassen. Es sind tastende Versuche. Die Parlamentswahl am 15. April war geprägt von Vorsichtsmassnahmen. Vergangene Woche haben die Profiligen in Baseball und Fussball ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen – zunächst ohne Zuschauer.

Viele Eltern sind zusätzlich verunsichert

Diese Woche sollen die Schulen für die älteren Jahrgänge wieder öffnen, eine Woche später die für die jüngeren. Aber die Infektion in Itaewon hat viele Eltern zusätzlich verunsichert. Die «Korea Times» zitiert unter anderen den Angestellten Yeo Chul-hyung: Er könne seine Kinder nicht einfach so zurück in Schule und Kindergarten schicken. «28 Kinder sind in der Klasse meiner Tochter. Stellen Sie sich vor, nur einer wird positiv getestet, dann müssten alle anderen 27 Kinder und 54 Eltern in Quarantäne», sagt er. Die Zahl der zu isolierenden Menschen könnte schnell ansteigen. «Kann die Regierung mit diesem Szenario umgehen? Ich bezweifle das ernsthaft.»

Die Regierung hat angekündigt, dass man Fieberchecks an den Eingängen öffentlicher Gebäude zu erwarten habe und Klimaanlagen nur bei offenem Fenster laufen dürfen. Einreiseregeln bleiben streng. Aber die Behörden spüren vor allem nach den Ansteckungen im Seouler Nachtleben, wie kompliziert es ist, die Virusangst aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Es ist noch ein weiter Weg bis zur Normalität. Auch im Musterland der Coronavirus-Bekämpfung.