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Neuer Premier für den Libanon«Ein neues Gesicht für ein altes System»

Der Spitzendiplomat Mustafa Adib wird neuer Regierungschef im Krisenstaat. In der Protestbewegung reagieren viele Libanesen mit Skepsis.

Von Berlin nach Beirut: Mustafa Adib verantwortet als neuer Premier den Wiederaufbau Beiruts und den Umbau des Staates.
Von Berlin nach Beirut: Mustafa Adib verantwortet als neuer Premier den Wiederaufbau Beiruts und den Umbau des Staates.
Foto: Keystone

Seinen 48. Geburtstag feierte Mustafa Adib am Sonntag nicht in der aus der Gründerzeit stammenden Villa Garbáty in Berlin, in der die libanesischen Botschafter in Deutschland seit 2005 ihren Sitz haben. Mustafa Adib war am Samstag heimberufen worden. Handyfotos vom Beiruter Flughafen zeigten den Botschafter am Einreiseschalter, in der linken Hand hatte er Pass und Papiere und in der rechten Hand das Smartphone. Adib trug Jeans und Steppweste, kariertes Hemd, legere Reisekleidung.

Den Grund für Adibs spontanen Flug in die Heimat kannten zu diesem Zeitpunkt nur wenige. Erst einen Tag später, in den Abendstunden von Adibs Geburtstag, sickerte in Beirut durch, dass der seit 2013 in Berlin wirkende Botschafter seinen Lebensmittelpunkt wohl bald dauerhaft in die Heimat verlagern dürfte.

Premier ist immer ein Sunnit

Ein einflussreiches Gremium früherer Premiers hatte ihn als nächsten Regierungschef auserkoren. Im Laufe des heutigen Tages sollen die Parlamentsfraktionen ihre Empfehlungen bekannt geben, auch hier gilt Adib als Favorit. Wie alle Kandidaten für das Amt des Premiers ist er sunnitischer Muslim. 1943 verteilten die Libanesen in einem «Nationalen Pakt» die wichtigsten Staatsämter unter den Konfessionen.

Der Lebenslauf von Mustafa Adib legt den Schluss nahe, dass die vereinten Ex-Premiers bei ihrer Kandidatensuche eine gute Wahl getroffen haben, Kollegen schwärmen jedenfalls. Adib sei «ein Gentleman, respektvoll und respektiert», heisst es in libanesischen Diplomatenkreisen. Adib sei einerseits mit den Details der Materie vertraut, andererseits ein gewiefter Politiker.

Dies dürfte daran liegen, dass Adib das Metier sowohl aus der theoretischen Betrachtung als auch aus der Nahdistanz kennt: Er lehrte Verfassungs- und internationales Recht an Universitäten in Beirut und Montpellier in Frankreich und folgte von 2004 an dem Politiker Najib Mikati durch dessen Karriere: erst als Berater, als der Multimillionär Transportminister wurde, später als dessen Kabinettschef, nachdem Mikati in das Amt des Premiers gewechselt hatte.

«Mustafa wer?» Für die Libanesen ist der neue Regierungschef ein Unbekannter.

Den Grand Serail, den Regierungssitz in Beirut, kennt Adib also genau. Er weiss, wo Fallgruben lauern könnten, aus welcher Ecke Intrigen zu erwarten sind, in welchen Bereichen all die Millionen versickern, die Libanon schon vor der verheerenden Explosion an allen Ecken fehlten. Für die Libanesen ist der Vater von fünf Kindern jedoch ein Unbekannter: «Mustafa wer?» war Sonntagabend eine der häufigsten Reaktionen, als Adibs Name zu zirkulieren begann.

Bald wurde Adib dann jedoch mit seinem Vorgänger verglichen, dem glücklosen Hassan Diab, der eine Woche nach der Explosion nach nur sechs Monaten im Amt den Rücktritt eingereicht hatte. Auch er hatte unter Najib Mikati einige politische Erfahrung gesammelt, auch er war ein parteiloser Akademiker, den niemand auf dem Zettel hatte, bis er plötzlich Premier war.

Macron erneut in Beirut

Der Zeitpunkt von Adibs Nominierung jedenfalls ist gut gewählt: Heute Morgen schwebte Frankreichs Präsident in Beirut ein, der bei seinem letzten Besuch unmittelbar nach der Explosionskatastrophe in harschem Ton mit der politischen Klasse abgerechnet und vergangene Woche dann eine Art «Roadmap» für Reformen vorgelegt hatte. In Beirut besuchte Emmanuel Macron zuerst die Sängerlegende Fairouz, pflanzte dann eine Zeder. Als er dann Staatspräsident Michel Aoun traf, konnte der ihm zumindest den Namen des Mannes präsentieren, der den Wiederaufbau Beiruts und den Umbau des Staates verantworten soll.

Die Protestbewegung, die schon vor der Explosion im Beiruter Hafen den Abgang der gesamten politischen Klasse forderte, zweifelt jedoch daran, dass sich unter Mustafa Adib grundlegend etwas ändern werde. Viele sehen in ihm nur «ein neues Gesicht für das alte System». Oder, wie es ein User auf Twitter formulierte: Adib, das sei doch auch nicht viel mehr als ein Anagramm des Namens seines Vorgängers, Diab.