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Brutale Repression in Weissrussland«Ein Mensch terrorisiert ein ganzes Volk»

Machthaber Alexander Lukaschenko verschärft den Kurs gegenüber Oppositionspolitikern. Die Regimegegnerin Maria Kolesnikowa sitzt in einem Gefängnis in Minsk. Einer ihrer Mitstreiter wurde von maskierten Männern festgenommen.

«Ich habe gerade keine Angst»: Maria Kolesnikowa ist das Gesicht der weissrussischen Opposition.
Foto: Vasily Fedosenko (Reuters)

Die weissrussische Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa ist nach der gescheiterten Zwangsausreise in die Ukraine durch den weissrussischen Geheimdienst in ein Untersuchungsgefängnis in Minsk gebracht worden. Ihr Vater sagte am Mittwoch, dass ihn darüber ein Vertreter der Strafverfolgungsbehörde informiert habe. Kolesnikowa war im Zentrum der Hauptstadt verschleppt worden und sollte am Dienstag gegen ihren Willen in die Ukraine gebracht werden. Nach Angaben ihrer Mitstreiter zerriss sie jedoch ihren Pass in kleine Stücke und warf sie aus dem Autofenster. Kolesnikowa hatte vor ihrer Verschleppung gesagt, dass sie Weissrussland nicht verlassen werde. Neulich hatte sie gesagt: «Ich habe gerade keine Angst. Weil ich weiss, dass alles, was unser Team tut, im Rahmen der Gesetze ist. Falls irgendetwas passiert, liegt das nicht an mir, sondern an der Regierung.»

Razzia im Wahlstab

Der massive Druck auf die Präsidiumsmitglieder des oppositionellen Koordinierungsrates nahm am Mittwoch weiter zu, denn auch der Jurist Maxim Snak wurde von maskierten Männern festgenommen. Snak (39) hatte sich gerade im Wahlstab des inhaftierten Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko aufgehalten, als er seinen Kollegen vom Koordinierungsrat von einer gestarteten Razzia schrieb. Ein Grund für die Festnahme sei ihm nicht gesagt worden, sagte Snaks Anwalt Dmitri Lajewski. Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja rief die weissrussische Führung auf, Snak sofort freizulassen. Die Methoden «der sogenannten Staatsmacht» seien empörend. «Zweifellos fürchtet sich Lukaschenko vor Verhandlungen und versucht auf diese Weise, die Arbeit des Koordinierungsrates zu lähmen.»

Die Unerschrockenen von Minsk: Weissrussische Frauen widersetzen sich dem Versuch der Polizei, sie festzunehmen.
Die Unerschrockenen von Minsk: Weissrussische Frauen widersetzen sich dem Versuch der Polizei, sie festzunehmen.
Foto: Keystone

Nun ist von dem siebenköpfigen Präsidium nur noch die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in Belarus in Freiheit. Sie lud demonstrativ einige Journalisten zu ihrer Wohnungstür und erzählte ihnen, dass sie mehrmals von Unbekannten angerufen worden sei und auch bereits einmal jemand versucht habe, in ihre Wohnung zu gelangen. Im Hof ihres Hauses habe sie zwei verdächtige Kleinbusse gesehen und Männer in Uniform, sagte die Schriftstellerin. Alexijewitsch forderte Machthaber Alexander Lukaschenko zu einem Dialog auf. Den Journalisten sagte sie: «Ein Mensch terrorisiert ein ganzes Volk.» Lukaschenko habe gesagt, er werde nicht mit der Strasse reden. «Aber die Strasse sind Hunderttausende, die jeden Sonntag und jeden Tag auf die Strasse gehen», sagte Alexijewitsch. «Es ist nicht die Strasse, es ist das Volk.» Der brutale Polizeieinsatz gegen Regierungskritiker setzt sich täglich fort. Allein am Dienstag wurden 118 Menschen festgenommen.