Ein Leben als Hängematte

Ist Trägheit gleich Faulheit gleich Freiheit? Vom Privileg, den ganzen Tag lang absolut nichts tun zu müssen: Ein Besuch bei den Faultieren im Zoo Zürich.

Hier hängt das Faultier, der Sieger. Denn: Wer der Welt sein Tempo aufzwingen kann, hat gewonnen. Fotos: Doris Fanconi

Hier hängt das Faultier, der Sieger. Denn: Wer der Welt sein Tempo aufzwingen kann, hat gewonnen. Fotos: Doris Fanconi

Man muss schon genau hinschauen, um sie in ihrem Glasgehege auszumachen. Ihr Fell ist braun wie die Baumstämme, auf denen sie liegen, ihr Körper regungslos. Sich vor den Besuchern des Zoos zu produzieren, liegt den drei hier lebenden Faultieren nicht. Ihr Tagesplan sieht vor allem eins vor: Schlaf.

Bis zu 16 Stunden verbringen Zweifinger-Faultiere – zu erkennen an den zwei hakenförmigen Klauen und der Schweinenase – täglich damit. In der freien Wildbahn beginnen sie meist erst nachts, sich in ihrer Baumkrone bedächtig Blätter in den Mund zu schieben. Hier, in Gefangenschaft, versorgt sie eine Tierpflegerin einmal täglich mit ­Gemüse.

«Da wird jetzt nicht viel passieren», sagt die Medienbeauftragte des Zoos, ­bevor sie den Journalisten an einem Donnerstagnachmittag mit den Tieren allein lässt. «Die rühren sich höchstens, wenn es Futter gibt.» Ist klar: Wer Spektakel erwartet, muss sich nicht vor diesem Gehege installieren. Der Zirkus beschäftigt andere Tiere. Deswegen sind wir auch nicht hier. Wir erwarten uns vom Faultier Leistungen ganz anderer Art. Wir wollen – zum Auftakt einer Woche rund um das Thema «Der Traum von der Freiheit» – die Trägheit als Konzept hinterfragen. Wir brauchen also die Expertenmeinung von Meite, Prinzessli und Edward.

Zeitlupe ist auch ein Tempo

Wenn man an Freiheit denkt, entstehen spektakuläre Bilder im Kopf: Endlose Weiten, Prärien samt wilden Pferden, PS-starke Autos mit nimmerleerem Tank, an deren Steuer man zu unglaublichen Abenteuern aufbricht. Diese süsse Sehnsucht danach, einfach den Bettel hinzuschmeissen und endlich das machen zu können, wofür man sonst viel zu wenig Zeit hat: nichts.

Doch wie ist es eigentlich, nichts zu tun? Wie ist es, aus tiefster Überzeugung und aus energetischem Prinzip faul zu sein? Ist das erstrebenswert? Es gibt wahrscheinlich etwa gleich viele Menschen, die das bejahen, wie Menschen, die das verneinen würden. Wobei: Erst mal würde fast jeder von sich sagen, er sei faul und liebe es, faul zu sein. Aber taugt auch jeder dazu? Kommt jeder mit der damit einhergehenden sozialen Ächtung klar? Nein. Faulsein muss gelernt sein. Anfänger glauben, die Welt könne nicht ohne sie.

Die meisten Zoobesucher könnten wohl gut ohne Meite, Prinzessli und Edward. Sie würdigen sie jedenfalls kaum eines Blickes. «Das sind langwiiligi Tier!», sagt auch ein Junge und verdreht verärgert die Augen, als seine beiden älteren Schwestern einen Moment zu lang die trägen Tiere bestaunen. Andere outen sich als Fans: «Boah, ich fühl diä Tier so krass!», ruft ein Teenager begeistert aus. Länger als zwei Minuten verweilt jedoch auch er nicht.

Den Faultieren ist das egal. Auch die Fähigkeit, sich zu echauffieren, scheint bei ihnen wegökonomisiert. Sie sitzen (beziehungsweise schlafen) einfach alles aus – jeden Kommentar, jedes Kinder­geschrei, jede fettige Handfläche, die an ihre gläserne Haustür tappst.

Nach etwa 20 Minuten dreht sich Edward im Zeitlupentempo um 180 Grad. Er sucht eine neue Schlafposition. Die Tiere brauchen keine Muskeln, um so rumzuhängen, erklärt Zoodirektor Alex Rübel, der sich zum Beobachtungsteam dazugesellt hat. «Eigentlich sind sie selber die Hängematte.»

Die Entschleuniger im Tierreich

Ihre Lebensform – unauffällig, träge, statisch – hat sich als erfolgreich erwiesen. «Wenn man als Tier überleben will, muss man sich eine Nische suchen», erklärt Rübel. «Und wenn man eine Nische gefunden hat, geht es darum, möglichst energieeffizient zu sein.» In diesem Bereich spielen die struppigen Tiere in der Champions League, entnehme ich den Worten des Zoodirektors.

«Zu welcher Erkenntnis sind Sie jetzt gekommen?», fragt die Medienbeauftragte des Zoos nach gut zwei Stunden Faultier-Watching. Die Erkenntnis manifestiert sich in einer tiefen Entspannung. Wer der Welt sein Tempo aufzwingen kann, hat gewonnen. Kurze Zeit ­später, bei Schnitzel und Pommes im Zoorestaurant, vibriert das Handy. Nachrichten ploppen auf. Sollen sie doch. Der Journalist geniesst die Freiheit, nicht darauf zu reagieren. Wenigstens für eine halbe Stunde.

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