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Berner Box-Ikone verstorbenEin Grosser ist gegangen

Fritz Chervet, der beste und populärste Boxer der Schweizer Sportgeschichte, ist im Alter von 77 Jahren nach einem Kollaps im Spital von Meyriez-Murten gestorben.

Fritz Chervet jubelt am 3. März 1972 erstmals als Europameister im Fliegengewicht nach dem Sieg gegen Fernando Atzori.
Fritz Chervet jubelt am 3. März 1972 erstmals als Europameister im Fliegengewicht nach dem Sieg gegen Fernando Atzori.
Foto: Keystone
Am 27. Mai 1974 im Zürcher Hallenstadion verliert Fritz Chervet gegen Chinoi durch einen umstrittenen Punkteentscheid.
Am 27. Mai 1974 im Zürcher Hallenstadion verliert Fritz Chervet gegen Chinoi durch einen umstrittenen Punkteentscheid.
Foto: Keystone
Chervet betritt den Nationalratssaal im September 2007 zu seiner letzten Session als Ratsweibel .
Chervet betritt den Nationalratssaal im September 2007 zu seiner letzten Session als Ratsweibel .
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)
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«Fritzli», wie der nur 1,65 m grosse und um die 50 kg leichte Fliegengewichtler liebevoll genannt wurde, hatte Ende der Sechziger- bis Mitte der Siebzigerjahre den gleich hohen Stellenwert wie Fussballer oder Eishockeyaner. In den Medien lieferte Fritz Chervet regelmässig Schlagzeilen und füllte die Berner Festhalle und das Zürcher Hallenstadion bis auf den letzten Platz.

Trotz vielen internationalen Erfolgen stand er aber nicht gerne im Rampenlicht, sondern blieb bescheiden und zurückhaltend. Ein echter «Bärner Giel» eben, der in der ganzen Schweiz die Herzen der Fans eroberte. Vor und nach ihm haben sich nie mehr so viele Schweizer für den Boxsport interessiert. Am Samstag ist der Ausnahmesportler 77-jährig verstorben.

Der feingliedrige Fritz Chervet gewann seine Kämpfe nicht in erster Linie wegen seiner Schlagkraft, sondern mit seinem vielseitigen technischen Können, seinen schnellen Beinen, seinem guten Auge und seinem Durchstehvermögen.

Er war, wenn man so will, ein «Tänzer und Künstler» im Ring, der die meisten seiner Gegner mit zunehmender Rundenzahl zermürbte. Trainiert wurde er im Boxkeller des ABC Bern an der Kochergasse in Bern vom legendären Boxtrainer Charly Bühler. Unstimmigkeiten mit ihm führten dazu, dass Fritz Chervet im Jahr 1977 im Alter von 34 Jahren zurücktrat.

Vor und nach ihm haben sich nie mehr so viele Schweizer für den Boxsport interessiert.

Vom Seilviereck wechselte er ins Bundeshaus, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2007 als Bundesweibel arbeitete. Danach lebte der «Bärner Giel» aus dem Weissenbühlquartier zurückgezogen in seinem Haus in Sugiez. Er benötigte die Unterstützung eines Sozialarbeiters und verbrachte sein letztes Lebensjahr im Pflegeheim.

Der erste WM-Kampf

Um die internationalen Erfolge von Fritz Chervet richtig bewerten zu können, muss man wissen, dass es zu seiner Zeit nur zwei internationale Boxverbände gab, die World Boxing Association (WBA) und das World Boxing Council (WBC). Sie führten in je zehn Gewichtsklassen einen Welt- und einen Europameister. Heute vergeben diverse neue internationale Boxverbände Titel wie Sand am Meer und erst noch in etlichen neuen Gewichtsklassen.

Am 17. Mai 1973 durfte Fritz Chervet in Bangkok gegen den Thailänder Chartchai Chionoi als erster Schweizer Profiboxer zu einem WM-Kampf antreten. Vor 18’000 Zuschauern, darunter rund 350 Schweizer Fans, nahm der grosse Auftritt für ihn ein unglückliches Ende. Am Ende der vierten Runde erlitt der Berner eine Augenbrauenverletzung, sodass Ringrichter Jack Sullivan den Kampf zu Beginn der fünften Runde abbrechen musste und Chartchai Chionoi zum erfolgreichen Titelverteidiger erklärte.

Immerhin erhielt Fritz Chervet die Chance für einen Rückkampf, der am 27. April 1974 im mit über 11’000 Zuschauern ausverkauften Zürcher Hallenstadion wesentlich ausgeglichener verlief. Der Berner verlangte dem amtierenden Weltmeister sein ganzes Können ab, doch nach 15 Runden entschieden 2:1 Richterstimmen zugunsten von Chartchai Chionoi. Ein skandalöses Urteil aus der Sicht des Publikums, das aus Wut und Enttäuschung Stühle, Bierflaschen und anderes in den Ring warf.

Mit K.o. Europameister

Weitaus besser war die Stimmung im Hallenstadion rund fünf Monate zuvor gewesen. Am 26. Dezember 1973 holte sich Fritz Chervet vor 10’000 Zuschauern mit einem seiner seltenen K.-o.-Siege den Europameistertitel von seinem italienischen Erzrivalen Fernando Atzori zurück. Den Titel hatte er im März 1972 gegen Atzori erstmals erobert und ihn danach gegen Andres Romero (Sp), Mariano Garcia (Sp) und den Briten John McCluskey dreimal erfolgreich verteidigt.

Weil er den EM-Titel wegen des WM-Kampfs gegen Chionoi nicht innerhalb der vorgeschriebenen Frist rechtzeitig verteidigen konnte, wurde er ihm vom europäischen Boxverband aberkannt. Mit dem K.-o.-Sieg und einer seiner besten Leistungen stellte Fritz Chervet die Fliegengewichts-Hierarchie an Weihnachten 1973 aber wieder her.