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Ein Geschäft fast ohne Konkurrenz

Das Bundesamt für Gesundheit lässt zwei neue Medikamente gegen die chronische Hepatitis C zu. Sie sind praktisch gleich teuer wie das seit sechs Monaten erhältliche Sovaldi und müssen deshalb ebenfalls rationiert werden.

Für den Pharmahersteller Gilead ist der Kampf gegen das Hepatitis-C-Virus zu einer Goldgrube geworden.Foto: Alamy
Für den Pharmahersteller Gilead ist der Kampf gegen das Hepatitis-C-Virus zu einer Goldgrube geworden.Foto: Alamy

Nur noch eine Pille pro Tag statt eines Medikamentencocktails, eine Heilungsrate von fast 99 Prozent bei den Betroffenen: Der US-Hersteller Gilead lanciert mit Harvoni eine weitere potente Waffe gegen die chronische Hepatitis C auf dem Schweizer Markt. Diesen Eindruck erweckt das Inserat, das die Firma letzten Donnerstag in der «Schweizerischen Ärztezeitung» geschaltet hat. Ein freundlich dreinblickender Albert Einstein in der Anzeige soll wohl die Bedeutsamkeit des Anlasses unterstreichen.

Eine Schummelei ist die Lobpreisung grundsätzlich nicht. In Ärztekreisen wird die Kombination von zwei Wirkstoffen in einer Tablette sehr begrüsst. Harvoni ist bereits letztes Jahr im Universitätsspital Zürich im Rahmen von Studien verabreicht worden. «Es ist sehr wirksam und gut verträglich», erklärt Beat Müllhaupt, leitender Arzt an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie.

Harvoni senkt auch die Therapiedauer. Bei Patienten, die noch keine gravierenden Leberschäden haben, reichen 12 Wochen, bei noch leichteren Fällen sind 8 Wochen ausreichend, heisst es in der Anzeige. Eine frohe Botschaft für alle, bei denen das Virus bereits Krankheitssymptome hervorgerufen hat.

Nur: Diese Betroffenen werden die Pille nicht erhalten, obwohl das Wundermittel seit gestern Sonntag in der Spezialitätenliste steht und von den Krankenkassen in der Grundversicherung finanziert werden muss.

Im Inserat fehlt das entscheidende Kleingedruckte: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat Harvoni rationiert – wie schon zuvor im letzten August ­Sovaldi, das erste bahnbrechende Hepa­titis-C-Medikament von Gilead. Gemäss Limitation darf das Medikament nur an Patienten mit bereits sehr fortgeschrittenen Leberschäden (Zirrhose, Krebs und so weiter) oder anderen schwer­wiegenden Krankheitssymptomen verschrieben werden. Grund ist auch hier der aussergewöhnlich hohe Preis: Die Packung Harvoni mit 28 Pillen kostet die Krankenkassen 20'787.75 Franken. Für eine 12-wöchige Therapie müssen somit 62'363.25 Franken bezahlt werden. Das etwas ältere Sovaldi kostet für die gleiche Dauer 57'624 Franken, muss jedoch mit ein bis zwei anderen Präparaten kombiniert werden.

Kein Wettbewerb

Da hilft auch die gute Nachricht nicht viel, dass das BAG noch ein Konkurrenzprodukt in die Spezialitätenliste aufgenommen hat: Viekriax/Exviera des US-Herstellers Abbvie kostet 20 652 Franken oder 61 956 Franken für die zwölfwöchige Therapie. Von einer echten Konkurrenz über den Preis kann nicht geredet werden. Auch das Abbvie-Produkt unterliegt der gleichen Limitation.

Mit dieser Notbremse will das BAG mit allen Mitteln verhindern, dass die Kosten ins Uferlose wachsen. Würden alle mit dem Hepatitis-C-Virus Infizierten behandelt, würden sich gemäss ­Berechnung der Behörden die Behandlungskosten verdoppeln und zu einem Krankenkassenprämienaufschlag von 25 Prozent führen.

Die Annahme, dass ein neueres Produkt dazu führt, dass das ältere nun deutlich billiger angeboten wird, gilt im schweizerischen Medikamentenmarkt nicht. «Wir haben keinen Preis­anpassungsmechanismus, der sofort greift», erklärt Oliver Peters, Leiter Kranken- und Unfallversicherung im BAG. Ein Steilpass für die Pharmaindustrie. Die Preise neuer Medikamente werden in der Regel erst nach drei Jahren überprüft. Eine Anpassung erfolgt nur, wenn die Preise im Ausland mehr als drei Prozent vom Schweizer Preis abweichen. Massgeblich ist dabei der Durchschnittskurs der jeweils letzten 12 Monate. Letzter Stichtag war der 1. Februar. Da die Währungsturbulenzen gerade mal zweieinhalb Wochen alt waren, fällt der schwache Euro noch kaum ins Gewicht.

Sovaldi, das Gilead im Jahr eins nach der Markteinführung Schätzungen zufolge weltweit 10 bis 11 Milliarden Dollar einspielen dürfte, kann somit in der Schweiz zwei weitere Jahre zu einem ­hohen Preis verkauft werden.

In EU-Ländern gilt offiziell ein Preis von 48'000 Euro. Zum aktuellen Wechselkurs wären das 49'770 Franken. In ­einigen Ländern liegt der tatsächlich ­bezahlte Preis bereits deutlich tiefer. In Spanien und Frankreich etwa haben die Behörden Gilead zu deutlichen Preisnachlässen gezwungen. Frankreich, das zusammen mit Deutschland, Dänemark, Grossbritannien, den Niederlanden und Österreich zu den Referenzländern gehört, die das BAG bei der Preisfestlegung berücksichtigt, hat den Preis auf 41'000 Euro gedrückt, umgerechnet 42'512 Franken. In Deutschland überlässt es die Behörde den Versicherern und ihren Verbänden, mit dem Hersteller um ­Rabatte zu feilschen. Entsprechende ­Gespräche sind derzeit im Gange.

Auch dieser Weg ist in der Schweiz ausgeschlossen. Der vom BAG vereinbarte Preis ist für die Krankenversicherer verbindlich. Dazu kommt, dass die im Ausland ausgehandelten Rabatte nicht in den Preisvergleich des BAG einfliessen, weil man offiziell keine Kenntnis davon habe (siehe Interview unten).

«Inakzeptabel»

Für die Ärzte, welche die potenten Medikamente anwenden, geht die unbefriedigende Situation weiter, die mit ­Sovaldi ihren Anfang genommen hatte. Sie müssen Patienten abweisen, obwohl diese bereits ernsthaft erkrankt sind, aber eben noch nicht schlimm genug. «Die Limitation ist inakzeptabel», kritisiert der Mediziner Beat Müllhaupt.

Das zeigt sich deutlich an Sovaldi. Gemäss Limitation darf das Medikament ausschliesslich mit bestimmten Substanzen kombiniert werden. Dazu gehört das mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehende Interferon. Dabei sind mittlerweile neue Substanzen anderer Pharmahersteller erhältlich, welche in Kombination mit Sovaldi «nicht nur kostengünstiger, sondern auch effizienter und sicherer sind, als das, was die Limitation zulässt», kritisiert Philip Bruggmann, Chefarzt der Arud Zentren für Suchtmedizin in Zürich. Dazu gehören Daklinza von Bristol-Myers Squibb und Olysio des belgischen Herstellers Janssen. Beide Medikamente sind in der Schweiz noch nicht zugelassen. Begüterte Patienten könnten die Medikamente aus dem Ausland importieren. Daklinza kostet in Deutschland 39'000 Euro oder knapp 40'500 Franken. Oder die Patienten können hoffen, an einem sogenannten Early Access Programm teilzunehmen, bei dem die Herstellerfirmen das Präparat gratis abgegeben. ­Bezahlt werden muss hingegen Sovaldi.

Krankenkassen im Dilemma

Für die Krankenkassen ist das eine ­heik­le Grauzone, in der sie sich unterschiedlich bewegen. Die einen übernehmen die Kosten ohne grosse Diskussionen. «Diese Kassen haben eingesehen, dass die Medikamentenkosten nur einen Bruchteil der zu erwartenden Folgekosten ausmachen bei Patienten mit stark fortgeschrittenem Leberschaden», sagt Bruggmann. Andere Kassen weigern sich. Dem Vernehmen nach soll ein Versicherer bereits sein, knapp 30 Prozent des Preises von Sovaldi zu bezahlen. Das entspreche den Herstellkosten von Gilead.

Zu den Versicherern, die einen restriktiven Kurs fahren, zählt die Concordia, was ihr Kritik von Ärzten einträgt. Jürg Vontobel, Leiter Leistungsmanagement und Mitglied der Geschäftsleitung weist die Vorwürfe mit Verweis auf die strikten Vorgaben des BAG zurück. «In der Grundversicherung gibt es gemäss Gesetz absolut keinen Raum für Kulanz.» Für soziale Härtefälle halte die Versicherung jedoch einen Fonds bereit.

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