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Der PollerEin frischgebackener Vater geht nur allen auf die Nerven

Eine nicht mehr ganz junge Dame spricht sich gegen den bezahlten Vaterschaftsurlaub aus und eckt damit gewaltig an. Eine Kolumne von Dieter Stamm.

Die Jungen sollen abstimmen, ihnen gehört die Zukunft. Frieda jagt ihrem Sohn einen Schrecken ein.
Die Jungen sollen abstimmen, ihnen gehört die Zukunft. Frieda jagt ihrem Sohn einen Schrecken ein.
Foto: zvg

Frieda ist die Mutter eines alten Freundes und eine überzeugte Misanthropin. Ich mag sie sehr. Letztes Mal, als ich vorbeiging, lagen die Abstimmungsunterlagen auf dem Küchentisch. Ungeöffnet.

Was stimmst du?, fragte ich.

Fünfmal Nein, erwiderte sie.

Sie stimmt aus Prinzip Nein, sagte mein alter Freund, der gerade in die Küche kam.

Nein, dein Grossvater hat aus Prinzip Nein gestimmt, erwiderte Frieda. Weil er keine Veränderung wollte. Ich will Veränderung. Aber nicht aus Prinzip.

Mein alter Freund nahm die Abstimmungsunterlagen in die Hand, als wolle er die Prinzipien seiner Mutter wägen. Wo, bitte schön, willst du denn schon Veränderung?, fragte er.

Ich bin zum Beispiel dafür, dass man gegen Pestizide ist, sagte sie. Und ich bin auch dafür, dass man gegen Laubbläser ist. Oder gegen dauerkläffende Kleinhunde. Oder gegen…

Schon gut, fuhr mein alter Freund dazwischen. Du lenkst ab, wie immer. Wenn du bei dieser Abstimmung fünfmal Nein sagst, dann bist du auch gegen den Vaterschaftsurlaub, und das ist reaktionär. Einfach nur reaktionär.

Frieda steckte sich eine Zigarette an und schwieg.

Und wenn sie keine Argumente hat, schweigt sie einfach, sagte mein alter Freund zu mir gewandt. Gönnt den Vätern diese zwei lumpigen Wochen nicht. Sie gönnt den Menschen grundsätzlich nichts mehr. Die Menschen hätten genug, sagt sie. Jetzt sei die Natur an der Reihe. Als ob der Mensch nicht auch Natur wäre!

Ich sage nicht: Die Menschen haben jetzt genug, korrigierte Frieda. Ich sage: Die Leute haben jetzt genug.

Und dann noch als Frau und Mutter gegen den Vaterschaftsurlaub, ereiferte sich mein alter Freund.

Ich stimme durchaus im Sinne der Frauen und Mütter, erwiderte Frieda. Ein frischgebackener Vater zu Hause, du meine Güte, der geht nur allen auf die Nerven. Inklusive der Mutter. Und die Mutter hat schon mit dem Kind genug zu tun.

Als ob das bei allen gleich wäre!, rief mein alter Freund empört und warf die Abstimmungsunterlagen zurück auf den Küchentisch.

Ich sage ja nur, dass es nicht obligatorisch sein soll, zu Hause zu sein, sagte Frieda. Wenn wir das ins Gesetz schreiben, müssen auch jene zu Hause bleiben, bei denen es besser wäre, sie blieben nicht. Das würde ja dann von allen erwartet. Bis die Frau entnervt sagt: Willst du die zweite Woche nicht lieber nach Monte Carlo ans Formel-1-Rennen? Aber ich weiss einfach nicht, ob die Allgemeinheit einem frischgebackenen Vater eine Reise nach Monte Carlo bezahlen soll.

Das ist doch einfach nur Blödsinn!, rief mein alter Freund. Jeder Mann kann sich ein bisschen nützlich machen, und wenn es nur der Einkauf ist.

Die Besorgungen kann er problemlos auf dem Nachhauseweg von der Arbeit machen, beruhigte ihn Frieda.

Ich habe gekocht, warf mein alter Freund in einem Anflug von Verzweiflung ein. Und gewaschen. Und abgewaschen.

Aber das hast du ja immer gemacht, erwiderte sie. Also braucht es auch für solche wie dich keinen bezahlten Vaterschaftsurlaub.

Das reichte. Mein alter Freund japste nach Luft und verliess die Küche.

Als er ausser Hörweite war, fragte ich Frieda: Stimmst du wirklich Nein?

Ach was, erwiderte sie und schmiss die Abstimmungsunterlagen in den Abfalleimer. Ich stimme und wähle schon lange nicht mehr. Das sollen die Jungen machen, denen gehört die Zukunft.

Der Schreibende ist nicht ganz so konsequent wie Frieda. Und er findet auch nicht, dass die Alten aufs Wählen und Stimmen verzichten sollten. Ihre Stimmkraft sollte nur etwas geringer sein. Zum Beispiel nach folgendem Modell: Bis 25 bekommt man eine halbe Stimme, weil die Erfahrung noch fehlt. Von 25 bis 60 bekommt man eine ganze Stimme, weil Erfahrung und Zukunft vorhanden sind. Und ab 60 hätte man wieder eine halbe Stimme, weil die Erfahrung ja immerhin geblieben ist.