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Kriminalfälle in der KunstEin falscher Rothko für 7,2 Millionen Dollar

Der Kunstmarkt ist ein Paradies für Fälscher und Verbrecher: Wo ein Kauf gerne mit einem Handschlag quittiert wird, gilt der eigene Geschmack oft mehr als die wissenschaftliche Expertise.

Sieht echt genug aus, ist aber gefälscht: Der Casinobetreiber Frank J. Fertitta III aus Las Vegas kaufte 2008 bei einer New Yorker Galerie für 7,2 Millionen Dollar ein Gemälde von Mark Rothko, das sich als Fälschung erwies.
Sieht echt genug aus, ist aber gefälscht: Der Casinobetreiber Frank J. Fertitta III aus Las Vegas kaufte 2008 bei einer New Yorker Galerie für 7,2 Millionen Dollar ein Gemälde von Mark Rothko, das sich als Fälschung erwies.
Foto: AP

Es geschah am helllichten Tag. Es war im August 1911, als drei Männer in weissen Kitteln die «Mona Lisa», das Bild aller Bilder, im Louvre abhängten und sich mit ihrer Beute durch einen Seiteneingang absetzten. Das Bild verschwand in einem Keller in Paris, während die Weltpresse sich in Schlagzeilen überbot.

Damit hatte der Argentinier Eduardo de Valfierno gerechnet. Er hat als Strippenzieher nicht nur einen an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Kunstraub eingefädelt und durchführen lassen, sondern auch Mediengeschichte geschrieben. Denn viel wichtiger als das Original, um das er sich gar nicht kümmern wollte, waren ihm die Meldungen über dessen Verlust.

Ein Räuber als Nationalheld

Plötzlich war der Kunstmarkt frei für seine gefälschten «Mona Lisas», die er in weiser Voraussicht in sechsfacher Ausführung von Restaurator Yves Chaudron hatte anfertigen lassen. Alle sechs Fälschungen hat Valfierno an amerikanische Sammler verkauft. 300’000 Dollar hat der Betrüger eingenommen, was heute etwa 40 Millionen Dollar entspricht.

Was geschah mit den Dieben? Einer von ihnen versuchte, das echte Gemälde 1913 an die Uffizien in Florenz zu verkaufen. Dabei hat man ihn gefasst und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Als er wieder freigelassen wurde, feierte ihn die italienische Presse für die versuchte Repatriierung der «Mona Lisa» wie einen Nationalhelden. Dabei hatte Leonardo da Vinci das Bild einst höchstselbst an den französischen König Franz I. verkauft. Valfierno seinerseits ist für sein Verbrechen nie belangt worden und erfreute sich ungeschoren seines ergaunerten Reichtums.

Die «Mona Lisa»-Story war beileibe nicht die erste Fälschung der Kunstgeschichte, sie stösst aber die Tür auf in ein Jahrhundert, in dem es von Fälschungen und Verbrechen im Namen der Kunst nur so wimmelt. Und was Valfierno mit seinen Kumpanen anstellte, enthielt fast schon paradigmatisch den Stoff, aus dem alle folgenden Kunstverbrechen gestrickt sind.

So sind die Motive der Fälscher und Strippenzieher – die beiden Rollen hat zum Beispiel der Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi in Personalunion ausgefüllt – zuerst einmal der monetäre Erfolg, der in der Regel ein atemberaubender ist. Dann zeigt sich in der Arbeit des Fälschers eine hohe handwerkliche Kunst, was dem Publikum ja nicht nur bei Kunstfälschern, sondern auch bei Bankräubern meist grosse Bewunderung abverlangt.

Ausser ein paar Kriminalpolizisten fand sich kein Kaufinteressent.

Ganz besonderes Glück war Valfierno beschieden. Er konnte die falschen Leonardos, die durch das Verschwinden des echten plötzlich zu scheinbar echten werden konnten, an den Mann bringen. Das fällt zumindest heute nicht mehr so einfach. Ein Dieb, der ein berühmtes Werk an einen Sammler verkaufen will, bleibt meist darauf sitzen.

Denn wem sollten beispielsweise die bewaffneten Räuber, die 2008 das Zürcher Museum der Sammlung Bührle stürmten und vier kapitale Werke im Gesamtwert von 180 Millionen Franken entwendeten, diese Kunst verkaufen? Es fand sich niemand, ausser ein paar Kriminalpolizisten, die sich als Kaufinteressenten tarnten. Als Anzahlung bezahlten sie den Betrügern 1,6 Millionen Franken. Die Gauner wurden zu bis zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, die Bilder sind längst wieder im Besitz der Sammlung Bührle.

Noch immer fast ein Kavaliersdelikt

Die Strafen, die Kunsträuber und -betrüger zu gewärtigen haben, sind in der Regel gering. Daran hat sich in den letzten hundert Jahren wenig geändert. Ganz zu schweigen vom Applaus der Öffentlichkeit, den man als Kunstfälscher und -räuber beinahe sicher bekommt. So wie der Räuber der «Mona Lisa» als gefeierter Patriot erster Güte auf Händen getragen wurde, so sehr geniesst Wolfgang Beltracchi in seinem Haus im luzernischen Meggen seinen Status als Kunstfälscher-Popstar.

Immerhin wurde auch Beltracchi zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er allerdings nur zur Hälfte absitzen musste. Seine Betrugsmasche hat ihm schätzungsweise 20 bis 50 Millionen Euro eingebracht, wovon er nur 2 Millionen als Schadenersatz abgeben musste. Zudem sind nach Beltracchis eigenen Angaben noch etwa 200 bis 230 von ihm gefälschte Bilder im Umlauf.

Warum ist das so? Weil die Käufer und Verkäufer, also die Galeristen, Auktionshäuser, die Sammler und Museen, ganz einfach zu gutgläubig sind. Weil sie sich gerne von der Schönheit eines Bildes blenden lassen und den damit verbundenen Gewinn, sei er monetärer Art oder das Renommee betreffend, einfach zu gerne einstreichen.

Nehmen wir noch einen anderen Schweizer Fall, der international Furore gemacht hat: Im Jahr 2014 hat Oliver Wick, der jahrelang bei der Fondation Beyeler angestellt war, nach nur einem Jahr als Kurator am Kunsthaus Zürich seine Kündigung eingereicht. Denn im selben Jahr begann ein Prozess vor einem New Yorker Gericht, wo ein steinreicher Casinomagnat aus Las Vegas Wick anklagte, weil er seinetwegen einen falschen Mark Rothko für 7,2 Millionen Dollar gekauft habe.

Wick, damals ein renommierter Spezialist in Sachen Rothko, hatte sich seine Expertise mit einer Provision von 150’000 Dollar und einem Honorar von 300’000 Dollar bezahlen lassen. Der Prozess endete mit einem Vergleich, zu dem keine Details bekannt geworden sind.

Eine unabhängige Prüfung ist viel wertvoller.

Im Grunde ist gegen die Fälschungsmanie, wie sie zwei neue Bücher zum Thema mit unzähligen Beispielen nachweisen können, nur ein Kraut gewachsen: mehr Kontrolle, mehr Expertise, mehr Achtsamkeit von Käufern und Verkäufern.

Es gibt zwar ziemlich griffige Geldwäschereigesetze, an die sich der Kunsthandel halten muss. Auch das Schweizer Kulturgutschutzgesetz verpflichtet zur Sorgfalt und schreibt vor, dass Händler über ihre Verkäufe und Käufer Buch führen müssen.

Keine Vorschriften bezüglich Echtheit

Aber es gibt keine staatlich anerkannten Echtheitszertifikate, die dafür sorgen, dass jedes Bild oder wenigstens jedes zweifelhafte Bild nach allen Regeln der Kunst auf seine Echtheit geprüft wird. Es gibt nicht einmal Vorschriften, wie und von wem die Echtheit eines Werkes bescheinigt wird.

Wäre das wünschbar? Jedenfalls ist eine unabhängige Prüfung eines Bildes, wie sie zum Beispiel vom Schweizerischen Kunstinstitut in Zürich vorgenommen wird, das seine Dienste zum Stundenlohn anbietet, ungleich viel wertvoller als eine Expertise von einem Kunsthistoriker, der sich dafür Hunderttausende Franken auszahlen lässt.

Ein wichtiges Mittel zum Aufspüren von Fälschungen wäre mit Sicherheit auch eine allgemein zugängliche Datenbank kritischer Werke. Zwar gibt es eine solche in Deutschland. Leider aber ist sie nur einer kleinen Gruppe von Eingeweihten zugänglich, sodass keine Transparenz zustande kommt.

Da das Ziel jeder Fälschung der Käufer ist, der dafür Unsummen ausgibt, liegt es letztlich an diesem, dass er sein Bild von wissenschaftlich arbeitenden, unabhängigen Experten zertifizieren lässt. Auch hier gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Der Kaufinteressent kann nach Lage der Dinge die Beweislast für die Echtheit eines Bildes nicht einfach auf den Verkäufer abwälzen.

Es ist vielmehr der Käufer, der das Bild mithilfe der Provenienzrecherche, der materiellen Gegenstandssicherung und der vergleichenden, stilkritischen Analyse von ausgewiesenen Experten prüfen lassen muss. So hat er die grösstmögliche Sicherheit, nicht betrogen zu werden.