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«Beastie Boys Story»Ein bezaubernder Sauhaufen

Die Beastie-Boys-Doku von Spike Jonze zeigt, wie eine Hip-Hop-Gruppe aus New York mit pubertärem Quatsch begann und dann ganz gross wurde.

Die Beastie Boys aus New York: Mike Diamond, der 2012 verstorbene Adam Yauch and Adam Horovitz im Jahr 1993.
Die Beastie Boys aus New York: Mike Diamond, der 2012 verstorbene Adam Yauch and Adam Horovitz im Jahr 1993.
Foto: Apple

Falls es jemanden gibt, der das so mächtig loshustende Bass-Riff von «Sabotage» nicht im Ohr hat: geschwind auflegen und diesen Makel beheben. Es ist wirklich bedeutend, und das Ganze dauert nur knappe drei Minuten, die sich wie eineinhalb anfühlen, auch weil der Song ziemlich genau in der Mitte kurz endet. Und der Euphorieschub, wenn Adam Yauch diesem hysterischen Pogo-Befehl von einem Song bei 1:40 Minuten mit seinen synkopierten Sechzehnteln, die sich direkt ins Rückenmark fräsen, ein Extra-Leben schenkt, ist wirklich enorm wohltuend.

Unter den vielen Dingen, die Leben verändern können, sind Basslinien sicher nicht die häufigsten, aber wenn sie den Lauf der Dinge mal bestimmen, hat das doch eine ganz eigene Schönheit.

Und jetzt war da dieses alles dominierende Riff, 1994 auf «Ill Communication» erschienen, eine Art Zwillingsalbum zum zwei Jahre zuvor veröffentlichten «Check Your Head», und mit diesen beiden Werken kämpften die Beastie Boys eine Entscheidungsschlacht: Ewigkeit oder Bedeutungslosigkeit. Dass es schliesslich die Ewigkeit geworden ist, war damals noch keineswegs ausgemacht.

«Sabotage» hatte eben noch nicht die letzten Grenzen gesprengt und es der Band ermöglicht, nun wirklich alles machen zu können zwischen Rap, Hardcore, Funk und Rock. Mit und ohne Gesang. Headliner-Auftritte auf den grössten Festivals der Welt inklusive. Ein Bass-Riff, das die endgültige Freiheit brachte

Das wäre die eine Geschichte, die die «Beastie Boys Story» erzählt, die Live-Doku, die Regisseur Spike Jonze für TV+ von Apple umgesetzt hat: der Selbstbehauptungskampf einer Gruppe von, nun ja, eben nicht einfach nur Rappern, sondern Künstlern, die irgendwann als Hardcore-Punk-Band angefangen hatten, sich den Status quo aber nie sonderlich lange durchgehen liessen. Was das Ganze wiederum zunächst mal vor allem zu einem Kampf mit sich selbst macht.

Wogegen einer antritt, hängt ja auch davon ab, wo er herkommt. Und das Interessante hier ist, dass die Beastie Boys Anfang der Neunziger fast zu gleichen Teilen von irrwitzigem Erfolg und krachendem Scheitern kamen. Ihr Debüt («Licensed to Ill») hatte Rekorde gebrochen, allerdings mit Inhalten, für die sie sich längst schämten. Der Nachfolger «Paul’s Boutique» war ein künstlerisch brillanter Flop.

Vorbereitungen aufs Musikvideo zu «Sabotage».
Vorbereitungen aufs Musikvideo zu «Sabotage».
Foto: Apple

Beides kein Wunder. Ihre kommerzielle Geschichte beginnt schliesslich Anfang der Achtziger, in einer Zeit, in der Produzenten und Manager Bands noch etwas schäbiger erfinden und formen konnten als heute. In diesem Fall entdeckten also der spätere Über-Produzent Rick Rubin und der Manager Russell Simmons, der damals schon die Hip-Hop-Stars Run DMC und Kurtis Blow unter Vertrag hatte, einen wirklich bezaubernden Sauhaufen aus drei postpubertierenden Jungs und der Schlagzeugerin Kate Schellenbach und entwickelten eine Vision: weisse Rapper. Weisse Party-Rapper. Männliche weisse Party-Rapper.

«Drei Idioten erschaffen ein Meisterwerk»

Der «Rolling Stone» über das Debüt der Beastie Boys

Also weg mit der Frau. Weg mit grösseren Teilen der Hardcore-Punk-Ansätze. Weg auch mit dem Resthirn und an die Stelle all dessen: die «Cartoon-Version einer Achtzigerjahre-Metalband» (Gitarrist Ad-Rock über die Zeit). Textbeispiel? «Girls, to do the dishes / Girls, to clean up my room / Girls, to do the laundry / And in the bathroom – girls.» Überschrift der «Rolling Stone»-Rezension zum Debüt: «Drei Idioten erschaffen ein Meisterwerk».

Es gehört zu den Stärken dieser Live-Doku, in der Michael «Mike D» Diamond und Adam «Ad-Rock» Horovitz auf der Bühne des Kings Theatre in Brooklyn eine Beteiligtenversion ihres Wikipedia-Eintrags aufführen, wie sie mit gütiger Abscheu auf diese Zeit zurückblicken. Eine Zeit, in der sie, nach Ideen fürs Bühnenbild der ersten Tour gefragt – angeblich im Scherz – ein meterhohes DJ-Pult bestellten, das aussah wie ein Sixpack Dosenbier. Dazu Gogo-Tänzerinnen in einem Käfig. Und einen hydraulischen Penis.

Eine Zeit, in der die Grenzen irgendwann verschwammen und die Gewissheiten und stattdessen die Fragen lauter wurden: Mache ich mich in «Fight For Your Right (to Party)» noch über den bierseligen Verbindungsstudenten lustig? Oder bin ich längst selbst einer von diesen Typ, die Frauen bloss zum Putzen, Aufräumen und Wäschewaschen klasse finden?

Wo sind die schwarzen Kollegen?

Zu den Schwächen der Doku gehört, dass nur Diamond und Horovitz selbst die Antworten geben. Nicht die gefeuerte Kate Schellenbach. Und auch keine andere kluge Frau aus diesen Tagen. Und keine schwarzen Kollegen. Die Frage nach der kulturellen Aneignung eines Genres durch weisse Wohlstandsbubis ist bei den Beastie Boys zwar humorlos und auch ein bisschen blöd, hätte aber genau deshalb eine humorvolle Antwort verdient. Auch und gerade, weils ein schwarzer Manager erfunden hat. Nun, seis drum.

Die eigentliche Geschichte ist ohnehin, wie schon im sehr liebevoll gestalteten «Beastie Boys Buch» (dem die Doku nicht sehr viel hinzufügt), die nach dem Verschwinden: zwei Rapper, wo vorher drei waren. MCA, also eben jener Adam Yauch, Bassist, Status-quo-Grossinfragesteller und Kreativgenie des Trios, ist 2012 an Krebs gestorben. Wer heute über die Beastie Boys spricht, spricht also immer auch über die grosse Lücke, die auch kein noch so zwingend gespielter Bass schliesst.

Er sei lieber ein Heuchler als jemand, der immer derselbe bleibe, hat Ad-Rock einmal gesagt.

Es war ja vor allem Yauch, der immer weiter wollte. Was zunächst hiess, dass er ausstieg. Das Sixpack-Podest, die Go-Gos, der Sexismus und der verdammte Penis, acht Meter hoch übrigens, und angeblich wird er bei Weihnachtsfeiern mit der Crew noch immer im Scherz ausgefahren, zerdrückten die Seele des Menschen, der sich – ebenfalls auf «Ill Communications» – bei den Frauen der Welt für die Vergangenheit der Band entschuldigte: Er wolle etwas sagen, das überfällig sei, rappt er auf dem Song «Sure Shot». Die Respektlosigkeit gegenüber Frauen müsse aufhören. Und: «To all the mothers and the sisters and the wives and friends / I want to offer my love and respect to the end.»

Und so ist die «Beastie Boys Story» auch eine Geschichte über Veränderungen – von Menschen, von Bands, womöglich sogar von Systemen. Er sei lieber ein Heuchler als jemand, der immer derselbe bleibe, hat Ad-Rock einmal gesagt, als man ihm Heuchelei vorwarf. Wegen der Diskrepanz seiner Texte damals und heute. Wenn der Satz in der Doku auftaucht, bereitet er womöglich noch etwas vor, worüber Fans wieder lauter spekulieren, seit Horovitz in der «Late Late Show» von Moderator James Corden die Möglichkeit einräumte, dass von dem Material, das noch herumliege, vielleicht doch noch etwas veröffentlicht werden könnte.

Das Netz überschlug sich danach angemessen: Ein neues Beastie-Boys-Album? Womöglich sogar wieder Auftritte? Man wünscht es sich natürlich. Und fürchtet es. Die Bühne jedenfalls, selbst in diesem nicht immens grossen Theater, wirkt doch sehr weitläufig für nur zwei Menschen. Und die Vergangenheit auf der Leinwand dahinter übermächtig.

«Beastie Boys Story», auf Apples TV+.