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Trouvaillen aus dem LiteraturarchivEin Archivmonster in 439 Versionen

Zehn Romane umfasst Daniel de Roulets Saga «Die menschliche Simulation» über die Geschichte der Nuklearenergie. Das immense Zeitgemälde ist nun auch digital greifbar.

Unglaublich viele Dokumente: Archivmaterialien zu Daniel de Roulets «Die menschliche Simulation».
Unglaublich viele Dokumente: Archivmaterialien zu Daniel de Roulets «Die menschliche Simulation».
Foto: Simon Schmid, NB

Was ist ein Metaroman? Wie trifft man auf Robert Oppenheimer, Andrei Sacharow oder Lise Meitner und folgt, über siebzig Jahre und drei Kontinente hinweg, der Spur zweier Familien, deren Schicksale eng mit der Geschichte der Nuklearenergie verknüpft sind, von Hiroshima nach Fukushima, über Creys-Malville, Los Alamos, Three Mile Island und Lucens, vorbei an den Barrikaden von 1968 und dem Marathon von New York?

Alle diese Themen greift die Saga «Die menschliche Simulation» («La simulation humaine») auf, die Daniel de Roulet zwischen 1993 und 2014 veröffentlicht hat und über die er sagt: «Es handelt sich um zehn Romane, die unabhängig voneinander und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können und zudem in einer Ordnung publiziert worden sind, die keinesfalls chronologisch ist. Zum Abschluss kann man sie chronologisch zusammenstellen, um eine Geschichte entstehen zu lassen, einen Romanzyklus, einen ‹roman-fleuve›.»

«Die einzige Sache, die die Zeit überdauert, ist Papier. Anstelle eines Papierkorbs steht bei mir ein Archivkorb herum.»

Daniel de Roulet

Im Archiv schlägt sich dieses Projekt in einer entsprechenden Menge von Dokumenten nieder. Abgesehen von den sechzig «grossen Heften», Textversuchen mitsamt Skizzen, Plänen, Entwürfen und Notizen, zählt man nicht weniger als 439 aufeinanderfolgende Versionen dieser zehn Romane sowie etwa zwanzig Versuche, sie innerhalb eines einheitlichen Ganzen anzuordnen. «Ich habe in der Informatik gearbeitet», erklärte de Roulet anlässlich einer Veranstaltung im SLA, «und mir ist bewusst geworden, wie instabil digitale Archive sein können. Die einzige Sache, die die Zeit überdauert, ist Papier. Anstelle eines Papierkorbs steht bei mir ein Archivkorb herum. Da ich kein allzu selbstsicherer Schriftsteller bin, erlaubt mir das auch, jederzeit zu früheren Versionen zurückzukehren.»

Ein solcher fast ein Vierteljahrhundert fortgesetzter Schreibprozess entbehrt nicht der Risiken und manchmal unglücklicher Zufälle. So geschehen etwa im Fall des umfangreichen Romans «Fusion», dessen Handlung um zwei bestimmte New Yorker Immobilien kreist und der, nach Einreichung beim Verlag, am 11. September 2001 abgelehnt wurde: «Das war ein harter Schlag für mich. Ich hielt es für mein bestes Buch, und niemand wollte es, weil man die Geschichte dieser zwei Türme nicht mehr wie bisher erzählen konnte.» Unter dem Titel «Fusions» sollte das Buch dann doch noch das Licht der Welt erblicken, erst elf Jahre später und in einem anderen Verlag.

Digitale Version

Da die Veröffentlichung des Zyklus sich über eine sehr lange Zeit hinzog, drei unterschiedliche Verlagshäuser durchlief und auf einer nicht linearen Chronologie aufbaute, war auch der Gesamtzusammenhang des Projekts nicht zwangsläufig ersichtlich. Folglich setzte sich Daniel de Roulet mit der ETH Lausanne (EPFL) in Verbindung, und 2014 entstand im Rahmen der Dissertation von Cyril Bornet am Laboratoire d’humanités digitales eine digitale Version der Saga (www.simulationhumaine.com).

Diese erlaubt es – je nach vorhandener Lektürezeit – durch die Texte zu blättern und etwa ein einzelnes Kapitel, eine Novelle, einen Roman oder die Gesamtheit des Ensembles zu entdecken. Und all das kostenlos. Derart verortet «Die menschliche Simulation» die Literatur sowohl über ihren Inhalt als auch über ihre Verbreitung im Herzen der Wirklichkeit. «Sich nicht der technischen Realität dieser Welt zu stellen, bedeutet für einen Autor, einen Teil seiner Mission zu verleugnen», so Daniel de Roulet.

Übrigens befindet sich das Archiv dieser elektronischen Erschliessung (noch) nicht im SLA: Die obgenannten Dokumente dürften künftig also noch reichlich Zuwachs erhalten.

Das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) präsentiert einmal im Monat Trouvaillen aus den Beständen.