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Pop-BriefingEin Album wie gemacht für 2020 und Isländer, die Hanf-Tinkturen machen

Das zweite Album von Phoebe Bridgers überstrahlt in dieser Woche alles. Und es gibt noch zwei Protestsongs nachzutragen, die es in sich haben.

Phoebe Bridgers – mit Album Nummer zwei in Hochform.
Phoebe Bridgers – mit Album Nummer zwei in Hochform.
Foto: zvg

Das muss man hören

Phoebe Bridgers zweites Album «Punisher» strotzt nur so vor Reife. Musikalisch eher auf der leisen Seite, aber keineswegs reduziert, im Gegenteil; reich instrumentiert und filigran umgesetzt, begeistert es mit seinem Ideenreichtum. Ein Album für diese Zeit: mal mit geschwellter Brust, stolz und selbstbewusst, mal unsicher und verletzlich.

Likwid Continual Space Motion, das Broken-Beat-Jazz-Projekt des Londoner Künstlers IG Culture, hat nach einer EP im vergangenen Jahr das Album «Earthbound» veröffentlicht. Während dogmatische Jazzpuristen hier die Nase rümpfen mögen, werden offenherzige Musikfans ihre helle Freude an dieser wilden Mischung aus klassischem Jazz, Afrojazz und Broken Beats haben. Wenn Sie nur Geduld für ein Stück haben: Hören Sie das unwiderstehlich schlackernde «The Box».

In den vergangenen Wochen gab es einige starke Stücke (zuletzt auch von Beyoncé), die sich mit Diskriminierung und Polizeigewalt auseinandersetzt haben. Etwas mehr Zeit gelassen hat sich Anderson Paak, und ihm ist der bislang wohl ultimative Protestsong gelungen. Unverschämt groovy!

Besonders hörenswert ist auch die Nummer der Experimental-Hip-Hopper Clipping (deren Daveed Diggs übrigens zurzeit als Andre Layton in der Netflix-Serie «Snowpiercer» zu sehen ist). Auch hier geht es natürlich um die Ereignisse in den USA der vergangenen Wochen. Klare Ansage.

Und auch die Elder Statesmen des Polit-Rap, Public Enemy, melden sich zu Wort. Das klingt natürlich erwartbar klassisch, ist deswegen aber nicht weniger wortgewaltig.

Am Freitag erscheint «Mordechai», das dritte Album von Houstons Psychedelic-Poppern Khruangbin. Nach dem betörend schönen «So We Won’t Forget» liessen sie unlängst mit «Pelota» einen weiteren Vorboten vom Stapel. Ein hypnotisches Bijou von einem Song.

Dass die Killers mit der grossen Kelle anrühren, ist nichts Neues. Ihre neue Single «My Own Soul’s Warning» ist allerdings durchaus gelungen. Poprock in möglichst grosser Stimmigkeit. Gegen die grosse Geste und eine gehörige Portion Pathos wird doch niemand etwas haben?

Darüber wird gesprochen

Wie reagiert die Musikbranche auf die unsichere Lage am Eventmarkt? Einen Hinweis könnte ein Memo von einem der weltweit grössten Konzertveranstalter, Livenation, geben, das dem Musikmagazin «Rolling Stone» vorliegt. Demnach möchte Livenation mögliche Verdienstausfälle an die Künstlerinnen und Künstler selbst weitergeben. Eine oftmals kritisierte Praxis, nämlich dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, könnte damit auch in der Kultur Einzug halten. Sicher eine bedenkliche Entwicklung.

Das Schweizer Fenster

Evelinn Trouble hat ein neues Stück veröffentlicht. Musikalisch ist «Fools» solide, viel wichtiger ist wohl, dass die Einnahmen, die auf Bandcamp generiert werden, dem NAACP Legal Fund sowie der Schweizer «Allianz gegen Racial Profiling» zugutekommen.

Was blüht

In unsicheren Zeiten müssen auch Musikschaffende schauen, wo sie bleiben. Da passt es vielleicht, dass Islands Indie-Aushängeschild Sigur Ros neu zwei CBD-Tinkturen auf den Markt bringt. Die eine heisst «Wake», die andere «Sleep», und sie sollen wohl genau das bewirken. Das Fläschchen zu 30 Milliliter kostet 58 Dollar (knapp 55 Franken). Ob ihr Meisterwerk «( )» unter Einfluss der Tröpfchen anders klingt, konnte bis Redaktionsschluss leider nicht getestet werden.

Um ihr Erbe brauchen sich die verbliebenen Mitglieder von The Grateful Dead wohl keine Sorgen zu machen, nichtsdestotrotz kommt auch hier ein Produkt auf den Markt, welches nur am Rande mit dem ursprünglichen künstlerischen Schaffen zu tun hat: eine Serie von fünf Deodorants. Wollen wir wirklich wissen, wie die riechen?

Das Fundstück

«Tiny Desk Concerts» gibt es mittlerweile viele. Und die meisten Ausgaben der sympathischen Konzertreihe von NPR können sich hören lassen. Aber selbst in einer solchen Sammlung hochstehender Musikveranstaltungen gibt es Highlights. Wie zum Beispiel der Auftritt der Free Nationals, der Begleitband von Anderson Paak (der sich übrigens auch die Ehre gibt). Die Spielfreude, die Musikalität, diese eigene, sexy Interpretation von R&B und Funk, das sind fast zwanzig Minuten Glückseligkeit.

Die Wochentonspur

Die beste Musik der letzten Wochen, neu mit der Percussion von Nihiloxica, neuen Nummern von Fontaines D.C. und Idles sowie einem tollen Stück von Big Red Machine, dem Freizeitprojekt von Aaron Dessner (The National) und Justin Vernon (Bon Iver). Es singt niemand Geringeres als R.E.M.-Sänger Michael Stipe.