«Ehrlichkeit und Authentizität sind besser als jedes Autoritätstheater»

Familientherapeut Jesper Juul über die Frage, ob Kinder heute glücklicher sind als früher – und wie sie essen sollten.

Auch im Rollstuhl setzt er seine Arbeit fort: Jesper Juul vor seiner Wohnung in Odder. Foto: Franz Bischof (Laif)

Auch im Rollstuhl setzt er seine Arbeit fort: Jesper Juul vor seiner Wohnung in Odder. Foto: Franz Bischof (Laif)

Sind Kinder heute glücklicher oder unglücklicher als früher? Es gibt keinen Zweifel, dass sie in ganz Europa selbstbewusster geworden sind. Aber dies führt nicht per se zu mehr Glück. Tatsächlich zeigen Studien aber, dass dänische Kinder glücklicher sind als andere, besonders ab dem Alter von fünf Jahren. Sie fühlen sich eingebunden in die Familie und ernst genommen. Und sie profitieren sehr davon, dass dänische Väter sich so in Betreuung und Erziehung einbringen und engagieren. Überhaupt macht unsere Gesellschaft ihre Bürger glücklich: Wir sind sehr demokratisch, haben fast keine Korruption und vertrauen einander. Selbst Misstrauen generiert bei uns nicht diesen blinden Hass, der anderswo die Gesellschaften spaltet. Ich weiss allerdings nicht, als wie glücklich sich schweizerische Kinder einschätzen würden, wenn interessierte Erwachsene sie fragen und ihre Antworten ernst nehmen würden.

In einem Interview betonen Sie: Obwohl Kinder heute wichtiger zu sein scheinen als früher, wirken Familien tendenziell unglücklicher. Was lässt sich dagegen tun? Gesunde Werte in unser Leben einpflanzen und pflegen.

Sollte es überall die Chance der langen Elternzeit geben? So etwas könnte natürlich auch teilweise zu einem konservativen Backlash führen, nach dem Motto «Mütter bleibt daheim». Zumindest solange zentraleuropäische Väter sich nicht die gleiche Verantwortung wie skandinavische wünschen; nicht nach dem Privileg verlangen, mit ihren Kindern zu «bonden».

Die Beziehung zu Kindern soll man authentisch, wertschätzend und integer gestalten, fordern Sie – bei gleichzeitiger Führung. Aber wie schafft man das? Besonders heute, wo oft beide Elternteile völlig aufgerieben werden von der Arbeitswelt – und die Kinder das mitkriegen? Eigentlich nur, indem man sie anlügt. Im Ernst jetzt: Man dachte immer, dass beim Erziehen Konsequenz der entscheidende Faktor sei. Aber das hat noch nie gestimmt. Wirklich wichtig ist, dass man die Werte praktiziert, die man predigt: die Übereinstimmung von Wort und Tat. Und dass man überhaupt erst gute Werte für sich findet, wie ich sie etwa im Buch «Leitwölfe sein» skizziere. Ein Beispiel: Es ist unmöglich, Kindern einen gesunden und genussreichen Umgang mit Nahrungsmitteln zu vermitteln, wenn die eigene Figur und die Angst vor Gewichtszunahme ein grosses Thema für einen ist. Skandinavische Mütter realisieren langsam, dass ihre eigene Obsession, perfekte Körper zu haben, selbst normal gebaute Vorpubertierende dazu bringt, ihre Körper zu hassen und Essstörungen zu entwickeln.

Ist Glück das beste Erziehungsziel? Oder eher Resilienz, der produktive Umgang mit Rückschlägen? Und wie könnte man diese vermitteln? Kinder lernen durch Erfahrung. Und sie werden immer auch negative Erfahrungen machen. Wie sie damit umgehen, wird sie prägen – und hängt sehr von den Eltern ab: Ob diese es akzeptieren, wenn ihre Kinder unglücklich sind; und ob sie ihnen einen Weg aufzeigen, dieses Unglück zu verarbeiten. Dafür müssen die Eltern erst einmal in der Lage sein, das kindliche Unglück ernst zu nehmen und es nicht einfach mit einem schnellen Trost zuzudecken. Sie müssen Empathie zeigen.


Die Lebensbeichte des StarpädagogenJesper Juul hat eine erschreckend ehrliche Autobiografie geschrieben. (Abo+)


In Ihrem Buch «Essen kommen» geht es um solche Konflikte rund um den Familientisch. Essen ohne Zucker, ohne rotes Fleisch und natürlich Bio – gerade aufgeklärte Mittelschichtsmütter wollen nur die besten Lebensmittel für ihr Kind. Doch je mehr die Eltern ihre Macht am Tisch ausüben, desto mehr Widerstand leisten die Kinder, in dem sie wählerisch werden oder sogar essgestört: eine ungute, gefährliche Spirale. Man sollte die Kinder von klein auf am Kochen beteiligen und mit ihnen über die Lebensmittel und ihre Zubereitung sprechen, man sollte sie involvieren, auch beim Einkaufen. Ab rund 18 Monaten kann man sie auch nach ihrer Meinung fragen. Bei Älteren rate ich mit Nachdruck, einen echten Dialog zu führen. Man soll sich wirklich für ihre Präferenzen interessieren – und die eigenen Vorlieben erklären, nicht aufdrücken.

Empfehlen Sie ein bestimmtes Essen? Nein. Aber sobald das Kind feste Nahrung verträgt, soll es die Nahrung erhalten, die der Rest der Familie schätzt und geniesst.

Viele Kinder hassen es aber, am Tisch gemeinsam zu essen. Was tun? Versuchen Sie, eine warme, verbindende Atmosphäre zu schaffen. Möglichst alle Familienmitglieder sollten am Tisch zusammenkommen. Und zwingen Sie die Kinder nie, etwas Bestimmtes zu essen. Spätestens mit zehn, elf Jahren verursacht das nur Ablehnung, Machtspiele und eine schlechte Atmosphäre. Nehmen Sie das Feedback Ihrer Kindern ernst, beim Essen und generell auch sonst. Und lassen Sie Ihre eigenen Gefühle zu. Ehrlichkeit und Authentizität sind in der Erziehung besser als jedes Autoritätstheater.

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