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Kopf des TagesWenn der Feind zum Retter wird

Das Bild geht um die Welt: In London trägt ein schwarzer Aktivist einen verletzten Gegendemonstranten aus dem Getümmel. Jetzt wird Patrick Hutchinson als Held gefeiert.

Inmitten von Auseinandersetzungen in London: Patrick Hutchinson bringt einen Gegendemonstranten in Sicherheit.
Inmitten von Auseinandersetzungen in London: Patrick Hutchinson bringt einen Gegendemonstranten in Sicherheit.
Foto: Dylan Martinez, Reuters

Chaos, Geschrei, ein Mann am Boden. Sichtlich benommen, fasst er sich an den Kopf. Er blutet. Um ihn herum versuchen mehrere Männer, den Verletzten gegen die Angreifer abzuschirmen. Denn noch immer versuchen zahlreiche Personen, auf ihn einzuschlagen. Plötzlich legt ihn einer über seine Schulter und marschiert aus der Menschenmenge heraus, um ihn in Sicherheit zu bringen. Es ist dieses Bild, welches wenige Stunden später um die Welt gehen wird. Auch wenn mehrere Personen an dieser Rettungsaktion beteiligt waren, auf den Titelseiten der Zeitungen wird der Fokus nur auf einem liegen: Patrick Hutchinson.

Der Engländer besuchte am vergangenen Samstag mit seinen Freunden in London zum ersten Mal einen «Black Lives Matter»-Protest, wie er gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN zugibt. «Es wird gerade Geschichte geschrieben. Es versteht sich von selbst, dass ich das unterstützen wollte», so der zweifache Vater, Grossvater und Fitnesstrainer, der eine Gefolgschaft von über 10’000 Abonnenten auf Instagram mit Workout-Videos und Memes unterhält.

«Für Sicherheit sorgen»

Zusammen mit vier weiteren Freunden, allesamt erfahrene Martial-Arts-Kämpfer, besuchte er die anfänglich friedlichen Proteste in der Innenstadt von London, «um für Sicherheit zu sorgen», wie er sagte. Seit dem grausamen Tod des Afroamerikaners George Floyd toben weltweit seit Wochen Antirassismusproteste. Die Demonstranten gehen vermehrt gegen historische Statuen mit kolonialistischem Hintergrund vor. Dagegen wehren sich nun zahlreiche Gegendemonstranten – darunter viele Hooligans und Mitglieder rechtsextremer Gruppierungen.

Der Kurzhaarige mit Dreitagebart auf dem Bild soll einer von denen sein, behaupteten anwesende Demonstranten. Junge schwarze «Black Lives Matter»-Demonstranten sollen ihn so zugerichtet haben, berichten englische Medien. Der genaue Tathergang ist unklar. Sicher ist nur, dass die Londoner Polizei am Samstag mehr als 100 Menschen nach Ausschreitungen festgenommen hat. Beamte seien mit Flaschen, Leuchtraketen und Rauchgranaten beworfen worden, teilte die Polizeibehörde am Sonntag mit.

Es sei eine «unheimliche» Szene gewesen, sagte Hutchinson dem britischen Fernsehsender Channel 4: «Die Jungs gingen da rein, sie bildeten eine Art Schutzwall um ihn, um zu verhindern, dass er noch mehr körperliche Schäden davontrug.» Hutchinson habe die Lage sofort überblickt, den Verletzten geschnappt und versucht, ihn an einen sicheren Ort zu bringen, berichtete einer seiner anwesenden Freunde.

«Ich möchte Gleichheit für alle sehen.»

Patrick Hutchinson

Hutchinson übergab den Verletzten der Polizei. Seither habe er nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Für ihn ging es jedoch sowieso um etwas anderes: «Ich habe das nicht per se für ihn gemacht. Ich habe es vor allem für die jungen Männer und Frauen der ‹Black Lives Matter›-Proteste getan.» Er wollte Negativschlagzeilen verhindern, aber auch als Vorbild vorangehen. Hätten die Polizisten, die bei der Ermordung Floyds nur herumstanden, eingegriffen, wäre dieser wohl noch am Leben, vermutete Hutchinson.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis solche Taten zur Selbstverständlichkeit werden. So lange will der Familienvater weiterkämpfen – auch für seine eigenen Kinder. «Ich möchte Gleichheit für alle sehen. Ich bin Vater, Grossvater, und ich wünsche mir, dass meine kleinen Kinder, meine jungen Enkel, meine Nichten und Neffen eine bessere Welt haben, als ich sie bisher erlebt habe.»

34 Kommentare
    Giachino Thomas

    Hut ab vor Herrn Hutchinson!!!!!!!

    nur schade, dass nicht dieses Verhalten selbstverständlich ist, sondern allem Anschein nach das totale Gegenteil... nur zu hoffen, dass so mancher etwas daraus lernt! aber die Hoffnung stirbt ja am Schluss.