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Affäre Epstein bei NetflixDreck am Stecken

«Filthy Rich» ergründet das Netzwerk des Sextäters Jeffrey Epstein. Und wird von Star-Anwalt Alan Dershowitz als «unglaubwürdig» abgetan.

Opferanwalt Bradley J. Edwards erklärt das Schneeballsystem, das Epstein aufgezogen hatte.
Opferanwalt Bradley J. Edwards erklärt das Schneeballsystem, das Epstein aufgezogen hatte.
Foto: «Filthy Rich», Netflix

Ghislaine Maxwell sitzt im Stadtgefängnis von New York City. Jeffrey Epstein ist seit bald einem Jahr tot. Dass er ein Sextäter war, der unzählige junge Frauen bevorzugt Minderjährige missbrauchte, ist erstellt. Welchen guten Grund gibt es also, sich nun noch die Netflix-Doku «Filthy Rich» anzusehen? Welchen Erkenntnisgewinn bringen die vier rund einstündigen Episoden?

Vor allem das: Der wahre Skandal in dem Fall ist die Unterstützung, die Jeffrey Epstein von höchster Stelle von höchsten Stellen? erhielt. Als er im Jahr 2008 in Florida vor Gericht stand, und als einige seiner Opfer schon darauf hofften, endlich angehört zu werden, gelang seinen Anwälten ein sogenanntes «plea bargaining». Epstein bekannte sich in einem Teilbereich schuldig und handelte dafür Straffreiheit und Konzessionen in anderen Bereichen aus.

Schlafen im schäbigen Motel

Er wurde wegen Begünstigung der Prostitution einer Minderjährigen zu 18 Monaten unbedingt verurteilt. Aber es wurde ihm nicht der Prozess wegen Sex mit Minderjährigen gemacht, und die Haftbedingungen waren sehr, sehr generös. Er war tagsüber auf freiem Fuss und musste nur im Gefängnis übernachten. «Wie eine Unterkunft in einem sehr schäbigen Motel», heisst es dazu in «Filthy Rich».

Die Frustration der Opfer, ihrer Anwälte und einiger Untersuchungsbeamter war enorm. In der Netflix-Doku kommt ausführlich Michael Reiter, der ehemalige Polizeichef von Palm Beach, Florida, zu Wort. Er habe so etwas in seiner Karriere nie vorher und nie nachher erlebt, sagt Reiter.

Wer zog die Fäden? Offenbar vor allem Alex Acosta, damals Bundesanwalt in Florida. Er drehte und wendete die Sache vor zwölf Jahren so, dass Epstein mehr als glimpflich davonkam. Und die Sache gleichzeitig für die Opfer besonders widerlich wurde, denn indem sich Epstein der Förderung der Prostitution schuldig erklärte, bedeutete das ja: Die jungen Frauen waren angeblich käufliche Sexarbeiterinnen.

Wer die vielen, vielen Interviews mit diesen Frauen anschaut, damals alles Teenagerinnen, begreift: Auch wenn sie ursprünglich die Hoffnung hatten, rasch und einfach 200 Dollar zu verdienen, waren sie alles andere als Prostituierte. Die meisten von ihnen stammten aus prekären Verhältnissen oder aus kaputten Familien. Sie wurden in Epsteins Residenz in Palm Beach gelockt, um dort einem reichen, älteren Mann angeblich eine Massage zu geben. Dass er schliesslich Sex verlangen würde, war wohl nur den wenigsten eindeutig klar.

Der Bestsellerautor

Einer der Produzenten von «Filthy Rich» filthy heisst schmutzig, dreckig ist der amerikanische Bestsellerautor James Patterson (Alex Cross Romane). Er wohnt auch in Palm Beach. Und wer sich die ganze Geschichte ansieht, kommt nicht umhin, eine Verbindung zu ziehen zwischen den Thrillern eines Patterson, eines John Grisham oder anderer Schriftsteller und den Vorgängen rund um den schwerreichen Financier Jeffrey Epstein.

Wer denkt, so was gehöre nur ins Reich der Fiktion Superreiche, Sex-Sklavinnen, ein Netzwerk mächtigster Männer, private Inseln und Luxushäuser –, sieht sich eines Besseren belehrt.

Es ist in diesem Zusammenhang nicht ganz unwichtig, darauf hinzuweisen, dass sich dieser Kürzestprozess gegen Epstein, der mit dem beschriebenen «plea bargain» endete, zu Zeiten von George W. Bush als Präsident zutrug. Lange bevor Donald Trump Präsident wurde. Und es ist dies auch der Moment, darauf hinzuweisen, dass verschiedene Zeugen bestätigen, dass Bill Clinton ein häufiger Besucher auf Epsteins privater Insel auf den US-Virgin Islands war den Jungfern-Inseln. Obwohl: Es war Trump, der später Acosta zum Arbeitsminister in seinem Kabinett machte, und es gibt genügend Fotos, die zeigen, dass auch Trump sich gelegentlich mit Epstein traf.

Dershowitz in der «Weltwoche»

In den vier Episoden von «Filthy Rich» kommen unzählige Opfer zu Wort. Sie zeigen sich. Sie reden vor der Kamera. Sie geben sehr detailliert Auskunft. In der «Weltwoche» vom 16. Juli dagegen meldet sich der Ex-Harvard-Rechtsprofessor Alan Dershowitz. Wenn man der Netflix-Doku glaubt, war er selber auch Teil des Rings von Männern, die sich an Minderjährigen vergriffen. Im Zürcher Wochenmagazin behauptet er, sämtliche Anschuldigungen gegen ihn seien falsch. Er diskreditiert auch zwei der Opfer, die in «Filthy Rich» eine grosse Rolle spielen, spricht ihnen jede Glaubwürdigkeit ab und unterstellt ihnen, bloss auf Geld aus zu sein.

Bradley J. Edwards, einer der Opferanwälte, und der bereits erwähnte Police Chief Reiter aus Palm Beach bestätigen aber in der Netflix-Doku beide, dass es in der Sache nicht um drei, vier Frauen ging. Eher um Hunderte. Es sei eine Art Schneeballsystem gewesen. Die jungen Frauen, die bereits in Epsteins Fängen gewesen waren, wurden offenbar angehalten, weitere junge Frauen anzuwerben. Und wenn Dershowitz in der «Weltwoche» von einem «internationalen Juristenteam» schreibt, das er beauftragt habe, ein Verfahren gegen Netflix anzustrengen, zieht man unwillkürlich Parallelen zum «Juristenteam», das er 2008 zusammengestellt hatte, um diesen dubiosen «plea bargain» auszuhandeln.

Wird aus dem Fall Epstein ein Fall Dershowitz? Und was wird Maxwell aussagen, von der Dershowitz in der «Weltwoche» behauptet, er habe nie bemerkt, «dass sie etwas Unschickliches getan hätte»? Sie müsse «als unschuldig gelten», und «man sollte dieser Serie (von Netflix, Anm. d. V.) nicht glauben».

Eindeutig ein Muster

Der emeritierte Harvard-Professor wirft jedenfalls sein ganzes Gewicht in den Ring. Wer sich «Filthy Rich» trotz der Warnung Dershowitz’ ansieht, kommt zum Schluss, dass genau dieses Verhalten zu dem passt, was man in den vier Stunden als Muster erkennt: auf höchster Ebene Fäden ziehen, Geld zahlen wo nötig, Drohungen ausstossen, Seilschaften nutzen.

Aufschlussreich sind die kurzen Sequenzen von «Filthy Rich», welche die Einvernahme von Jeffrey Epstein zeigen. Ein arroganter, blasierter Mann, völlig unbeeindruckt, sich seiner Sache absolut sicher. Mal für Mal macht er das «Fifth Amendment» geltend, also den 5. Zusatz zur amerikanischen Verfassung, unter anderem ein Auskunftsverweigerungsrecht im Fall der Selbstbelastung.

Warum soll man sich «Filthy Rich» ansehen? Nur schon deswegen. Um sich ein Bild des Mannes zu machen. Und zu erkennen: Diese Doku ist nur ein Zwischenhalt. Nicht das Ende der Geschichte. Da ist noch ganz viel Dreck an ganz vielen Stecken.

In einer früheren Version stand, dass Barack Obama 2008 Präsident der USA war. Das stimmt nicht. Obama trat sein Amt 2009 an. Im Jahr 2008 regierte George W. Bush. mw