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Millionenboni trotz KurzarbeitDisneys Grossnichte wettert gegen die eigenen Firmenchefs

Abigail Disney passt es überhaupt nicht, wie das Management des US-Unterhaltungskonzerns die Krise handhabt und sich millionenschwere Boni auszahlt.

Bei Disney zählt Fröhlichkeit zum Geschäftsmodell. Doch in der Krise haben die Angestellten des Unterhaltungsriesen nichts zu lachen.
Bei Disney zählt Fröhlichkeit zum Geschäftsmodell. Doch in der Krise haben die Angestellten des Unterhaltungsriesen nichts zu lachen.
Foto: Scott Audette (Reuters) 

Man muss sich Abigail Disney als eine Frau vorstellen, die nicht zu Torheit und Taktlosigkeiten neigt. Eine Pandemie, so schrieb sie jüngst im Kurzmitteilungsdienst Twitter, sei nicht der rechte Moment, um Streit anzufangen. Im Gegenteil: Schwere Zeiten wie die Corona-Krise böten die Gelegenheit, Frieden und Versöhnung zu praktizieren.

Das ist die eine Seite der Abigail Disney – doch wer sich mit ihr befasst hat, der weiss, dass es noch eine zweite gibt: die der Kämpferin für die Frauenrechte, der zornigen Arbeiterführerin, des Vulkans, der mit Urgewalt ausbrechen kann, wenn die Wut erst einmal in ihm hochkocht. Und so dauerte es nach dem Bekenntnis zu Frieden und Versöhnung nicht lange, bis eine wahre Tweet-Kanonade auf das Management jener Traumfabrik herniederging, der ihr Grossonkel Walt vor fast hundert Jahren seinen Namen gegeben hatte.

Dazu muss man wissen, dass der Disney-Konzern, wie viele andere Unternehmen, derzeit in Schwierigkeiten steckt: Die Freizeitparks sind geschlossen, Kinos fast überall zugesperrt. Kein Wunder also, dass die Firmenchefs Bob Iger und Bob Chapek vor kurzem ankündigten, fast die Hälfte der gut 220’000 Mitarbeiter in Zwangsurlaub zu schicken – die in den USA verbreitete, turbokapitalistische Variante der schweizerischen Kurzarbeit: Man verliert sein gesamtes Gehalt, behält aber immerhin seine Anstellung und die Krankenversicherung.

Solidarität mit den Angestellten

Walt Disneys Grossnichte, die trotz zahlloser Spenden nach eigenem Bekunden immer noch über 120 Millionen Dollar Nettovermögen verfügt, hat den Konzern, dessen Namen sie trägt, in der Vergangenheit immer wieder attackiert: weil er aus ihrer Sicht die Arbeitnehmer nicht fair behandelt und die eigenen Werte mit Füssen tritt.

Die heute 60-Jährige studierte an mehreren Eliteunis und ist Besitzerin eines Emmy, der höchste Fernsehpreis des Landes: Abigail Disney.
Die heute 60-Jährige studierte an mehreren Eliteunis und ist Besitzerin eines Emmy, der höchste Fernsehpreis des Landes: Abigail Disney.
Foto: Patrick T. Fallon (Bloomberg via Getty Images)

Diesmal, im Angesicht der Corona-Krise, hätte sie den Beschluss der Geschäftsleitung wohl hingenommen – wäre nicht zugleich bekannt geworden, dass Iger, Chapek und das übrige Management sich auch dieses Jahr Bonuszahlungen in teils zweistelliger Millionenhöhe gönnen und 1,5 Milliarden Dollar an Dividenden ausschütten wollen.

Iger, so rechnete die streitbare Firmenerbin daraufhin vor, werde im Krisenjahr 2020 damit 1500-mal so viel verdienen wie ein normaler Arbeitnehmer, Chapek immer noch 300-mal so viel. «Wenn du nur einen Funken Empathie in deinem Körper hast, wenn du dich auch nur ein kleines bisschen um deine Mitarbeiter scheren würdest», fuhr sie fort, «wäre dieser Gehalts-Scheissdreck nicht möglich.»

In ihrem ersten grossen Film folgte sie einer Gruppe liberianischer Frauen, die mit Sex-Streiks für Frieden in dem kriegszerrissenen Land kämpfte.

Abigail selbst bekleidet im Konzern keine Funktion, hat sich aber ebenfalls einen Namen im Filmgeschäft gemacht – allerdings nicht mit jener seichten Familienunterhaltung, die Grossonkel Walt Weltruhm bescherte, sondern mit anspruchsvollen Dokumentationen. In ihrem ersten grossen Film folgte sie einer Gruppe liberianischer Frauen, die mit Sex-Streiks für Frieden in dem kriegszerrissenen Land kämpfte. Für ein Stück über Waffengewalt in den USA erhielt die heute 60-Jährige, die an mehreren Eliteunis studierte, einen Emmy, den höchsten Fernsehpreis des Landes.

Dass sie in die Welt, in die sie hineingeboren wurde, nicht so recht passt, hatte Abigail schon lange geschwant. Endgültig sicher, so hat sie dem Magazin «The New Yorker» erzählt, war sie an einem Abend vor rund 20 Jahren, als sie wieder einmal von Kalifornien nach New York flog. Im Cockpit der Boeing 737 sassen die beiden Piloten, um sie herum wirbelten die Stewardessen, und mittendrin sie – als einzige Passagierin. Als sie sich schliesslich hoch über den Wolken in das bequeme, 1,50 Meter breite Bett des familieneigenen Jets kuschelte, beschlich sie dieser Gedanke, der aus der Firmenerbin mit sozialistischen Neigungen die Sozialistin mit Firmenerben-Hintergrund machte: «Es fühlte sich einfach so falsch an.»