Antworten auf die sieben wichtigsten Fragen zu «Tik Tok»

Bei Jugendlichen ist die App der Renner. Was macht ihren Charme aus? Und wo lauern Gefahren?

Ob das ein Tik-Tok-Video wird? Ein Jugendlicher und sein Handy.

Ob das ein Tik-Tok-Video wird? Ein Jugendlicher und sein Handy.

(Bild: Keystone Christof Schuerpf)

Mathias Möller@mmmatze

Haben Sie schon von der App Tik Tok gehört? Vermutlich nicht. Merken Sie sich den Namen, Sie werden 2019 mehr von ihr hören – vielleicht über Ihre Kinder. Dafür gibt es einige Gründe.

Worum geht es bei Tik Tok?
Tik Tok ist eine Social-Media-App, mit der ihre Nutzer kurze Videos von sich erstellen, in denen sie tanzen oder die Lippen zu einem Song oder Sketch bewegen (lip-synching nennt man das im Onlinesprech). Die Musik liefert eine an die App angehängte Datenbank, ähnlich wie bei Snapchat oder Instagram kann man die Aufnahmen mit Filtern und visuellen Effekten aufhübschen. Wahlweise kann man auch Bilder oder Videos vom Handy hochladen oder einen Livestream starten.

Die bis zu 60 Sekunden langen Clips werden dann mit der Tik-Tok-Öffentlichkeit oder den mit dem Profil verbundenen Freunden geteilt. Reagieren die auf ein Video mit einem eigenen Filmchen, werden beide nebeneinander als Duett angezeigt. Zusätzlichen Anreiz bieten die Challenges, die Herausforderungen, die die Community immer wieder selbst lanciert. Belohnen kann man Videos mit Likes oder virtuellen Geschenken, die man mit echtem Geld kauft. So finanziert sich die Gratis-App.

In der «New York Times» wurde Tik Tok als «eine Mischung aus Snapchat, Vine und Carpool Karaoke» bezeichnet. Snapchat war eine der ersten Apps, die das Teilen von kurzen, selbst gedrehten Filmchen populär gemacht hat (und dann in vielen Funktionen von Instagram kopiert wurde), Vine war eine von Twitter betriebene Video-App, «Carpool Karaoke» ist eine Show, in der der britische Moderator James Corden mit Stars durch die Gegend fährt und Karaoke singt.

Warum ist Tik Tok interessant?
Zuerst einmal fällt angenehm auf: Es gibt keine Werbung, niemanden, der einem was verkaufen will, und keine Propaganda. Oder anders ausgedrückt: Vieles, was bei anderen Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram nervt, hat auf Tik Tok (noch) nicht Einzug gehalten. Was die App ausserdem attraktiv macht: Man kann mit den selbst gemachten Clips eine grosse Reichweite generieren – laut Nutzern der Plattform deutlich leichter als bei vergleichbaren Diensten wie Instagram oder Snapchat.

Wer sich die Videos im Stream zu Gemüte führt, fühlt sich vielleicht an frühere Zeiten erinnert, als es noch nicht nur um Herzchen, Likes und Influencer ging. Viele Menschen machen auf Tik Tok sehr alberne Sachen. Das muss einem nicht gefallen, aber es trägt zum Charme der App bei.

Dazu kommt, dass Tik Tok für seinen hierzulande relativ geringen Bekanntheitsgrad schon recht verbreitet ist: Im Juli dieses Jahres hatte die App 500 Millionen monatlich aktive Nutzer. Sechzig Prozent davon kommen aus China. Dort sitzt auch Bytedance, das Unternehmen hinter Tik Tok. Mehr zu dieser Firma und einer wahrlich verblüffenden Zahl unter «Wer steckt hinter Tik Tok?».

500 Millionen Nutzer, das sind mehr als bei Snapchat oder Twitter und immerhin schon fast halb so viele wie bei Instagram. Im September dieses Jahres wurde die App in den USA öfter installiert als Facebook, Instagram, Youtube oder Snapchat. In der Schweiz rangiert Tik Tok bei den meistinstallierten Gratis-Apps noch auf Platz 22.

Wer nutzt Tik Tok?
Grundsätzlich steht Tik Tok allen offen. Wer sich in der App umschaut, stellt allerdings schnell fest, dass hauptsächlich Teenager sie aktiv nutzen. Obwohl man mindestens 13 Jahre alt sein muss, um mitmachen zu dürfen, hat es den Anschein, als seien manche Nutzer jünger. Eine kurze Umfrage unter Bekannten des Redaktors bestätigt den Eindruck: Wenn jemand die App kannte, dann meist Eltern von Töchtern im Teenie-Alter.

Das muss nicht unbedingt heissen, dass sich auf Tik Tok bald auch Pädophile tummeln werden, eine gewisse Vorsicht ist für Eltern aber sicher geboten. Prominente sind bislang wenige auf Tik Tok zu finden. Talkshow-Host Jimmy Fallon versteht es wohl am besten, die App zu nutzen, doch selbst bei Schauspielerin und Comedian Amy Schumer sieht das Ganze noch etwas hölzern aus.

Wer steckt hinter Tik Tok?
Das Unternehmen Bytedance wurde 2012 von Zhang Yiming gegründet und sitzt in Peking. Im Herbst 2017 akquirierte das Unternehmen die App Musical.ly, die, 2014 lanciert, ähnliche Funktionen aufwies wie Tik Tok und mässige Popularität, ebenfalls hauptsächlich bei Teenagern, genoss. Musical.ly wurde im August dieses Jahres mit der bereits existierenden, hauseigenen App Tik Tok verschmolzen, die Nutzer migriert. Und jetzt die oben erwähnte verblüffende Zahl: Der potenzielle Wert von Bytedance wurde im November mit 75 Milliarden US-Dollar (ca. 74,33 Milliarden Schweizer Franken) beziffert. Damit wäre Bytedance eines der wertvollsten Start-ups der Welt, noch vor Uber, Airbnb oder Spacex.

Wo ist der Haken bei Tik Tok?
Die Tatsache, dass das Unternehmen hinter der App chinesisch ist und der Hauptsitz in China liegt, hat schon Kritiker auf den Plan gerufen. Eine Garantie, dass beim Sammeln und Verwalten von Daten alle Rechte der Nutzer gewahrt werden, können aber anscheinend auch westliche Unternehmen wie Facebook nicht liefern. Wie bereits weiter oben erwähnt, ist nicht auszuschliessen, dass es künftig Nutzer geben wird, die die Plattform missbrauchen. Bytedance allerdings hat gemäss eigenen Angaben zehntausend Moderatoren angestellt, die Inhalte für ihre verschiedenen Produkte auf die Vereinbarkeit mit den Unternehmensrichtlinien prüfen. Wie viele dieser zehntausend dezidiert für Tik Tok arbeiten, ist nicht bekannt.

Ist Tik Tok also das nächste grosse Ding?
Ein Facebook-Killer wird wohl auch Tik Tok nicht werden, dazu sind die Möglichkeiten zu eingeschränkt. Aber es hat bereits Snapchat den Rang abgelaufen und ist offensichtlich deutlich attraktiver für eine junge Zielgruppe als die meisten etablierten Social-Media-Plattformen. Und noch etwas deutet darauf hin, dass man die Video-App ernst nehmen muss: Facebook hat im November eine App namens Lasso lanciert, die in direkter Konkurrenz zu Tik Tok stehen soll. Vorerst ist Lasso nur in den USA erhältlich, aber Facebook hat ja schon mit Instagram gezeigt, dass es mit einem einfachen Kopieren von Funktionalitäten eine unliebsame App – in diesem Fall Snapchat – vom Markt treiben kann.

Muss ich da jetzt mitmachen?
Diese Entscheidung bleibt Ihnen natürlich selbst überlassen – aber vermutlich fühlen Sie sich, ganz ähnlich wie der Autor dieser Zeilen, schnell alt beim Versuch, Tik Tok zu durchdringen.

Die App Tik Tok gibt es hier gratis zum Download für iOS und Android.

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