Die App fürs Selbstwertgefühl

Kann eine Smartphone-App Jugendlichen ein positives Lebensgefühl vermitteln? Tbh behauptet genau das – und avanciert zum Renner.

Die App Tbh verschickt Komplimente per Smartphone: Zwei Mädchen mit ihren Handys.

Die App Tbh verschickt Komplimente per Smartphone: Zwei Mädchen mit ihren Handys. Bild: Christof Schuerpf/Keystone

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Mitte Oktober horchte die Tech-Welt kurz auf – so wie immer, wenn Facebook das Portemonnaie zückt, um sich einen neuen Dienst einzuverleiben. Während in der Vergangenheit bereits bekannte Apps wie Instagram oder Whatsapp zur Familie des Social-Media-Riesen stiessen, hatte diesmal ein noch relativ unbekanntes Netzwerk das Glück: «tbh», kurz für «to be honest» (auf Deutsch «um ganz ehrlich zu sein»).

Wie hatte die App das Interesse Facebooks geweckt? Erst seit August auf dem Markt, hatte sie innert weniger Wochen 2,5 Millionen aktive Nutzer gewinnen können und belegte zwischenzeitlich Platz 1 der App-Charts in Apples App-Store. Ausschlaggebend war auch, dass sich Tbh explizit an Teenager wendet, also eine Zielgruppe, mit der sich Facebook in den letzten Jahren schwergetan hatte. Die schrittweise Einführung in ausgewählten US-Bundesstaaten befeuerte den Hype gezielt.

Die Funktionsweise des Netzwerkes ist denkbar simpel: Die NutzerInnen wählen bei der Anmeldung Schule und Alter aus und können so mit Schülerinnen und Schülern aus ihrem direkten Umfeld in Kontakt treten. Der Clou: Die Kontaktaufnahme geschieht über Fragen (z.B. «Wer ist der lustigste Junge?»), für deren Beantwortung man eine Auswahl an Namen erhält. Wer gewählt wird, erhält Punkte in Form von virtuellen Edelsteinen. All das läuft anonym ab – die Auserwählten erfahren nur Geschlecht und Alter der Person, die abgestimmt hat.

Und das ist das Alleinstellungsmerkmal, welches die App so populär macht: Die Agentur hinter Tbh, Midnight Labs, betont den psychologisch wertvollen Ansatz. Es ginge darum, Jugendlichen ein positives Lebensgefühl zu vermitteln. Deshalb kann man auf Tbh auch nur Fragen beantworten, die positive Eigenschaften hervorheben. Darüber hinaus verzichtet die App auf Textfelder, die individuelle Antworten ermöglichen. Damit lernt sie aus Fehlern, die andere Apps in der Vergangenheit begangen haben.

Anonyme Nachrichten-Apps wie «Sarahah» oder «Yik Yak» waren in die Schlagzeilen geraten, weil sie sich zum Biotop für Mobbing entwickelt hatten – dies soll auf Tbh nicht möglich sein. Doch kann der neue Social-Media-Hit wirklich zur geistigen Gesundheit von Jugendlichen beitragen?

Matthew Reynolds vom Tech-Magazin «Wired» sieht den psychologischen Effekt kritisch: Er könnte auch ins Gegenteil umschlagen. So dürften psychologisch labile Teenager darunter leiden, wenn sie nie gewählt würden – man kennt das Gefühl vielleicht noch aus dem Sportunterricht. Andererseits könnten positive Bewertungen den Erwartungsdruck für populäre Jugendliche in unerreichbare Höhen schrauben und die eigene Wahrnehmung verzerren.

Wie die App-Erfinder mit dieser selbst auferlegten Verantwortung umgehen, muss die Zukunft zeigen. Immerhin, mit Facebook im Rücken besteht die Möglichkeit, einen positiven Einfluss auszuüben. Der neue Chef, Mark Zuckerberg, betont ja nur zu gerne, wie er die Welt zum Besseren verändern möchte.

Tbh ist derzeit nur für iPhone und nur in ausgewählten US-Bundesstaaten erhältlich. Wann die App international erhältlich sein wird, ist noch nicht bekannt. Sie ist gratis. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2017, 16:00 Uhr

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