Der Politiker in der Unterhose

Müssen Schweizer Politiker Instagram nutzen? Sie tun es bislang eher unbeholfen – und zeigen sich mitunter sehr offen.

Alles für die Partei? Denis Kläfiger, BDP-Präsident für den Kanton Luzern, zeigt sein neues Tattoo.

Alles für die Partei? Denis Kläfiger, BDP-Präsident für den Kanton Luzern, zeigt sein neues Tattoo. Bild: Screenshot Instagram

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Was haben Michelle Obama, Donald Trump und Emmanuel Macron gemeinsam? Alle drei sind Instagram-Millionäre. Mit fast 22 Millionen, fast zehn Millionen und etwas über einer Million Follower zählen sie zu den zehn reichweitenstärksten Persönlichkeiten aus dem Politbetrieb weltweit auf der Fotoplattform. Das verrät eine Aufstellung des Influencer-Verzeichnisses Likeometer.

Die Zahlen zeigen: Der Gebrauch von Social Media ist für Politiker längst zur Pflicht geworden. Aber wie sieht es mit der Nutzung von Instagram in der Schweizer Politszene aus? In der weltweiten (und längst nicht vollständigen) Übersicht auf Likeometer wird der erste Schweizer Politiker auf Platz 37 aufgeführt. Es ist Bundesrat Alain Berset mit vergleichsweise bescheidenen 6545 Followern. Schaut man nur die Schweiz an, ist er als Politiker damit fast einsame Spitze. Lediglich der St. Galler Thomas Hofstetter kann mit gut 6000 Followern mithalten, schon Nationalrätin Natalie Rickli hat auf Platz 3 nur noch fast halb so viele.

Zum Vergleich: Zu den Schweizern auf Instagram mit der grössten Reichweite zählen Ivan Rakitic (11,7 Millionen Follower), Roger Federer (5,3 Millionen) und Michelle Hunziker mit 3,2 Millionen Anhängern. Sportlern und Models fällt es leicht, sich auf einem visuell ausgerichteten Medium zu präsentieren – doch auch für Politiker dürfte Instagram eine Chance sein, vor allem einem jüngeren Publikum die eigenen Positionen näherzubringen. Wie also weibeln Nationalräte, Lokalpolitiker oder Bundesräte für ihre Anliegen auf der Fotoplattform?

Politik findet bestenfalls am Rande statt

Johann Schneider-Ammann ist ebenso wie Alain Berset vertreten, mit vergleichsweise schmalen 14 Beiträgen und 33 Followern. Ignazio Cassis hat auch ein Nutzerkonto, allerdings mit bislang nur einem Foto, das aus dem August 2016 datiert; immerhin aufgenommen am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest. Die übrigen vier Bundesräte Sommaruga, Leuthard, Maurer und Parmelin verweigern sich Instagram.

Kann Berset also die Kohlen aus dem Feuer holen für die Regierung? Er (oder sein Team) bewirtschaftet das Konto regelmässig und mit persönlichen Einblicken in die Arbeit eines Bundesrats. In seiner Eigenschaft als Bundespräsident ist er derzeit wohl etwas mehr unterwegs als die Kollegen, und so finden sich Bilder vom Theaterturm am Julierpass, aus Beirut oder aus Lindau am Bodensee, wo das Gesundheitsminister-Treffen der deutschsprachigen Länder stattfindet. Ironischerweise bildet Berset hier das beeindruckende Schnapssortiment einer lokalen Bar ab.

Im Grossen und Ganzen macht der Account allerdings den Eindruck eines Mannes, der einfach viel rumkommt. Politik findet hier bestenfalls am Rande statt, politisiert wird nicht. Immerhin findet man heraus, dass Alain Berset einen guten Musikgeschmack haben muss, lief am 30. Mai bei ihm doch ein Massive-Attack-Album.

Bei Bundesratskollege Johann Schneider-Ammann dagegen geht es in allererster Linie ums Geschäft. Schneider-Ammann mit Besuch aus China, Schneider-Ammann bei Swissmem. Und noch etwas zeigt der Wirtschaftsminister: Volksnähe. Beim Essen in Kirgisistan zeigt er sich oder bei einer 1.-August-Feierlichkeit. Politisieren mag auch Schneider-Ammann nicht so recht, immerhin lässt er sich zur Aussage hinreissen: «Ich akzeptiere nicht, dass man mir sagt, ich würde Arbeitsplätze infrage stellen.» Eine Spitze gegen den Schweizer Gewerkschaftsbund auf Instagram.

Die meisten Instagram-Accounts von Schweizer Politikern wirken wenig spektakulär oder professionell geführt: Eher wie ein persönliches Tagebuch dessen, was man so erlebt; typisch Instagram also, dazwischen etwas Politik. FDP-Nationalrat Wasserfallen (1155 Follower) zeigt sich mit Oldtimern und beim Wandern, dazwischen eine Abstimmungsparole (2x Nein zu Fair Food und Ernährungssouveränität). Juso-Präsidentin Tamara Funiciello (1741 Abonnenten) verbringt ihre Ferien in Cinque Terre und bruncht mit Kolleginnen. Dazwischen Solidaritätsbekundungen mit Bahnstreikenden in Frankreich und den Kurden in Afrin.

Besonders offen zeigt sich Denis Kläfiger, Präsident der BDP Kanton Luzern: Neben zahlreichen für Social Media aufbereiteten Parolen – «Es ist Zeit für eine Kehrtwende in unserem Kanton», «Keine Beihilfe zum Mord!» – präsentiert er sich in gestreifter Unterhose vor dem Spiegel im Fitnessstudio und führt sein neues Tattoo vor. Ob ein Social-Media-Experte zu diesem Foto geraten hätte, ist anzuzweifeln, aber immerhin versichert das Bild dem geneigten Wähler: Kläfiger ist fit.

Egal, ob SVP-Nationalrätin, Jungfreisinnigen-Präsident oder Zürcher Stadträtin: Zum expliziten Politisieren scheint sich Instagram in der Schweiz noch nicht zu eignen. Kaum jemand nutzt die Möglichkeit, per Videofunktion eine Nachricht an die Follower zu überbringen. Extra für die Plattform erstellte Bilder, die Standpunkte vermitteln, sieht man nur vereinzelt, von Memes und ähnlichen Inhalten, die sich speziell an eine junge Zielgruppe wenden, ganz zu schweigen.

Wie man es besser macht, zeigen zwei der anfangs Erwähnten: Michelle Obama spricht in untertitelten Videos die Anhänger direkt an, Donald Trumps Agenda gibt es in Zitatform auf seinem Instagram-Account zum Nachlesen.

Zitate von Gramsci, Rüebli essender Nachwuchs

Viel besser sieht es auch bei den Parteien noch nicht aus: Bei der FDP zeigt sich die Wandergruppe Gössi in Davos, bei den Juso gibt es ein Zitat von Antonio Gramsci, die Jungen Grünen essen Rüebli. Lediglich die SVP arbeitet mit politischer Propaganda in Meme-Form. Besonders ästhetisch ist das nicht, immerhin können sie so 2216 Follower erreichen.

Was Schweizer Politiker auf Instagram genau erreichen wollen, lässt sich nach einer Betrachtung von rund fünfzig Konten nicht abschliessend feststellen. Hart politisiert wird hier höchstens von Anhängern und Gegnern in den Kommentaren (und dann mitunter auf diesem Niveau: «di scheiss tracht macht di no hässlecher aus de scho bisch du vogu»). Für Medienberater bieten sich hier noch reichlich Betätigungsfelder. Vielleicht wollen Politiker Instagram ja auch gar nicht für ihre Zwecke nutzen, sondern hier ganz einfache Schweizer sein und sich zeigen, wie sie sind – für ein paar Likes.


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Erstellt: 07.09.2018, 18:27 Uhr

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