Wird Twitter zunehmend willkürlicher?

Der Onlinedienst Twitter will künftig Timelines filtern und personalisieren. Dies und eine zunehmende Zensur ärgern viele Nutzer.

Vergrault der Kurznachrichtendienst seine treusten Nutzer? Twitter auf einem Smartphone.

Vergrault der Kurznachrichtendienst seine treusten Nutzer? Twitter auf einem Smartphone.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Jan Rothenberger@janro

Twitter macht dieser Tage mit einer Reihe von Schlagzeilen auf sich aufmerksam, die vor allem eingefleischten Nutzern Sorgen machen. Twitters Finanzchef Anthony Noto stellte gestern Pläne vor, die Twitter näher an das Rezept Facebooks heranführen könnten: Eine automatisch zusammengestellte Auswahl von Beiträgen statt eines ungefilterten Stroms, der alle Nutzer gleich behandelt.

Twitter hatte in seiner mehr als achtjährigen Geschichte bislang stets am Grundprinzip festgehalten, die Timeline nicht zu manipulieren und bei einem puristischen Erlebnis zu bleiben. In letzter Zeit wagte das Unternehmen aber erste Versuche mit empfohlenen Inhalten. Die Aussicht, Twitter könnte sich mit einer willkürlichen Auswahl von Tweets nun ganz vom bewährten Ansatz verabschieden, stösst bei vielen auf Unverständnis. In den letzten 24 Stunden hagelte es darum Protesttweets.

Die Gestaltung der Timeline solle Nutzersache bleiben, schreibt ein Twitterer:

Twitter vergesse sein eigenes Erfolgsrezept, findet dieser Nutzer:

Nicht zuletzt befeuert die Diskussion die Befürchtung, solche Filterbestrebungen öffneten der Zensur Tür und Tor. Dies gerade in kontroversen Situationen wie etwa den kürzlichen Unruhen in Ferguson. Ein entsprechender Tweet der Bloggerin Heather McLendon erhielt darum viel Zuspruch:

Nutzer fürchten sich vor Zensur

Zensur ist ohnehin ein Knackpunkt für eine grösser werdende Gruppe von Nutzern. Die Zensur, die der kalifornische Dienst betreibt, wurde in den vergangenen Wochen einer breiten Masse erstmals bewusst.

Anlass war die Verbreitung des von der Terrormiliz IS verbreiteten Enthauptungsvideos, das einen Proteststurm auslöste: Soziale Medien dürften sich nicht für terroristische Propaganda hergeben, lautete die Forderung vieler User wie auch offizieller Stellen in den USA. Twitter reagierte und blockierte Konten, welche das Video verbreitet hatten. Twitter-Chef Dick Costolo gab die Entscheidung persönlich bekannt.

Unklar ist bislang, warum Twitter seine liberale Haltung gegenüber Inhalten weitgehend revidiert hat. Freie Meinungsäusserung war stets ein Markenzeichen von Twitter gewesen – galt der Dienst doch nicht zuletzt als Katalysator des Arabischen Frühlings. Einen Einfluss dürfte das Nutzerengagement ausgeübt haben: Nach der ersten Verbreitung des Hinrichtungsvideo war eine Kampagne unter dem Hashtag #ISISmediaBlackout lanciert worden, die innert zwei Stunden 3800 Tweets erhielt.

Prominenter Protest

Für seine Entscheidung, so die Würde und das Andenken des Getöteten zu schützen, erhielt das Unternehmen aber nicht nur Lob. Kritik kam von Enthüllungsjournalist Glen Greenwald, der massgeblich an der Berichtstattung über die NSA-Skandale beteiligt war. «Zensur beginnt immer gleich, nämlich mit der Unterdrückung besonders unbeliebter Meinungen, bei denen sie nicht als solche auffällt», schrieb er auf «Theintercept». Greenwald ist selbst ein sehr aktiver Twitter-Nutzer mit rund 400'000 Followern.

Twitter beugt sich zwar schon länger den Vorgaben einzelner Länder, was die Blockierung illegaler oder geschmackloser Inhalte angeht. Bekannt ist etwa, dass der Dienst auf Begehren Pakistans und anderer muslimischer Länder bestimmte, als «blasphemisch» gemeldete Konten unterdrückt. In den jüngsten Wochen haben die Eingriffe aber auch grössenmässig eine neue Qualität angenommen und sind darum sichtbarer als bisher. Jüngster Fall ist die Löschung von Konten, die sich an der Verbreitung geleakter Nacktfotos im Fall um Jennifer Lawrence beteiligten. Dem fiel mit @russian_market auch einer der grössten Schweizer Twitter-Accounts zum Opfer, der über 130'000 Follower verzeichnete.

Debatten um die Meinungsmacht von sozialen Medien sind nichts Neues. Mit Twitter steht allerdings der Onlineservice in der Kritik, der bislang als Vorzeigedienst demokratischer Meinungsäusserung galt. Zudem kommt die Kritik für einmal nicht von aussen, sondern besonders von aktiven Twitterern.

DerBund.ch/Newsnet

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