Sie wissen genau, was sie tun

Wie soziale Medien sozialen Terror ermöglichen.

Hass als Kampagne: Richter und Staatsanwälte müssen begreifen, welche Gewalt solche Aktionen entfalten können. Bild: Getty

Hass als Kampagne: Richter und Staatsanwälte müssen begreifen, welche Gewalt solche Aktionen entfalten können. Bild: Getty

Michèle Binswanger@mbinswanger

Das Highschool-Shooting in Florida am Valentinstag machte den Schüler David Hogg zum Aktivisten. Als Überlebender plädierte der 18-Jährige für striktere Waffengesetze und kritisierte Donald Trump für seine Untätigkeit. Die Reaktion im Netz war irr: Hogg sei vermutlich gar kein echter Schüler, sondern ein Agent und Teil einer Verschwörung des FBI, so wurde kolportiert. Schlagfertig bedankte sich Hogg bei seinen Hassern für die 250'000 neuen Twitter-Follower, die sie ihm beschert hätten.

Vom ganz alltäglichen Irrsinn im Netz kann auch Susanne Ruoff berichten. Die Konzernchefin der Schweizerischen Post, in den Schlagzeilen wegen des Postauto-Skandals, soll so massive Drohungen gegen Leib und Leben erhalten haben, dass man ihr Bodyguards zur Seite stellen musste. Vor zwei Wochen gab «Arena»-Moderator Jonas Projer einen kleinen Einblick, wie er und seine Familie auf Twitter bedroht werden – ausgelöst durch eine besonders hitzige Sendung um No Billag.

Im Machtrausch

Noch vor wenigen Jahren wurden die sozialen Medien als Katalysator demokratischer Prozesse gefeiert. Weil sie jedem die Möglichkeit geben, sich an ein grosses Publikum zu richten, ungebremst von sogenannten Gatekeepern, die bislang bestimmten, was in die Öffentlichkeit gehört und was nicht. Vom aufklärerischen Potenzial sozialer Medien redet heute niemand mehr, sondern vom Gegenteil: Facebook und Co. sind zum Einfallstor für Desinformation, Verschwörungstheorien, Drohungen und Hass verkommen. Und niemand weiss, wie man diese hochgefährliche Entwicklung stoppen kann.

Besonders bitter musste das der Journalist Richard Gutjahr erfahren. Er war zufälligerweise bei zwei Terroranschlägen zugegen: einmal als in Nizza ein LKW in eine Menge raste – einmal beim Amoklauf eines Schützen in München. Darauf geriet er in den Strudel von organisiertem sozialem Terror. Erst versuchte er, die Sache zu ignorieren, dann sich zu wehren. Seine Erfahrungen schilderte er in einem langen Blogbeitrag. Das Bild, das er dabei von Konzernen wie Google oder Facebook zeichnet, von seinen Hatern und Peinigern und der ratlosen Justiz, ist erschreckend. Das perverse Bedürfnis, andere derart zu diffamieren und zu verfolgen, hat viel mit Feigheit zu tun, aber auch mit Sadismus.

Es braucht Druck auf die Betreiberfirmen, endlich ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen, gerade weil sie sich dagegen wehren.

Die Anführer solcher Bewegungen geniessen die Macht über ihre Opfer und reden sich ein, sie hätten das Recht dazu. Von ihnen Einsicht zu erwarten, ist zwecklos. Man muss anderswo ansetzen: bei den Plattformen selbst und beim Rechtssystem. Ein ehemaliger Youtube-Programmierer erklärte neulich im «Guardian» den Wirkungsmechanismus des Empfehlungs-Algorithmus der Site. Um eine möglichst breite Wirkung zu erzielen, bevorzugt dieser alles, was polarisiert, schockiert und andere starke Gefühle weckt: Verschwörungstheorien, Falschmeldungen, gewalttätige Inhalte. Diese Mechanismen beeinflussen unsere Wahrnehmung und formen letztlich auch die öffentliche Meinung – ganz egal, ob sie wahr sind oder nicht.

Zuckerberg will Fake-News bekämpfen

Das ist deshalb so gefährlich, weil es Manipulationen und andere Lügen erleichtert und letztlich eine Gemeinschaft destabilisiert. Deshalb braucht es Druck auf die Betreiberfirmen, endlich ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen, gerade weil sie sich so sehr dagegen wehren. Hoffnungslos ist die Lage nicht. So will Mark Zuckerberg Fake-News neuerdings bekämpfen. Youtube hat dem Blogger Paul Logan Werbegelder gestrichen, nachdem dieser sich über ein Suizidopfer lustig gemacht hatte.

Zudem muss das Recht konsequenter durchgesetzt werden. Gerade bei schweren Fällen wie jenem von Gutjahr wird es weder schnell noch konsequent genug angewendet, oder es herrscht Unklarheit über die Zuständigkeiten. Beides führt dazu, dass Betroffene wie Gutjahr monate- oder jahrelang prozessieren und ihre Peiniger am Ende mit viel zu milden Strafen davonkommen. Hier braucht es ebenfalls mehr öffentlichen Druck, insbesondere wenn der Hass als Kampagne daherkommt. Richter und Staatsanwälte müssen begreifen, welche Gewalt solche systematischen Aktionen entfalten können. Es sind Kriminelle, die solche Dinge tun. Und so sollen sie auch behandelt werden.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt