Journalismus mit Abspann und Making-of

Journalisten bieten mit Social Media Einblicke in ihre Arbeitsweise. Die damit geschaffene Transparenz leistet einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung.

Twitter als Tummelplatz für Medienschaffende: Tweets von vier Schweizer Journalisten. Bild: zvg

Twitter als Tummelplatz für Medienschaffende: Tweets von vier Schweizer Journalisten. Bild: zvg

Wer im Kino vor dem Abspann den Saal verlässt, verpasst entscheidende Hinweise auf die Machart des Films und manchmal sogar eine Pointe, die der Regisseur bewusst zuhinterst platziert hat. Das ist nicht weiter ein Problem für die Frühaufsteher. Denn die Handlung versteht auch, wer auf die ellenlangen Namenslisten verzichtet und nicht ausharrt, bis das Licht angeht.

In den Medien ist das ganz ähnlich: Wie beim Filmabspann folgen aufschlussreiche Hinweise erst nach dem vermeintlichen Ende, wenn der Grossteil des Publikums schon weg ist. Das Ende eines Beitrags bedeutet nicht mehr länger, dass der Autor damit alles gesagt hat. Vornehmlich auf Twitter, aber auch auf Facebook diskutieren Medienschaffende über ihre Arbeit: Sie kritisieren die Arbeit der Konkurrenz, teilen aus und stecken aber auch ein. Meist verläuft das gesittet und in anständigem Ton, nicht selten sogar mit (Sprach-)Witz und Schalk. Damit schaffen die Medien Transparenz über Vorgänge, die bisher nur hinter geschlossener Redaktionstür ein Thema waren, aber die Öffentlichkeit sehr wohl etwas angehen. Diese Mischung aus Abspann und Making-of gibt es inzwischen vermehrt zu lesen.

So auch unlängst, als ruchbar wurde, dass sich ein Journalist der «SonntagsZeitung» für den Besuch einer PR-Veranstaltung der Tourismusbranche hat bezahlen lassen. Auf Twitter konnte man als Erstes erfahren, dass die «SonntagsZeitung» die Schrauben anzieht, um sich nicht mehr dem Verdacht der Käuflichkeit auszusetzen. Der stellvertretende Chefredaktor schrieb: «Haben den Fall heute diskutiert. Veranlasst, dass Betrag zurückerstattet wird. Und festgelegt, solchen Events fernzubleiben.» Für die transparente Information gab es Lob und Dank von den Kollegen.

Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen. Das musste jüngst «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley erfahren. In einem Beitrag auf Facebook bezichtige er die Kollegen von «20 Minuten online» der «Hehlerei», weil sie ein Video veröffentlichten, das der «Blick» zuvor «exklusiv» aufgetrieben hatte. Sein pointiertes Pamphlet gegen die «Online-ist-alles-gratis-Philosophie» kommt bei den Lesern schlecht an. Sie verstehen die Empörung des «Blick»-Chefs nicht und halten es für heuchlerisch, wenn sich ausgerechnet der oberste Boulevardjournalist zum Moralapostel aufzuschwingen anmasst. Grosse-Bley hielt es nicht für nötig, sich weiter zu erklären. Damit bleibt den Lesern mit ihren teils gepfefferten Reaktionen das letzte Wort; Dialog erfordert mindestens zwei aktive Teilnehmer.

Irgendein Anlass bietet sich immer zur Folgekommunikation: Journalisten weisen sich gegenseitig auf Rechtschreibe- oder Faktenfehler hin, Social Media funktionieren auch als ausgelagertes Korrektorat. Geht es um Argumente und Meinungen, können sich die Diskussionen schon über Tage hinziehen. Am heftigsten gestritten wird in der Regel, wenn Grundsätzliches zur Debatte steht, die Befindlichkeit des Journalismus an und für sich oder Fragen der Berufsethik. Da können schon mal die Fetzen fliegen.

In der überwiegenden Mehrheit diskutieren Journalisten untereinander. Das allein ist zwar schon ein wertvoller Beitrag zur Medienkritik, wenn über Redaktionsgrenzen und Hierarchiestufen hinweg der Beruf (selbst)kritisch unter die Lupe genommen wird. Erfreulicher und auch ergiebiger wäre aber der Einbezug des Publikums. Noch ist es wie im Kino: Die Leser verlassen die Vorstellung vor dem Abspann – weil sie gar nicht wissen, dass es anderswo weitergeht.

DerBund.ch/Newsnet will das nun ändern. In der Autorenzeile eines jeden Artikels erscheint neu neben Namen und Bild des Journalisten auch seine Twitter-Adresse. Das gibt dem Publikum die Möglichkeit, ohne Umwege Einblick in das Drumherum des journalistischen Schaffens zu erhalten – vorausgesetzt, der betreffende Autor gibt auch etwas preis. Und natürlich bietet Twitter einen direkten Feedback-Kanal für Lob und Kritik. Anders als in den Online-Kommentarspalten, wo es vielen Schreibern nur darum geht, Dampf abzulassen, bietet Twitter mit seiner inhärenten Dialogstruktur und der Zeichenbeschränkung geradezu ideale Voraussetzungen für eine gepflegte Diskussion. Nun muss man das Angebot nur noch nutzen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt