Gamer-Sexismus auf der Abschussliste

Sie räkeln sich, zieren Kampfszenen – und sind ganz einfach Statisten: Frauen in Computergames. Bloggerin Anita Sarkeesian knöpft sich die Szene vor – und muss dafür einiges ertragen.

Schiessen über die Erotik-Tänzerin: Szene aus einem Computergame, welche Sarkeesian anprangert.

Schiessen über die Erotik-Tänzerin: Szene aus einem Computergame, welche Sarkeesian anprangert.

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Anita Sarkeesian ficht einen Kulturkampf, den viele für überwunden glaubten. Das Gegenteil trifft zu. Wegen Morddrohungen hat sie kürzlich ihre Wohnung verlassen müssen.

Die Fronten verlaufen eindeutig. Auf der einen Seite: Menschen wie Sarkeesian, welche die Frauenfeindlichkeit in Computerspielen anprangern und aufgeklärtere Plots fordern.

Auf der anderen Seite: Hardcore-­Gamer, oft junge Männer, die ihr Genre gegen jegliche «unqualifizierte» Einmischung abzuschotten versuchen. Dazu lassen sie Hasskampagnen durchs Internet rollen.

Anita Sarkeesian, Tochter armenischer Einwanderer, ist in Toronto und Kalifornien aufgewachsen. Die liberalen Werte ihrer Eltern und deren Erfahrungen als Ausländer prägten ihr Weltbild. Proteste gegen den Irakkrieg lehrten sie politisches Denken. Das Publizistikstudium schloss sie mit einer Arbeit über «starke Frauen in der Science Fiction» ab. Damit hatte die heute 30-Jährige ihr Thema gesetzt. Von nun an bloggte sie über Rollen­klischees in der Populärkultur.

Sarkeesians neuste Youtube-Serie «Women as Background Decoration»:

Mitten ins Schlachtfeld stürzte sie sich vor zwei Jahren, als sie per Crowdfunding Geld für eine eigene Youtube-Video-Serie suchte. In «Tropes vs. Women» wollte Sarkeesian ihren Ansatz auf Computerspiele ausweiten. In Kürze sammelte sie 150'000 Dollar, 25-mal mehr als geplant.

Wikipedia-Eintrag verunstaltet

Nach der ersten Folge schwappte eine Welle der Verachtung über sie. Internetkommentatoren warfen ihr Geltungssucht vor, beschimpften sie als Lügnerin, Nutte und Schlimmeres, bastelten Filmchen, in denen Videospielfiguren sie vergewaltigten. Ihr Wikipedia-Eintrag wurde mit Pornobildern verunstaltet.

Für das Muster solcher Angriffe hat sich im Internet mittlerweile ein eigener Begriff etabliert: «Anitas Law». Damit ist gemeint, dass Sexismus-Kritikerinnen mit sexistischen Vorurteilen bekriegt werden. Dies verschafft ihrer Kritik zusätzliche Berechtigung.

Man versuche, sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, sagte Sarkeesian. Doch das werde nicht gelingen. Sie setzte die Arbeit fort. Ihre Beiträge, in denen sie mit ruhiger Stimme Gameszenen durchleuchtet, erreichten bald breite Beachtung. Universitäten und Schulen führen sie zu Lehrzwecken vor.

Die jüngste Folge beschäftigt sich mit weiblichen Figuren als «Hintergrunddekoration». Die Vergewaltigung von sexy hergerichteten Frauen diene in vielen Spielen allein dazu, den Rachefeldzug des Hauptdarstellers zu rechtfertigen. Ist die Frau abgeschlachtet, läuft die Handlung weiter, ohne dass dem Opfer weitere Beachtung zukommt. Wenn man solche brutalen Szenen zeige, sagt Sarkeesian, müsse man auch deren Folgen thematisieren.

Die Reaktionen fielen besonders heftig aus. Sarkeesian wurde mehrfach mit dem Tod bedroht, sie spricht von einer Art Terrorismus.

Trotz der feindseligen Stimmung bleibt sie optimistisch. Was passieren wird, beschreibt sie auf Twitter mit einem Zitat aus ihrer Lieblingsfernsehserie Buffy: «Es war mir lange nicht klar. Aber wir werden gewinnen.»

Branchenkenner stimmen zu. Die Gamewelt richte sich immer weniger nach jungen Männern. Diese Spiel­tradition sterbe, aus kulturellen und wirtschaftlichen Gründen, offenere Formate verdrängten sie. Die Angst vor diesem Wandel erkläre den «paranoiden Hass» der Verlierer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2014, 07:10 Uhr

Anita Sarkeesian

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