«Facebook will mehr als nur ein Freundschaftsnetz»

Interview

Facebook probt mit der App Paper einen Strategiewechsel. Der Onlineriese macht auf mobilen Geräten einen Schritt zum News-Aggregator, sagt Medien-Dozent Thomas Hutter.

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Jan Rothenberger@janro

Herr Hutter, was ist Paper?
Paper ist eine Mobile-App, die mir Facebook-Inhalte auf eine neue Art und Weise zeigt, wesentlich multimedialer ist und sich vom bestehenden Newsfeed stark abgrenzt.

Wird Facebook damit zur Zeitung?
Das glaube ich nicht. Es geht aber mehr darum, mit magazinähnlichen Inhalten Leute abzuholen, denen der Facebook-Newsfeed nicht gefällt. Man konnte ja lesen, dass Facebook an einem Flipboard-Killer arbeitet. Facebook versucht eine Nutzergruppe anzusprechen, die eher visuell orientiert ist.

Warum bringt Facebook dieses neue Design in einer zusätzlichen App?
Es ist eine Variante mehr, wie Facebook versucht, für unterschiedliche Geschmäcker auch unterschiedliche Möglichkeiten zu bieten.

Wünscht sich Facebook mit dieser App auch andere Nutzerbeiträge?
Paper eignet sich besonders für link-, bild- und videolastige Beiträge. Facebook möchte wahrscheinlich durch die neue Darstellung seine Nutzer animieren, mehr in diese Richtung zu machen. Gleichzeitig setzt Paper auf weniger Schnickschnack und weniger Einstellungen. Die normale App ist relativ technisch. Mit einer vereinfachten App kann Facebook vielleicht Nutzer wieder dazu bewegen, mehr eigene Beiträge zu erstellen.

Was bedeutet die Möglichkeit, künftig nach Themen suchen zu können?
Dieser Schritt in Richtung Interessen und Themen ist auch eine Ablösung der Idee, primär Neuigkeiten von Freunden anzuzeigen. Man geht hin zum gezielten Anbieten von öffentlich geteilten Beiträgen. Diese sah man ja bisher nicht im normalen Newsfeed.

Der Gigant probt also einen Strategiewechsel? Weg vom sozialen Netzwerk?
Ja, Paper ist ein wenig die Ablösung eigener Verbindungen durch Themen und Interesseninhalte. Facebook wird nun auch zum News-Aggregator. Facebook will zeigen, dass man mit diesen ganzen Informationen mehr machen kann als «nur» ein Freundschaftsnetzwerk.

Neu ist, dass Facebook mit eigenen Mitarbeitern Inhalte, zum Beispiel Zeitungsartikel, auswählen und bewerten will, was die Nutzer interessieren könnte. Warum das?
Solche Editoren sollen herausfiltern, was für Beiträge besonders gut funktionieren. Das auch darum, weil die Menge an Nachrichten, die Paper anzeigt, nicht beliebig gross sein kann. Facebook will das Interessanteste zeigen. Ausserdem will Facebook die Beiträge nach Themen sortieren. Das müssen Mitarbeiter machen.

Was heisst Paper für die Medien, die ja schon heute einen Teil ihrer Leser via Facebook ansprechen?
Ich vermute, es wird für Medien insgesamt schwieriger. Sie brauchen auf Facebook wohl eine gewisse Stärke, damit sie überhaupt wahrgenommen werden. Und in einer ersten Phase wird man sich sicher an den Medien orientieren, die die grösste Reichweite auf Facebook haben. Nur wer es schafft, in diesen Pool hineinzukommen, darf auf ein grösseres Publikum durch Paper hoffen.

Mobile ist für Facebook immer wichtiger, auch werbetechnisch. Sehen wir darum so einen grossen Aufbruch hier?
Facebook sagte schon vor einem Jahr etwas Interessantes: «Wir sind eine Mobile-Firma.» Man versucht nun, auf Mobile noch eine bessere Dichte zu erhalten. Facebook will spezialisierte Lese-Apps wie Instapaper oder Flipboard aushebeln mit einer eigenen Plattform, die ein ähnliches Handling wie diese bietet. Das ist ähnlich wie beim Zukauf von Instagram. Facebook sah, dass ein Foto-getriebener Dienst Erfolg hatte, der nah am eigenen Kerngeschäft war. Man übernahm dann Instagram, um sich diese Nutzer zurückzuholen.

Paper startet am 3. Februar, pünktlich zum zehnjährigen Bestehen, allerdings vorerst nur in den USA und auf Apple-Geräten. Warum das?
iPhone-Nutzer sind wahrscheinlich schon ein wenig multimedialer unterwegs. Dann sind die USA ein guter Testmarkt für Facebook, um etwas über die Akzeptanz und Nutzung zu lernen. Die Amerikaner sind tendenziell sehr offen für Neues. Ausserdem sind die Datenschutzbedenken dort weniger gross als zum Beispiel in Deutschland, wo eine neue Funktion oft gleich zu einer rechtlichen Debatte führt.

Wann werden wir Paper hierzulande sehen?
Dazu hat Facebook bisher nichts bekannt gegeben. Ich gehe aber nicht davon aus, dass Paper schnell in der Schweiz verfügbar sein wird.

DerBund.ch/Newsnet

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