Der Computer als Schmuckstück

Technologiekonzerne kämpfen mit sinkenden Preisen und immer härterer Konkurrenz. Ihr Heil suchen sie immer mehr im Glamour der Modewelt.

Hightech und Mode: Auf dem Laufsteg kommt zusammen, was nicht in jedem Fall zusammengehört. Foto: Frazer Harrrison (Getty)

Hightech und Mode: Auf dem Laufsteg kommt zusammen, was nicht in jedem Fall zusammengehört. Foto: Frazer Harrrison (Getty)

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Mode, Design, Kunst, Premium und Luxus waren die wichtigsten Wörter, als HP letzte Woche seine neuen Geräte vorstellte. Die gegossenen Füsse des einen PC würden an den Barcelona-Sessel (ein Designklassiker) erinnern, wurde erklärt, und dass Notebooks auch Hingucker sein müssten.

Um Prozessoren, Festplatten und Arbeitsspeicher, also das Herzstück eines jeden Computers, ging es nur am Rande. Ähnlich wie bei HP klingt es aktuell bei vielen Technologiekonzernen, egal ob es um Laptops, Handys oder andere Geräte und Gadgets geht. Diese Entwicklung hat kürzlich sogar Apple-Mitgründer Steve Wozniak kritisiert. Bei der Apple Watch gehe es nur noch um Äusserlichkeiten, technisch seien alle Modelle identisch. Apple sei darum nicht mehr das Unternehmen, das die Welt verändere – Apple sei nun im Schmuckgeschäft.

Immer kleiner und billiger

Dass sich Technologiekonzerne vermehrt Äusserlichkeiten zuwenden, ist eine Folge des technischen Fortschritts: Computerbestandteile sind in den letzten Jahren immer kleiner, besser und billiger geworden. Selbst ein mittelklassiger Handyprozessor ist für fast alle Alltagsanforderungen an einen Computer gut genug. Ausser man ist Industriezeichner oder Gamer, braucht es nicht mehr das Neuste und Beste zu sein. Deutlich sieht man das aktuell an den schlechten Zahlen und den Entlassungen beim Prozessorriesen Intel. Der Konzern hat das Aufkommen von Smartphones mit ihren ganz anderen Anforderungen verschlafen. Immer mehr und schneller brauchen die Leute nicht länger und ist vielleicht technisch auch gar nicht mehr so leicht zu machen. Das mooresche Gesetz besagt, dass sich die Anzahl Transistoren in einem Prozessor alle zwei Jahre verdoppelt. Dieses Frühjahr stiessen das Gesetz und mit ihm die Chiphersteller nach 51 Jahren an physikalische Grenzen. Das mooresche Gesetz wurde für überholt erklärt: Künftig soll die Entwicklung gemächlicher vorangehen.

Quantensprünge bleiben aus

Auch in einem anderen Bereich bleiben die Quantensprünge aus: bei den Akkus. Was Prozessoren an Effizienz zulegen, machen immer hochauflösendere und stromfressendere Bildschirme gleich wieder wett. Ein Handy oder ein Notebook, das Wochen statt Tage durchhält, wäre ein Verkaufsschlager. Nur ist das aktuell nicht zu machen.

Zu schaffen macht den Herstellern auch die wachsende Konkurrenz. Dank dem Entwicklungsplateau und Auftragsfabriken ist die Hürde klein, ins Geschäft einzusteigen. Man muss sich nur den Handymarkt anschauen: Immer neue Marken und Firmen kämpfen um die Kundschaft. So sinken die Preise, und es wird immer schwieriger, höhere Preise für technisch gleichwertige Geräte zu verlangen. Nokia, Motorola oder Blackberry sind nur die prominentesten Firmen, die deshalb unter die Räder gekommen sind.

Da die technischen Möglichkeiten, sich von der Konkurrenz abzusetzen, begrenzt sind und die Konkurrenz immer härter wird, müssen sich Konzerne anderweitig umsehen, um ihre Kundinnen und Kunden bei der Stange zu halten und sie dazu zu bringen, ihr Portemonnaie zu öffnen. Kein Wunder, haben Technologiekonzerne ein Auge auf die Kleider- und Schmuckbranche geworfen. Solche Unternehmen schaffen es, Jahr für Jahr Neuheiten zu verkaufen, die nicht besser sind als ein Modell vom Vorjahr oder diejenigen der Konkurrenz. Ihr Erfolgsgeheimnis: Mode, Design, Kunst, Premium und Luxus.


Microsoft & Alcantara
Ein Hauch von Leder für das Surface

Nein, Alcantara ist kein kolumbianisches Drogenkartell, keine Spaghettisauce und auch kein Chorkonzert. Alcantara ist ein synthetischer Lederersatz. Das Material kommt bei Möbeln und Autos der höheren Preisklasse zum Einsatz. Und nun auch bei einer Tablet-Tastatur. Mit 185 Franken kostet das Tippgerät 30 Franken mehr als die technisch identische Variante ohne das Luxus-Material. Im Blindtest spürt man keinen Unterschied zur normalen Ausführung.

Dafür sieht das Grau eleganter aus als die anderen Farben, die es fürs Surface gibt. Wer schon eine Surface-Tastatur hat, muss aber ein grosser Fan der Farbe Grau oder von Alcantara sein, um sich diese Tastatur zu kaufen. (zei)


Apple Watch Edition
Apples konsequenter Sprung in die Schmuckabteilung

In einem Punkt muss man Steve Wozniak recht geben. Mit der Apple Watch ist Apple ins Schmuckgeschäft eingestiegen. Konsequenter als Apple hat kein Technologiekonzern diesen Sprung gewagt. Technisch identisch, unterscheiden sich die Smartwatches des iPhone-Konzerns nur äusserlich.

Die Anzahl Varianten und Armband-Optionen ist kaum zu überschauen. Dafür findet sich für fast jeden Geschmack eine Apple Watch – und auch für fast jedes Budget. Die günstigste kostet 350 Franken, für die teuerste sind 17'500 Franken hinzulegen. Für über 10'000 Franken gibt es die Uhr in Gold. Das muss einem nicht gefallen – aber das gehört dazu, wenn man im Schmuckgeschäft mitmischen will. (zei)


Google Glass & D. von Fürstenberg
Grusel-Technologie auf Fashion getrimmt

2014 unternahm die Modeschöpferin Diane von Fürstenberg den mutigen Versuch, Googles Brillencomputer modischen Sexappeal einzuhauchen – und ihm Käuferschichten ausserhalb von Nerdkreisen zu erschliessen. Ein Unterfangen, das als grandios gescheitert betrachtet werden darf. Denn wenn die Brillenmodelle eines zeigen, dann, wie deplatziert die seitlich angeflanschten, klobigen Glass-Module an den filigranen Gestellen wirken. Die Lehre aus diesem modischen Debakel – bei dem auch der Gruselfaktor von Google Glass nicht wesentlich verringert werden konnte – muss lauten, dass Hightech und Mode nur dann zusammenkommen, wenn sich die Technologie vollkommen unsichtbar macht. (schü.)


Fitbit & Tory Burch
Mode-Überstülper für den drögen Fitnesstracker

Schrittzähler-Armbänder haben die Eigenheit, aus Gummi und Plastik gefertigt zu sein und eher zum Schlabberpulli denn zum Abendkleid zu passen. Die Modedesignerin Tory Burch will Fitbit-Schrittzählern dieses unmodische Image ein für alle Mal austreiben und sie den Glamour lehren. Sie hat eine Kollektion von einem guten Dutzend Armbändern und Anhängern geschaffen, die das kleine Stück Hightech ummanteln und so als Modeaccessoire tarnen.

Kritiker bemängeln, die Tarnung sei unzureichend: Zwischen den locker ineinandergreifenden Messingelementen bleibe die Plastikoberfläche des Schrittzählers erkennbar – was billig wirke. Auch wirft die Kollektion die Frage auf, ob es sinnvoll ist, ein etwa 85 Franken teures Gadget mit einer Lebzeit von höchstens ein bis zwei Jahren durch ein modisches Zubehör auszustatten, das wertiger produziert ist und auch entsprechend teurer ist – 195 beziehungsweise 175 Dollar kosten Tory Burchs teuerste Armbänder und Anhänger.

Charmanter ist, den Schrittzähler in der Hosentasche oder dem Handtäschchen verschwinden zu lassen und das Handgelenk mit einem unsmarten Schmuckstück zu zieren. (schü.)


HP Spectre
Aussen einzigartig – innen Mainstream

HP hat viele mässig erfolgreiche Versuche hinter sich, dem Laptop ein modisches, freundliches Aussehen zu verpassen. Die chinesische Modedesignerin Vivienne Tam hat ihn 2008 mit floralen Motiven und Schmetterlingen aufgehübscht. Zusammen mit Intel hat man die Castingshow «Project Runway» gesponsert, wo die Kandidaten Stoffmuster auf touchgesteuerten PCs kreierten.

Mit dem jüngsten Wurf schwingt sich HP in Sachen Eleganz und Auftritt in die ersehnten Sphären hoch: Das Spectre glänzt kupferfarben und entthront das Apple Macbook Air als dünnstes Notebook der Welt (10,4 Millimeter). Augenfällig sind auch die Kolbenscharniere, die hintergrundbeleuchtete Tastatur, die Lautsprecher von Bang & Olufsen und das neue, abstraktere Logo.

So hübsch das Äussere – auf dem Gerät läuft das gleiche Windows 10 wie auf den 200-Franken-Plastikbombern aus dem Discounter. Und falls HP sich nicht zurückhält, wird auch das Spectre die sogenannte Bloat- oder Crapware enthalten: Jene meist unerwünschten Software-Dreingaben, für die die Windows-Hersteller berüchtigt sind. Das macht die Diskrepanz zwischen dem eleganten Äusseren und der lieblosen Ausstattung umso augenfälliger. (schü.)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2016, 17:50 Uhr

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