Kluge Technik, dumme Entscheide

2017 wurde die künstliche Intelligenz fassbar und das Zahlen per Handy praktisch. Biosensoren sind auf dem Vormarsch, und die Netzneutralität wird aufgegeben. Ein Jahresrückblick.

Künstliche Intelligenz bleibt vorerst beschränkt: Humanoider Roboter an der IT-Messe CeBIT in Hannover. Fotos: Keystone

Künstliche Intelligenz bleibt vorerst beschränkt: Humanoider Roboter an der IT-Messe CeBIT in Hannover. Fotos: Keystone

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Künstliche Intelligenz: Aus Fantasie wird Realität

Die künstliche Intelligenz beschäftigt die Gemüter schon seit langem. Für die einen bedeutet sie Hoffnung – nämlich für jene zukunftsgläubigen Menschen, die mehr Vertrauen in Maschinen als in ihresgleichen hat. Für andere stellt sie eine riesige Projektionsfläche für Verlustängste dar. Kluge Maschinen, die sich selbst weiterentwickeln und programmieren, werden uns Menschen demnach in jedem Bereich überflügeln und überflüssig machen: Davon sind jene überzeugt, die davor warnen, Algorithmen vorbehaltlos zu vertrauen. Und die künstliche Intelligenz ist noch mehr: ein wohlfeiler Ausweg für fantasielose Roman- und Drehbuchautoren zum Beispiel, die gerade eine omnipotente Figur benötigen.

2017 hatten wir Gelegenheit zu beobachten, wie eine Menschheitsfantasie langsam in die Realität hinübergleitet. Immer mehr Apps arbeiten mit KI, verarbeiten Daten, finden Muster, sortieren unsere Fotos, stöbern unbekannte Musikperlen aus riesigen Streamingarchiven für uns hervor, kommunizieren mit uns über Smartphones und kluge Lautsprecher und chatten mit uns auf Facebook. Und wir beginnen auch die Limiten zu erahnen: Wirklich klug sind diese künstlich intelligenten Systeme mitnichten. Siri steht oft auf dem Schlauch. Die Bilderkennung des iPhones verwechselt uns auch mal mit unseren Eltern, Geschwistern oder Kindern. Maschinelle Übersetzungen brauchen viel menschliche Fantasie, um nur ansatzweise verstanden zu werden. Und oft ist die Hilfe von Google, Apple, Amazon und Co. doch nur eine Bevormundung – und das smarte Home bis anhin weniger smart, als vielmehr um Welten komplizierter als das alte, dumme Haus.

Wir dürfen uns entspannen: So gross und beeindruckend die Fortschritte auch sind, die Systeme bleiben beschränkt. Mit Kreativität, Gedankensprüngen, Witz und Ironie, schrägen Assoziationen oder vagen Andeutungen sind sie überfordert. Darum freuen wir uns doch darüber, falls ein digitaler Assistent einmal etwas Hilfreiches tut – und müssen uns noch nicht darauf gefasst machen, dass er plötzlich die Herrschaft über unser Leben übernimmt. (schü.)


Biosensoren: Einblick in den Körper

Vor einem Jahr war es noch ein mögliches Zukunftsszenario. Heute ist es bereits überall. Krankenkassen bombardieren uns mit neuen «Bonus-Programmen». Wer Einblick in sein Leben und seinen Körper gewährt, bekommt Rabatte und Digitec-Gutscheine. Apps und Wearables – also mit Sensoren ausgestattete Geräte, die man am Körper trägt – machen es möglich.

Doch die Krankenkassenwerbungen und die Fitnesstracker und Smartwatches, die man immer häufiger an den Handgelenken der Mitmenschen sieht, sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Gerade passiert etwas Ausserordentliches. Mehrere Entwicklungen in verschiedensten Branchen haben das Potenzial, gemeinsam den Gesundheitssektor komplett umzukrempeln.

Da sind zum einen die vernetzten Sensoren, die immer kleiner, stromsparender, präziser und vielfältiger werden, sodass sie in immer mehr Geräten zum Einsatz kommen können. Dank künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen wird es immer einfacher, aus den gigantischen Datenmengen, die solche Sensoren generieren, nützliche Informationen und Empfehlungen abzuleiten. Schliesslich bietet Blockchain das Potenzial, das Verhältnis von Patienten zu Ärzten, Kranken­kassen und allen anderen am Gesundheitssystem beteiligten Akteuren neu zu regeln. Dass all diese Entwicklungen parallel ablaufen, erhöht einerseits das Sprengpotenzial, andererseits erschwert es aber auch Vorhersagen. Darum ist bei allzu euphorischen Fortschrittspropheten immer eine gehörige Portion Skepsis geboten. Denn anders als beim Smartphone wird es im Gesundheitsmarkt ungleich länger dauern, bis diese Entwicklungen Fuss fassen und in unserem Alltag ankommen.

Selbst trage ich seit einem halben Jahr eine Vorabversion eines Biosensors der Zürcher Firma Biovotion am Oberarm. Es ist faszinierend, in Echtzeit die vielen Parameter zu verfolgen, die er in meinem Körper misst. Noch trage ich den Sensor aus Neugierde. Ich bin gespannt, ob und aus welchen Gründen ich dies in zehn Jahren tun werde. (zet)


Blockchain: Totale digitale Transparenz

Die Blockchain ist das Kernstück von Bitcoin und anderen Kryptowährungen. Das allein ist ein Grund für eine ehrenvolle Erwähnung. Denn der Kurs des Internetgeldes zeigte 2017 fast ununterbrochen nach oben. Wer sich getraute, mit dem virtuellen Geld real zu spekulieren, hatte die Chance auf satte Gewinne.

Die Bitcoins wurden 2008 von einem Genie erfunden, das man nur unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto kennt, und das sich der Enttarnung bislang erfolgreich entzogen hat. Seine Schöpfung machte 2017 nebst den Kursrekorden auch noch auf andere Weise von sich reden. Websites wie Piratebay haben sie als Finanzierungsmethode ins Auge gefasst. Statt Werbung anzuzeigen, lassen sie die Computer ihrer Besucher nach Bitcoins schürfen. Das Mining ist, vereinfacht gesagt, das Erschaffen neuer Bitcoins aus dem Nichts. Es ist enorm rechenintensiv und dementsprechend teuer. Doch wenn man diese Arbeit an fremde Computer auslagert, dann ist es eine lohnende Angelegenheit. Auch Apps missbrauchen fremde Smartphones gelegentlich fürs Mining. Und die Nutzer wundern sich, warum die Batterie so schnell leer wird.

Doch die Blockchain als zentrales Element der Bitcoins kann mehr, als Zahlungsmittel aus Bits und Bytes zum Leben zu erwecken. Sie ist als dezentrale Datenbank konzipiert, in der alle Transaktionen aufgezeichnet werden. Niemand «besitzt» oder kontrolliert diese Datenbank. Sie ist bei allen Nutzern gespeichert. Es gibt keine Organisation, die zuständig wäre und der die Nutzer vertrauen müssten.

Es existieren viele Ideen, wofür die Blockchain-Technologie auch noch Verwendung finden könnte: zum Beispiel für Verträge, die für die Öffentlichkeit zugänglich und transparent sind. Für ein faires Entlöhnungssystem beispielsweise bei einem Streamingdienst, wo die Abonnenten die Künstler direkt entlöhnen. Oder bei der digitalen Demokratie: Da könnte die Blockchain Wahl- und Abstimmungsresultate bezeugen. Wenn alle Stimmberechtigten jede Stimme direkt überprüfen können, bleibt kein Raum für Betrug und Manipulation. (schü.)


Zahlen mit dem Handy: Gezänk hinter den Kulissen

Ladenbesitzer haben es derzeit nicht leicht. Alle paar Monate müssen sie in ihrem Schaufenster und an ihren Bezahlterminals neue Kleberli anbringen. Die Auswahl an neuen Bezahl­lösungen nimmt rasant zu: Twint, Apple Pay, Samsung Pay, Fitbit Pay, Garmin Pay, Swatch Pay. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Bezahlapps einzelner Händler und weiteren Diensten, die es noch nicht in die Schweiz geschafft haben.

Angetreten sind sie alle mit demselben Ziel: das Bezahlen zu vereinfachen. Doch wenn man sich das grosse Ganze betrachtet, ist davon noch nicht viel zu sehen. Den Überblick zu behalten, welcher Dienst mit welcher Bank, welcher Kreditkarte, welcher Technologie und in welchem Laden funktioniert, wird immer komplizierter. Da keiner der Anbieter konkrete und vor allem vergleichbare Zahlen vorlegt, kann nur spekuliert werden, ob sich die teilweise enormen Marketinginvestitionen auszahlen. Fragt man bei den einzelnen Firmen nach, zeigen sich alle erwartungs­gemäss sehr zufrieden damit, wie ihre Bezahldienste an den Ladenkassen ankommen. Ein klarer Sieger lässt sich nicht ausmachen.

Aber so unüberschaubar sich die Situation zurzeit darstellt, so erfreulich ist sie im Alltag. Wenn man einmal einen bequemen Bezahldienst gefunden hat, kann einem das Gezanke und Allianzengeschmiede hinter den Kulissen herzlich egal sein. Für jeden Bezahldienst kann man sich begeistern, und von allen finden sich Fans. Manche schwören auf Twint, andere auf Apple Pay oder Garmin Pay usw. Das ist, wie ein Besuch im Supermarkt immer wieder aufs Neue zeigt, zwar erst eine kleine – ja winzige – Minderheit, aber solange jeder so bezahlen kann, wie es für ihn am bequemsten ist, bricht niemandem ein Zacken aus der Krone: Bargeld, Kärtchen, Handys und Uhren kommen gut aneinander vorbei.

Es wird Zeit, dass die betroffenen Firmen das auch hinbekommen. Statt sich mit künstlichen Einschränkungen gegenseitig das Leben schwer zu machen, sollten sie die Entscheidung dem Wettbewerb und damit den Kunden überlassen. (zet)


Netzneutralität und -vielfalt: Den drei Grossen ausgeliefert

Mitte Dezember haben die USA die Netzneutralität aufgegeben. Damit ist die Regel gefallen, dass die Internetprovider alle Datenströme unabhängig von Sender, Empfänger und Volumen gleich behandeln müssen. Telecom­anbieter können gewisse Inhalte bevorzugen und andere bremsen oder gar blockieren. Das benachteiligt die kleinen Wettbewerbsteilnehmer, die es sich nicht leisten können, für die ungehinderte Durchleitung notfalls zu bezahlen. Das Schreckgespenst eines Zweiklassennetzes steht im Raum, das Start-ups diskriminiert und die Innovation behindert.

Der Verlust der Netzneutralität verändert das Netz, wie wir es kennen. Aber nicht nur die: «Das langsame Sterben des Web begann 2014», behauptet André Staltz. Er ist nach eigenem Bekunden ein «Open-Source-Hacker» aus Brasilien, der heute in Finnland lebt, «wo es schön und kalt ist». Seit 2014, sagt Staltz, führen drei Internetriesen eine fundamentale Veränderung herbei. Google und Facebook kontrollieren einen grossen Anteil der Netzaktivitäten. In Lateinamerika verantworten die beiden Konzerne mehr als 70 Prozent des mobilen Datenverkehrs.

Der dritte Gigant heisst Amazon: nicht nur dominant im E-Commerce, sondern auch bei der Infrastruktur, bei dem ein Grossteil der Anbieter im Web eingemietet ist. Die Entwicklung des Netzes wird sich nicht mehr an den Interessen der breiten Nutzerschaft, sondern an den Bedürfnissen der grossen drei ausrichten. Und die werden es nach ihren Wünschen umbauen. Staltz nennt das Resultat denn auch nicht mehr Internet, sondern «Trinet» – ein virtueller Ort, wo man schnell heimatlos wird, wenn man es sich mit Google, Facebook oder Amazon verscherzt.

Das ist eine Dystopie, klar. Doch hat Staltz nicht unrecht, wenn er sagt, die ursprüngliche Vision des World Wide Web sei in Gefahr. Dessen Vater, Tim Berners-Lee, hat es sich als ungeordneten Raum ohne Abhängigkeiten ausgedacht, wo inhaltliche Vielfalt direkt mit infrastruktureller Diversität zusammenhängt. Eine Monokultur hatte er nicht im Sinn. (schü.)

«2017 war ein spannendes Gadget-Jahr»: Die Digitalredaktoren Matthias Schüssler und Rafael Zeier zeigen ihre Gadget-Favoriten 2017.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 19:01 Uhr

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