Der Google-Event im 10-Punkte-Check

Was die gestern vorgestellten Produkte über Googles Strategie verraten und wie es um ihre Marktchancen steht.

Überraschende Neuheiten: Die Google-Präsentation vom 4. Oktober 2017. Video: Made by Google (Youtube)


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Gestern hat Google eine ganze Reihe an neuen Produkten vorgestellt. Wann und ob sie auf offiziellem Weg in die Schweiz kommen, ist unklar. Google liess lediglich ausrichten: «In Bezug auf die Hardware haben wir für die Schweiz momentan nichts anzukünden.»

Zur Erinnerung: Die im letzten Jahr vorgestellten Pixel-Smartphones und Home-Lautsprecher verkauft Google bis heute nicht in der Schweiz. Bei Onlinehändlern findet man aber gelegentlich importierte Geräte.

Bei den diesjährigen Google-Neuheiten sieht es also erneut ganz so aus, als würden sie Technik-Fans vorbehalten bleiben. Darum können wir es uns bis auf Weiteres auch sparen, die Neuheiten im Detail zu besprechen.

Schauen wir uns stattdessen die interessantesten Entwicklungen und Trends der gestrigen Ankündigung etwas genauer an. Denn ein paar Neuheiten haben das Potenzial, andere Hersteller zu beeinflussen und indirekt einen Einfluss auf unseren Alltag auszuüben:

1. Künstliche Intelligenz: Google-Chef Sundar Pichai machte gleich zu Beginn der Veranstaltung klar, wie beim Techkonzern die Prioritäten gesetzt werden. Er erklärte, wie künstliche Intelligenz Computer immer hilfreicher, intuitiver und schliesslich unsichtbar machen wird. Neue Handys oder Lautsprecher sind da nur ein kleiner Puzzlestein. Google gehts ums grosse Ganze. Das funktioniert aber nur, wenn Google-Dienste auf all unseren Geräten vorhanden und solche Geräte immer mindestens in Rufdistanz sind. Da Googles Konkurrenten und Partner ebenfalls an ähnlichen Strategien arbeiten, kommt Google nicht umhin, eigene Geräte zu entwickeln und sich einen Kanal direkt zu den Nutzerinnen und Nutzern offen zu halten.

Verknüpft Informationen aus der realen Welt mit Fotos: Die Google-Lens-App arbeitet mit künstlicher Intelligenz. (Elijah Nouvelage, AFP)

Wie Apple, Samsung und Amazon: Google setzt bei Geräten auf künstliche Intelligenz. Video: AFP

2. Motion Photos: Als Apple 2015 Live-Fotos vorstellte, wurde die Funktion vielerorts (auch von mir) als Spielerei abgetan und daran erinnert, dass HTC das schon früher mal erfunden hat. All das wurde der Entwicklung nicht gerecht. Live-Fotos waren ein Vorbote der Fotografie-Zukunft. Standbild und Bewegtbild verschmelzen. Wenn man den Auslöser der Kamera drückt, werden immer mehr Informationen wie Bewegung, Ton oder räumliche Tiefe mit aufgenommen.

Im Android-Lager haben die Hersteller diese Entwicklung weitestgehend verschlafen und stattdessen wenig nachhaltige Kamera-Tricks lanciert. Einzig Google hat die Tragweite sofort erkannt und mit Motion Stills eine iPhone-App lanciert, die Apples Live-Fotos erst richtig gut gemacht hat. Als Android-Fan durfte man getrost etwas neidisch ins iPhone-Lager schielen. Nun lanciert Google mit dem Pixel 2 eine eigene Variante von Live-Fotos. Wie Motion Photos genau funktionieren und wie leicht sie sich exportieren und teilen lassen, werden die nächsten Wochen zeigen. Hoffentlich ziehen andere Android-Hersteller möglichst schnell nach und bauen Motion Photos auch in ihre Geräte ein. Für mich sind Live-Fotos heute einer der Gründe, warum ich ein iPhone bevorzuge.

3. E-SIM: An der Präsentation hat Google dieses vermeintliche Detail gar nicht erwähnt. Erst im Nachgang fand sich die Information in den technischen Details. Die neuen Pixel-Telefone haben nebst einem SIM-Karten-Einschub auch eine sogenannte E-SIM. Kurz erklärt: Eine E-SIM ist eine festverbaute SIM-Karte. Damit kann man über ein Menü den Anbieter wählen und wechseln und muss nicht mehr mühsam Mini-Kärtchen ins Handy stecken. Obwohl der E-SIM die Zukunft gehört, wird sie aktuell nur in wenigen Geräten verbaut. Prominenteste Beispiele sind aktuell das iPad Pro und die neue Apple Watch.

Auf dem iPad Pro verwende ich die E-SIM regelmässig im Ausland, um bei lokalen Anbietern Preise zu vergleichen, Datenpakete zu kaufen und horrende Roaming-Kosten zu vermeiden. So praktisch die E-SIM für mich als Konsument ist, so furchterregend ist sie für Telecomfirmen – drohen sie damit doch noch mehr zu austauschbaren Datenlieferanten zu werden. Je leichter Konsumenten den Anbieter wechseln können, desto öfter werden sie das tun. Die E-SIM ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Bei den neuen Pixel-Handys soll die E-SIM vorerst nur für Googles eigenes Handy-Abo namens Fi (nur in den USA) genutzt werden. Aber die E-SIM wird sich kaum aufhalten lassen.

4. Keine Doppelkamera: Noch mal ein Kamera-Thema. An der Präsentation und in der Werbung hat sich Google gegen den Trend zu Doppelkameras gestemmt. Fotos mit verschwommenem Hintergrund könne das Pixel auch ohne ein zweites Objektiv erstellen. Künstliche Intelligenz in Kombination mit dem Fotosensor sollen es möglich machen. Die Demo-Bilder schienen es zu bestätigen, doch wie gut es abseits der Show-Bühne funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Etwas kann Google aber nicht wegdiskutieren: Bei Samsung und Apple dient die Doppelkamera noch einem zweiten Zweck. Sie erlaubt es dem Nutzer, zwischen einem Weitwinkel- und einem Teleobjektiv hin und her zu wechseln. Google kann da nur mit digitalem Zoom mithalten. Doch der dürfte in Sachen Qualität hinter dem optischen Zoom zurückbleiben. Darum wage ich schon jetzt die Prognose: Im nächsten Jahr wird Google eine Doppelkamera bringen. Schliesslich hat Google auch bei der optischen Stabilisierung der Kamera mit dem Pixel 2 mit der Konkurrenz gleichgezogen.

Googles neuste Handy-Würfe: Pixel 2 und Pixel 2 XL. (Bild: Jeff Chiu, Keystone)

5. Kein Kopfhöreranschluss: Beim ersten Pixel-Handy hat sich Google vor einem Jahr noch über Apples Entscheidung, den Kopfhöreranschluss wegzulassen, lustig gemacht. Nur ein Jahr später zieht Google nach. Selbst komme ich heute gut ohne den Anschluss aus. Aber hin und wieder ertappe ich mich nach wie vor dabei, dass ich einen Klinke-Stecker ins iPhone stecken möchte.

6. Hoher Preis: Billig sind die Pixel-Handys nicht. Das kleinere Handy kostet in den USA ohne Steuern 650 Dollar, das grössere 850. Um in dem Preissegment nicht nur bei Technik-Fans Anklang zu finden, wird Google einiges an Werbung brauchen. Aber eben, vielleicht ist Google gar nicht so sehr daran gelegen, Massen davon zu verkaufen.

7. Lautsprecher überall: Anders als bei den Pixel-Handys scheint Google sehr daran gelegen, die eigenen Internet-Lautsprecher in alle Wohnungen und Räume zu bringen. Der neue Home-Mini kostet gerade mal 50 Dollar. Damit wird es so günstig wie nie, sich den Google-Assistenten in sein Zuhause zu holen. Wer mehr Wert auf Tonqualität legt, bekommt mit dem Home Max ebenfalls ein interessantes Lautsprecher-Angebot. Anders als bei den Pixel-Handys gibt Google bei den Lautsprechern Vollgas, um sich nicht von Amazons Alexa-Lautsprechern abhängen zu lassen. In die Schweiz kommen die Lautsprecher aber trotzdem vorerst nicht.

8. Pixelbook: Wenn ich mich bei einem Produkt etwas gewundert habe, dann beim Pixelbook. Ein hochpreisiger Laptop, der auch ein Tablet wird, wenn man den Bildschirm nach hinten klappt, ist an sich nichts Neues. Aber was Google mit dem Gerät genau bezweckt, ausser die grössten Fans des eigenen Chrome OS glücklich zu machen, ist mir nicht klar. Mit dem Pixel C hat Google vor zwei Jahren schon ein Tablet mit Tastatur vorgestellt. Da kam Android zum Einsatz, obwohl es ursprünglich mit Chrome OS geplant war. Nun gibt es dank dem Pixelbook doch ein Tablet mit Chrome OS. Google verspricht gar, es sei der erste Laptop, der sich wirklich wie ein Tablet anfühle. Ich muss zugeben, ich verstehe Googles Zick-Zack-Tablet-Strategie wirklich nicht.

Tablet für Chrome-OS-Fans: Das Pixelbook von Google. (Bild: Jeff Chiu, Keystone)

9. Bud: Wer den Kopfhörer-Anschluss weglässt, muss Alternativen anbieten. Googles eigene Drahtloskopfhörer sollen diese Lücke schliessen. Anders als Apple hat Google den Kopfhörern ein paar Zusatzfunktionen verpasst. Die spannendste: Der Kopfhörer ist auch ein Simultanübersetzer. An der Vorführung klappte das Gespräch zwischen einem Amerikaner und einer Schwedin relativ flüssig. Ob das im Alltag auch so gut funktioniert?

10. Clips: Die grösste Überraschung an der gestrigen Präsentation war die neue Clips-Kamera. Das kleine Kästchen soll dank künstlicher Intelligenz lernen, wann es sich lohnt, ein Foto oder Filmchen zu machen. Sony hatte mal einen ähnlichen Kamera-Sockel. Das war aber mehr ein Party-Gag. Ob das Google-Produkt mehr ist als ein Jux, wird sich zeigen, wenn die Kamera auf den Markt kommt. Dann wird sich auch zeigen, wie gut es Google gelingt, Datenschutzbedenken zu zerstreuen. Angeblich bleiben die Fotos auf der Kamera und werden nur auf Google Fotos übertragen, wenn das autorisierte Handy das erlaubt. Eins ist aber jetzt schon sicher: Einen guten Fotografen oder schon einen mittelmässigen wird das Kästchen nicht ersetzen. Noch nicht.

Fotos und Filme mit künstlicher Intelligenz: Googles Clips-Kamera. (Bild: Elijah Nouvelage, AFP) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 10:09 Uhr

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