«Wenn ich zurückblicke, ist das natürlich schon sehr cool»

Der Erfinder der Einkaufszettel-App Bring sagt, wie alles zu zweit an Feierabenden anfing und wie es dazu kam, dass er jetzt 21 Angestellte beschäftigt.

Einer von zwei Bring-Gründern: Marco Cerqui in den Zürcher Büros.

Einer von zwei Bring-Gründern: Marco Cerqui in den Zürcher Büros.

Rafael Zeier@RafaelZeier

Bring ist eine App, mit der Einkaufslisten mit anderen Menschen geteilt werden können. Der Firmensitz befindet sich in Zürich. Gründer Marco Cerqui spricht im Interview über schwierige Übersetzungen und die Vorteile von iOS und Android.

Wo wärt ihr heute, wenn es keine App Stores und Apps gäbe?
Nicht hier. Definitiv nicht. Bring würde es ohne das App-Ökosystem nicht geben. Als wir mit Bring gestartet sind, haben wir uns gefragt, wie der Einkaufszettel der Zukunft aussieht. Der nie vergessen geht, den ich mit der Familie oder den Mitbewohnern teilen kann. Da war für uns ziemlich schnell klar, dass das eine App sein wird. Hätte es damals keine App Stores und Apps gegeben, hätten wir das alles nicht machen können.

Eine Website hätte ja damals keinen Sinn ergeben.
Nein. Es geht ja niemand mit dem Notebook einkaufen.

Und die App hat es euch erlaubt, aufs Handy und damit in die Hände so vieler Leute zu kommen.
Genau. Das hat sich gegenseitig befruchtet. Das war damals ja alles noch sehr neu. Mein Mitgründer und ich fanden damals die Entwicklungen im App Ecosystem sehr spannend. Klar, wir haben einen technischen Hintergrund und beide Software-Engineering studiert. Aber wir waren damals einfach auch fasziniert von diesen App-Plattformen. Hätte es diese App Stores und damit den einfachen Zugang zu Nutzerinnen und Nutzern nicht gegeben, hätten wir wohl was ganz anderes gemacht und wären wohl nicht so erfolgreich gewesen.

Würde euch das alles noch mal gelingen, wenn ihr heute starten würdet?
Schwierig, das heute zu beurteilen. Wir sprechen mit vielen Unternehmen, die in einem ähnlichen Umfeld unterwegs sind. Wir hören immer wieder, dass es ziemlich schwierig geworden sei, eine neue App durchzusetzen, da es inzwischen einfach so viele Mitbewerber gibt. Andererseits bin ich überzeugt, dass man immer noch eine Chance hat, wenn man eine sehr gute App macht und diese auch gut vermarktet. Tiktok ist da das beste Beispiel. Die waren vor zwei Jahren noch nirgends und sind jetzt gigantisch gross.

Wie viele Angestellte hat Bring?
21 Personen an zwei Standorten. Gestartet sind wir zu zweit nach Feierabend. Wenn ich heute darauf zurückblicke, ist das natürlich schon sehr cool. Da sind wir auch sehr stolz darauf. Aber klar, wir haben auch viel Glück gehabt.

Euer Glück war auch, dass keiner der grossen Techkonzerne ins Einkaufszettel-Geschäft einsteigen wollte.
Anders als Grosskonzerne haben wir uns beim Start von Bring gar nicht überlegt, wie wir damit Geld verdienen können. Wir wollten eine nützliche App für uns und unsere Nutzer machen. Das ist auch ein Grund, warum wir heute noch wachsen. Ein grosses Unternehmen würde sich zuerst fragen, wie verdienen wir mit einem Einkaufszettel Geld, das haben sie sich offensichtlich noch nicht gut genug überlegt, und darum haben sie das auch noch nicht gemacht.

Aber ihr wachst weiterhin? Ich habe das Gefühl, ich sehe in der Migros oder im Coop immer häufiger Leute mit eurer App.
Das ist so. Wir wachsen in der Schweiz weiter sehr gut. Aber wir wachsen im Ausland zum Beispiel in Deutschland, Frankreich und Italien noch stärker. Das liegt natürlich auch daran, dass wir in der Schweiz schon länger auf dem Markt sind. Es passiert immer wieder, dass, wenn wir am Wochenende einkaufen gehen, mein sechsjähriger Sohn ruft: «Papa, guck, der hat deine App auf dem Handy.» Das ist dann schon ein cooles Erlebnis.

Inzwischen sehe ich auch viele Leute, die ihr Handy mit Bring auf dem Einkaufswagen liegen lassen und schnell was holen gehen.
In der Schweiz kann man das ja machen. (lacht)

Apropos Schweiz: Wir sind hier ja in einem relativ kleinen Land. Wie wichtig ist es, im Ausland zu wachsen?
Das ist für uns sehr wichtig. Wir sind in der Schweiz zwar noch nicht zufrieden, was unsere Marktdurchdringung angeht. Bring ist ein Produkt, das sehr global ist. Einkaufszettel kennt man auch in Südamerika oder Asien. Und wenn wir das schon machen, wollen wir es natürlich auch in anderen Ländern anbieten. Die Schweiz ist aber unser Heimmarkt, darum bekommt der auch etwas mehr Liebe als die anderen. Aber Deutschland hat schon sehr stark aufgeholt, und im letzten Jahr haben wir unsere App an sieben weitere Sprachen angepasst.

Wie aufwendig ist das denn, eine App an andere Länder und Sprachen anzupassen? Kann man da zum Beispiel einfach alles auf Spanisch übersetzen und gut ist?
Spanisch ist tatsächlich nicht so ein schwieriger Fall. Da es da dieselben Schriftzeichen gibt. Aber wir haben die App kürzlich auf Russisch übersetzt. Das ist ein stark wachsender Markt mit einem ganz anderen Zeichensatz. Das ist dann schon eine Herausforderung. Wir haben die Spezialisten dazu nicht selbst. Wir haben niemanden, der Russisch spricht. Dann müssen wir uns auch an lokale Gegebenheiten anpassen. Es ist zum Beispiel wichtig, dass die lokalen Produkte, die die Leute kaufen wollen, auch in unserem Katalog drin sind. Da müssen wir jemanden vor Ort haben. Wir nennen sie Country-Ambassador. Das sind Leute, die Bring schon kennen und vielleicht auf Englisch nutzen. Mit ihnen zusammen stellen wir sicher, dass die richtigen Artikel im Katalog verfügbar sind. Für die ganze Übersetzung haben wir dann eine spezielle Agentur. Aber so kommt man zu einer ersten Version der russischen App. Marketing in den jeweiligen Ländern ist dann noch mal eine andere Sache. Das muss auch alles angepasst und lokalisiert werden. Nur schon auf die Feiertage muss man aufpassen.

Marketing macht ihr in den App Stores?
Für uns bedeutet das vor allem, dass wir unsere eigenen Kanäle entsprechend bespielen. Auch innerhalb unserer App. Da zeigen wir Rezepte und Tipps. Aber klar, wir setzen auch auf die App Stores. Da optimieren wir unsere App-Seiten kontinuierlich.

Also ihr schaltet dort Werbung?
Genau. Aber wir passen auch unsere Seiten an. Am 1. August zeigen unsere Screenshots dann zum Beispiel Raketen. Aber das unterscheidet sich je nach Land. Halloween und Weihnachten sind weitere Fälle, wo wir die App und unsere Store-Auftritte anpassen.

An mir ist die Werbung freilich verschwendet. Ich bin langjähriger Nutzer und habe keine andere App häufiger gekauft. Einmal für mein Android-Handy, einmal für mein iPhone und dann noch für das Handy meiner Frau. Das ist aber schon Jahre her. Bring hat sich danach an einem Abomodell versucht und ist inzwischen komplett gratis. Ihr habt also alle Einnahmemöglichkeiten durchprobiert – was war jeweils die Idee hinter dem Umstieg?
Wir sind mit einem Franken gestartet und sind dann rauf auf 2 Franken. Dann kam das Abo mit 3 Franken pro Jahr. Und jetzt ist die App gratis. Unser Ziel war es von Anfang an, dass sie so viele Leute wie möglich nutzen können.

Ist ja für ein Unternehmen auch wichtig, eine gewisse Grösse zu erreichen.
Als wir gestartet sind, waren wir noch gar nicht so im Unternehmensmodus. Wir waren einfach zwei Entwickler. Aber da war Wachstum für uns auch schon wichtiger als Einnahmen. Dann sind wir an einen Punkt gekommen, wo wir gesehen haben, das läuft immer noch sehr gut. Da haben wir beschlossen, die Bring! Labs AG zu gründen und mit einem grösseren Team weiterzuverfolgen. Wir haben dann Investoren gefunden, die an diese Wachstumsstrategie geglaubt haben. So konnten wir dann auch unser Wachstum finanzieren, ohne auf eine Bezahl-App zu setzen.

Das Abo war also kein Erfolg?
Das war auch noch zu einer Zeit, als Abos auf einem ganz anderen Niveau waren. Da gab es noch kaum Apps mit Abos. Spotify oder Netflix waren da noch viel kleiner.

Und damals gabs in den App Stores auch noch nicht die vorgefertigten Abofunktionen. Man musste ja alles selber machen.
Da war alles etwas schwieriger. Viele Leute hatten auch noch keine Zahlungsmittel hinterlegt. So war es für uns einfacher, auf ein Gratismodell zu wechseln.

Wie sieht es denn mit Investoren aus? Da ist immer noch genug Geld da?
Wir hatten seither zwei erfolgreiche Investorenrunden und machen einen siebenstelligen Jahresumsatz.

Wenn man heute eine tolle Idee für eine App hat, was wäre dein wichtigster Tipp? Was muss man unbedingt beachten, und was darf man bloss nicht vergessen?
Als Erstes sollte man wirklich sicher sein, dass es eine gute Idee ist und dass sie überhaupt Erfolg haben kann. Darum sollte man so schnell wie möglich mit so vielen Leuten wie möglich darüber sprechen. Idealerweise sollte man nicht nur mit seinen besten Freunden darüber sprechen. Man muss ein gutes Gespür dafür bekommen, wie gut die Idee das Problem anderer Menschen löst. Dazu muss man keine Code-Zeile schreiben, sondern einfach mit Leuten reden und herausfinden, ob es ein Bedürfnis gibt. Wir haben das bei Bring zwei, drei Monate lang gemacht. Danach waren wir uns sicher, dass die Nachfrage besteht.

Und wenn du nun diese tolle Idee hast und dir sicher bist, dass sie ein Bedürfnis abdeckt?
Wenn ich das habe, empfehle ich, den Kern der Idee herauszuschälen und das mit optimalem Aufwand umzusetzen und auf eine Plattform zu bringen, um es testen zu können. Als wir gestartet sind, mussten wir auch entscheiden, wie wir das mit unseren sehr begrenzten Mitteln angehen wollen. Wir waren ja ein Zweierteam und konnten nur an Wochenenden und nach Feierabend daran arbeiten. Dann haben wir uns für iOS entschieden und bei der App so viel weggelassen, bis nur der Kern übrig war. Bei der ersten Version konnte man dann zum Beispiel keine Mengen notieren. Man konnte einfach Bier aufschreiben. Nicht wie viel. Mit dieser Minimal-App wollten wir die ersten zwei-, dreitausend Nutzer erreichen. Wenn das klappt, können wir dann weiter investieren.

Und was ist heute für euch wichtig?
Dass man sich an die Design-Vorgaben der jeweiligen App Stores und Plattformen hält. Klar, man kann sehr kreativ sein und alles neu erfinden. Aber Nutzerinnen und Nutzer sind sich an ihre Plattform gewöhnt, da muss man sich als App-Hersteller auch daran anpassen. Ausser bei Spielen, die auch etwas gewagter sein können, ist es wirklich hilfreich, wenn man es den Nutzerinnen und Nutzern so einfach wie möglich macht. Nicht dass sie bei einer neuen App erst noch die Bedienung lernen müssen.

Wie entwickeln sich denn eure iOS- und eure Android-App über die Jahre? Werden sie unterschiedlicher, oder läuft es parallel?
Wir versuchen das möglichst parallel zu halten. Aber je nach Plattform gibt es schon unterschiedliche Design-Vorgaben. Das sieht man auch in den Apps. Ein Feature kann durchaus mal bei iOS anders daherkommen als bei Android oder umgekehrt.

Bei Android ist ein Element vielleicht eher oben, weil unten die Bedienknöpfe sind, bei iOS dafür unten, weil man da leichter mit den Fingern hinkommt?
Genau. Dann gibt es auch andere Technologien. Siri funktioniert zum Beispiel anders als der Google Assistant. Gerade wenn man limitierte Ressourcen hat, ist es wichtig, genau die richtigen Technologien und Funktionen auszusuchen.

Wie sieht es bei euch im Team aus? Wie viele Spezialisten für iOS und Android habt ihr, und wie viele sind Generalisten?
Wir haben mehr Spezialisten. Pro Plattform haben wir zwei Spezialisten, die sich nur um die jeweilige Plattform kümmern. Für die Prozesse im Hintergrund wie Machine-Learning oder Server haben wir nochmals andere Spezialisten.

Ihr seid damals mit iOS gestartet. Ist oder war das einfacher als mit Android?
Das Umfeld ist bei iOS schon etwas homogener, da es nicht ganz so viele unterschiedliche Geräte- und Software-Varianten gibt. Aber bei Android konzentriert sich das inzwischen auch hauptsächlich auf ein paar wenige Flaggschiff-Geräte. Aber ja, das war schon eine unserer Überlegungen damals, als wir gestartet sind.

Diese Homogenität ist dann auch der grösste Trumpf von Apple?
Ja. Es ist einfach alles sehr klar definiert, was man berücksichtigen muss, um eine erfolgreiche App zu machen. Da halt von der Software über die Hardware bis zu den Cloud-Plattformen alles aus einer Hand kommt, ist das für uns schon nochmal einfacher als bei Google. Gut, Google hat jetzt auch die eigenen Pixel-Handys …

… allerdings nicht in der Schweiz …
Die verweben Software und Hardware schon sehr gut. Aber was auch noch ein Unterschied ist: Gerade beim Engagement, also wenns darum geht, für eine App oder in einem Onlineshop Geld auszugeben, liegt Apple noch deutlich vorn.

Wie deutlich?
Sehr deutlich.

Was ist der Vorteil von Google? Die weite Verbreitung?
In der Schweiz nicht wirklich. Da liegt bei uns iOS immer noch vorn. Global haben wir auf Android aber mehr Nutzerinnen und Nutzer als auf iOS. Was bei Google toll ist, ist, was sie in Sachen Analytics anbieten. Da bekommen wir wirklich einen sehr guten Einblick, was funktioniert und was nicht. Apple hat da aber auch nachgelegt in letzter Zeit. Aber am Ende des Tages haben sich beide Plattformen sehr stark angenähert. Es gibt nicht mehr so deutliche Vorteile und Unterschiede wie früher.

Was sollte Apple verbessern?
Das müssten wir unsere Plattform-Profis fragen.

Ist das alles schon so weit fortgeschritten, dass es nur noch technische Details sind?
Da gibt es tatsächlich aktuell nichts, was ich sehe, was es uns erlauben würde, einen grossen Schritt vorwärts zu machen. Klar, wir erleben hin und wieder noch Überraschungen mit Apple, aber damit haben wir gelernt zu leben. Und die Herausforderung müssen ja alle Entwickler irgendwie meistern.

Wie ist es bei Google?
Ich bin aktuell mit beiden Plattformen sehr zufrieden. Beide sind auf einem Stand, bei dem der Erfolg in erster Linie von einem selbst abhängt. Nicht von der Plattform. Früher gab es noch Sachen, die sich nur auf einer Plattform verwirklichen liessen. Aber das ist heute nicht mehr so. Aber für die Details müssten wir auch hier mit unseren Plattform-Experten sprechen.

Wir sprechen jetzt immer von Android und iOS. Gibts eigentlich noch etwas anderes, das man im Auge behalten muss?
Für alles rund um Smartphones nicht. Was für uns aber auch sehr spannend ist, das sind die Sprachassistenten. Siri, Google Assistant oder Alexa. Das ist etwas, das wir im Auge behalten. Da hinkt die Schweiz – Deutschland etwas weniger – aber schon deutlich den USA hinterher.

Machen euch Apps wie Wechat, die alle Apps und Funktionen aufsaugen, Sorgen?
Nein. Wir sehen wenig, was davon von Asien her zu uns kommt. Aber wir überlegen uns im Gegenzug schon, ob wir vermehrt nach Asien expandieren wollen.

Wurde eine Version eurer App eigentlich auch schon mal von einem App Store abgelehnt?
Das gabs früher hin und wieder mal. Ist uns jetzt aber schon länger nicht mehr passiert, dass wir nachbessern mussten. Aber es kann schon passieren, dass gewisse Vorgaben ändern und man ein Feedback bekommt, dass man etwas noch anpassen müsse. Mittlerweile sind wir aber gut eingespielt.

Habt ihr da eigentlich Kontakt mit den Leuten hinter den App Stores?
Über die Jahre haben wir sowohl bei Apple wie auch bei Google Leute kennen gelernt. Beide hören uns auch gerne zu, wenn wir mal Feedback geben. Wir haben ja auch alle dasselbe Ziel, die Plattform weiter zu verbessern. So lernt man sich schon kennen.

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