Sinnlichkeit und Würde

Analyse

Die rasante Verbreitung von Tablets befreit die Menschheit endlich von der Knechtschaft durch Maus und Tastatur.

Ein intimer Computer: Ein chinesisches Model liest auf einem iPad.

Ein intimer Computer: Ein chinesisches Model liest auf einem iPad.

(Bild: Reuters)

Michael Marti@michaelmarti

Die Branche sprach von einem «Super Tuesday» und meinte damit das Zusammentreffen von gleich drei lange erwarteten Tablet-Präsentationen am Dienstag. Die Tech-Konzerne Apple, Nokia und Microsoft stellten ihre neuesten Touchscreen-Computer-Modelle vor; unter dem johlenden Zuspruch ihrer jeweiligen Fangemeinden, beobachtet von den Weltmedien. Die schrill inszenierten Produkte-Lancierungen – sie erinnern zusehends an religiöse Riten – mögen irritieren, doch unterschätzen sollte man ihre Bedeutung nicht.

Die Tablet-Zeremonien sind der Beginn der vorweihnachtlichen Verkaufsschlacht auf dem Gadget-Markt – und gleichzeitig Symbol für eine Zeitenwende in der neueren Technikgeschichte. Ende 2013 werden weltweit erstmals mehr Tablets verkauft worden sein als Desktop-Computer. Marktforscher IDC geht von 84,1 Millionen abgesetzten Touchscreen-Computern gegenüber 83,1 Millionen verkauften Tischrechnern aus. Der PC ist tot, frohlockt die iPad-Gemeinde, es lebe das Tablet.Die aktuellen Marktzahlen sind tatsächlich eine gute Nachricht. Auch wenn es paradox klingen mag: Das Tablet mit seinem Touchscreen verleiht der Computer-Technologie erstmals Sinnlichkeit, schenkt ihr geradezu altehrwürdig analoge Qualitäten. Diese Geräte wollen berührt werden, sie sollen gestreichelt sein. Wir blättern in ihnen wie in Büchern. Wir schreiben auf ihnen wie auf Papier. Das iPad von Apple und seine Artverwandten aus den konkurrenzierenden Häusern machen den Umgang mit kalter Computertechnik in einem Masse menschlich, ja human, wie es noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbar war.

Schweizer Tablet-Rekord

Derzeit besitzen 31 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer einen Flachrechner, die hiesige Tablet-Dichte ist damit die höchste weltweit. Zur Erinnerung: Dieses Gerätegenre wurde vor gerade Mal dreieinhalb Jahren von Apple mit dem iPad 1 lanciert. Kein anderer Apparat, auch nicht das Smartphone, durchdrang unsere Gesellschaft dermassen rasch. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass diese Technologie sich mit derselben Schnelligkeit weiterverbreiten und weiterentwickeln wird.

In einer Studie aus dem Jahr 2012 gab die Hälfte von 2500 befragten Schweizer Tablet-Besitzern an, ihr Flachcomputer mache sie «glücklicher und entspannter». Offenbar haben immer mehr Menschen zu diesen Geräten eine hoch emotionale Beziehung – eine Gefühlsbindung, wie andere sie zu Haustieren aufbauen. Sodann sind 49 Prozent der hiesigen Tablet-Besitzer davon überzeugt, dass ihnen der Rechner «enorm dabei hilft, den Alltag zu organisieren». Und 25 Prozent glauben sogar, dass ein Tablet dabei hilft, «das Beste aus sich herauszuholen». Die alten Tischrechner nannte und nennt man bekanntlich auch Personal Computer, doch es ist das Tablet, das diese Bezeichnung erst wirklich verdient. Mehr noch: Es ist ein intimer Computer.

Doch das vielleicht Beste an den Tablet-Computern ist: Ihre rasante Ausbreitung befreit die Menschheit endlich von der jahrzehntelangen Knechtschaft durch Maus und Tastatur. Der elektronische Rechner, das wohl mächtigste Werkzeuge des menschlichen Intellekts, zwingt und fesselt seinen Besitzer nicht mehr an einen Tisch. Vielmehr folgt er seinem Herrn, wohin dieser geht, und lässt sich nun endlich auch aufrecht und in würdiger Haltung bedienen. Das nennt man Fortschritt.

Tages-Anzeiger

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