Mächtiger als das Schwert

Apple, Microsoft und Samsung wollen dem digitalen Stift zum Durchbruch verhelfen. Dabei verlieren sie sich immer wieder in Experimenten und Spielereien. Die Lösung läge auf der Hand.

Trotz allerhand Spielereien noch immer nicht so intuitiv wie sein analoges Vorbild: Ein digitaler Stift. Foto: Urs Jaudas

Trotz allerhand Spielereien noch immer nicht so intuitiv wie sein analoges Vorbild: Ein digitaler Stift. Foto: Urs Jaudas

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Der Kondukteur im voll besetzten Feierabendzug in die Ostschweiz hat viel zu tun. Unüblich viele Passagiere haben ihre Tickets selber ausgedruckt. Jedes davon muss er scannen. Jedes Mal tippt er dazu statt mit dem Finger mit einem Stift auf sein Smartphone. Tatsächlich könne man Tickets auch einfach mit dem Finger einscannen. Aber wer das Smartphone lieber per Stift bediene, könne das freilich auch, bestätigen die SBB. Rund 2000 Samsung Galaxy Note 3 mit Stift haben die SBB im Einsatz.

Auch das gestern vorgestellte Note 7 hat wieder einen Stift, der weit mehr kann als nur schreiben. Mit allerhand Spielereien versucht Samsung den Stift nicht nur als Schreibgerät, sondern auch als Bediengerät zu etablieren. Ähnlich wie beim Kondukteur im Zug soll der Stift den Finger ersetzen und mit Zusatzfunktionen übertreffen. Tatsächlich überzeugte im ersten Versuch mit einem Vorabgerät keine dieser Funktionen vollends. Immer wieder stellte sich die Frage: Warum nicht mit dem Finger?

Der Stift als Joystick

Auch Apple sucht nach neuen Möglichkeiten für digitale Stifte. Ein letzte Woche erteiltes Patent zeigt, in welche Richtung sich der iPhone-Konzern Gedanken macht. Wie immer darf man von Patenten nicht direkt auf künftige Produkte schliessen, sie sind aber ein guter Indikator dafür, was in Cupertino diskutiert wird. Das neue Patent beschreibt, wie der Apple Pencil zum Bediengerät werden könnte. Die ­Hauptfunktion soll dabei das Schreiben bleiben.

Doch hebt man den Stift in die Höhe, wird er zu einer Art Luft-Maus. Dank Bewegungssensoren soll man so etwa an einem Desktop-Computer durch eine Präsentation wischen können. Man könnte damit aber auch Menüpunkte auswählen oder die Lautstärke verstellen. Wenn man den Stift in der Hand dreht, könnte man damit etwa einen digitalen Drehregler bedienen. Noch abenteuerlicher klingt diese Idee aus dem Patent: Der Stift soll auch als Joystick dienen. Also als Steuergerät, wie man es häufig bei Flugsimulatoren braucht. Wenn man einen Kugelschreiber wie einen Joystick in die Hand nimmt, fühlt sich das zwar wie eine Spielerei an. Trotzdem kann man sich leicht vorstellen, so dereinst ein virtuelles Flugzeug über den Bildschirm zu steuern.

Auffällig ist am Patent weiter, dass Apple einen Stift mit Knöpfen beschreibt. Der letztes Jahr vorgestellte Apple Pencil weist im Gegensatz zu den Varianten von Microsoft und Samsung keine Knöpfe auf. Darum ist es nicht ausgeschlossen, dass es sich beim Patent um längst wieder verworfene Ideen handelt. Ein Teil davon liesse sich aber bestimmt auch mit dem aktuellen Apple-Stift verwirklichen. Schliesslich stecken da auch allerhand Sensoren drin. Einige findige Tüftler haben ihn beispiels­­weise schon zu einer Waage oder sogar zu einem Musikinstrument umfunktioniert.

Microsoft tat sich in der Vergangenheit oft schwer damit, die Vorzüge des Surface-Stifts bei seinen Laptop-Tablets vorzuführen. In Videos diente er jeweils nur dazu, irgendwelche Sachen zu umkreisen. Erst in letzter Zeit hat der Konzern umgeschwenkt und zeigt nun gerne Komponisten, die damit Noten schreiben, was mit Maus und Tastatur bisher deutlich mühsamer war. Mit dem Geburtstags-Update für Windows 10 baut der Konzern Stiftfunktionen noch tiefer ins Betriebssystem ein. Gelungen daran ist der Fokus auf das Wichtigste. Hier werden keine zusätzlichen Bedien­spielereien eingeführt. Stattdessen soll es das Schreiben auf dem Tablet so intuitiv machen wie auf einem Papierblock. Schreibflächen sind immer nur einen Klick entfernt. Spezielle Apps muss man nicht öffnen.

Zurück zu den Basics

Auch die beste Neuerung an Samsungs neustem Note geht in diese Richtung. Die Möglichkeit, auf dem schwarzen Bildschirm zu schreiben, ohne eine App zu öffnen oder das Telefon zu entsperren, zeigt, in welche Richtung sich digitale Stifte weiterentwickeln sollten. Es braucht keine futuristischen Konzepte und Ideen. Der digitale Stift soll einfach das machen, was sein analoges Vorbild seit Jahrtausenden macht: zuverlässig und überall schreiben. Was das angeht, haben alle Konzerne immer noch Nachholbedarf. Am deutlichsten zeigt sich das in den Standard-Mail-Apps. Weder auf Apples iPad Pro noch auf Microsofts Surface kann man E-Mails mit dem Stift unterschreiben.

Als Bediengerät wird der Stift eine Nischenerscheinung bleiben. Da hatte Steve Jobs recht. Es gibt kein besseres Bediengerät als unsere Finger. Es gibt aber auch kein besseres Schreibgerät als den Stift. Jetzt sollte der in der digitalen Welt nur auch noch so praktisch und zuverlässig werden wie in der analogen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2016, 07:16 Uhr

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