Macht die Apple Watch das Leben besser?

Nach einem Jahr mit der smarten Uhr ist es Zeit, Bilanz zu ziehen und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Keine Ferien für die Apple Watch: Wegen der häufigen Laderei musste die Smartwatch zuhause bleiben. Foto: LWYang (Flickr.com)

Keine Ferien für die Apple Watch: Wegen der häufigen Laderei musste die Smartwatch zuhause bleiben. Foto: LWYang (Flickr.com)

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Wenn ich jemanden mit einer Apple Watch treffe, frage ich schon fast reflexartig, was sie oder er mit der Uhr mache und ob sich dadurch sein Leben verbessert habe. Das Fazit fällt in den meisten Fällen ähnlich aus: Ja man sei sehr zufrieden, aber mache nicht viel damit. Ein bisschen Benachrichtigungen vom Handy anschauen. Und das wars.

Dieser Eindruck deckt sich mit meinen Erfahrungen: Die Apple Watch ist (noch) nicht dieses revolutionäre Gerät, das das Smartphone ablöst und unser Leben um so vieles besser macht. Trotzdem gibt es gute Gründe, warum man dennoch eine tragen möchte. So habe ich vor einem Jahr meinen ersten Eindruck zusammengefasst.

Nun, nach einem Jahr mit der smarten Uhr ist es Zeit, einen Blick zurückzuwerfen. Was war Anfangseuphorie, was hat sich bewährt, und hat sich mit der Zeit etwas an der Verwendung verändert? Vier gute und vier schlechte Erfahrungen. Erst die guten:

Wecker: Dass ausgerechnet so eine unscheinbare Selbstverständlichkeit wie ein Wecker meine Lieblingsfunktion an einer Smartwatch werden würde, hat mich dann doch etwas überrascht. Wenn es im vergangenen Jahr einen Grund gab, die Uhr zu tragen, dann den Wecker. Ich bezeichne die Apple Watch inzwischen gerne als den besten Wecker, den ich je hatte.

Während andere Smartwatches am Morgen laut summen oder wild blinken, weckt die Apple Watch angenehm. Die Uhr holt mich per Vibrationen nicht nur äusserst zuverlässig, sondern auch geräuschlos aus dem Schlaf. So kann meine Frau weiterschlafen, wenn ich früh rausmuss. Wenn ich die Uhr am Morgen beim Duschen und am Abend beim TV-schauen kurz lade, reicht das problemlos für einen ganzen Tag. Auf diese Weise kann ich die Uhr auch in der Nacht tragen: sehr zur Nachahmung empfohlen.

Kleinigkeiten: Apps haben mich auf der Uhr nie wirklich überzeugt. Zum einen verklicke ich mich ständig, wenn ich eine solche App öffnen will. Dann wartet man ewig, und schliesslich geht dann doch nicht alles, wie man es gerne hätte. In den letzten Monaten habe ich aber doch ein paar Funktionen gefunden, die hervorragend arbeiten und praktischer als auf dem Smartphone sind. So spiele ich inzwischen bequem mit der Uhr ein Schlaflied über unsere Baby­kamera ab. Auch den Apple-TV bediene ich genauso gerne mit der Uhr wie mit der offiziellen Fernbedienung. Schliesslich steure ich auch gerne die Musikwiedergabe des iPhones per Uhr. Gefällt mir ein Lied nicht, drücke ich auf der Uhr einen Knopf, und schon kommt das nächste Stück. Das iPhone kann in der Tasche bleiben. Für solche Kleinigkeiten ist die Uhr ideal.

Benachrichtigungen: Smartphones und ich sind nie wirklich Freunde geworden. Mich nerven die steten Benachrichtigungen. Wie ein übereifriger Praktikant bombardieren mich Smartphones mit allerhand Infos, die ich meist nicht sehen möchte. Kein Wunder, deaktiviere ich all diese Benachrichtigungen immer gleich zuerst und schalte jedes Handy auf lautlos. Die Apple Watch dagegen war im vergangen Jahr wie ein guter Butler. Nie aufdringlich, immer im Hintergrund. Aber wenns wirklich wichtig war, stets zur Stelle. Würden Benachrichtigungen auf dem Telefon nur auch so diskret und praktisch funktionieren wie auf der Uhr!

Lustiges Detail: Da mich die Uhr so gut informiert, kam es vor, dass ich das iPhone irgendwo liegen gelassen habe. Zum Glück kann die Uhr auch da helfen und das Handy klingeln lassen.

Begeisterung: Ich war schon von klein auf ein Uhrenfan und habe regelmässig Magazine und später Blogs dazu gelesen. Doch in den letzten Jahren hatte das nachgelassen. Mit der Apple Watch ist meine Begeisterung für Uhren wieder voll erwacht. Seit einem Jahr lese ich wieder fleissig Uhrenblogs, diskutiere in Fan-Foren mit und – das dürfte Nick Hayek besonders freuen – habe mir eine neue mechanische Uhr und mehrere Armbänder gekauft. Ausgerechnet die Apple Watch hat meine Freude an mechanischen Uhren neu entfacht.

Wo Apple nachbessern muss

Nach der Euphorie hier nun die vier Kritikpunkte:

Warterei: Ich will gar nicht wissen, wie viel Zeit ich damit verlauert habe, darauf zu warten, bis eine App auf der Uhr aufging. Mit dem grossen Update im letzten Herbst hätte die lästige Warterei ein Ende haben sollen. Wirklich besser geworden ist es nicht. An der Entwicklerkonferenz vom Montag hat Apple die lahme Ladezeit für Apps selbst kritisiert und mit der neuen Software, die im Herbst kommen soll, Besserung versprochen. Mit WatchOS 3 erhalte man eine komplett neue Uhr, lautet das Versprechen. Die verlorene Zeit bekomme ich aber auch nicht zurück.

Abhängigkeit Ohne verbundenes iPhone geht mit der Apple Watch kaum etwas. Darum hatte ich im vergangenen Jahr, wenn ich mit meinem Android-Handy unterwegs war, häufig ein iPhone als Basisstation in meinem Rucksack.

Bedienung Am meisten hat mich die Bedienung der Uhr geärgert. Während die einfachen Sachen auf der Uhr elegant und intuitiv funktionieren, wird es schnell mühsam, wenn es etwas komplexer wird. 3-D-Touch, also das etwas festere Drücken etwa zum Wechseln des Zifferblatts, fühlt sich auch heute noch komisch an. Bei WatchOS 3 scheint Apple dem Rechnung zu tragen: 3-D-Touch funktioniert für mehr Zusatzfunktionen als bloss für elementare Befehle.

Ein Mysterium ist mir der Knopf unter der Krone geblieben. Den habe ich kaum bis nie gedrückt. Die Messenger-Funktion mit den Kritzeleien hat mich nie gepackt und ein- oder ausschalten wollte ich die Uhr auch nicht. Vielleicht ergibt der Knopf Sinn, wenn Apple Pay demnächst in die Schweiz kommt.

Akku: Zweimal pro Tag kurz laden, und die Uhr hält locker durch. Mit dem Flugmodus lässt sich der Akku gut über zwei Tage nutzen. Trotzdem ist das tägliche Laden nach wie vor mühsam. Das ist auch der Grund, warum die Uhr nie in die Ferien mitkam. Jedes Mal, wenn ich aus den Ferien zurückkam, habe ich die Uhr erst mal eine Woche lang links liegen lassen. Bis ich den Wecker vermisst und die Uhr wieder geladen habe.

Insgesamt hat mich dieses Jahr mit der Apple Watch dazu gebracht, dass ich mir privat selbst eine kaufen werde. Auch wenn das bedeutet, dass ich dazu auf ein iPhone umsteigen muss. Warum hab ich das nicht schon längst gemacht? Die Vernunft und die eiserne Regel, nie Geräte der ersten Generation zu kaufen, haben mich daran gehindert. Das erste iPad ist immer noch ein ziemlich gutes Tablet, aber das zweite ist immer noch ein sehr gutes und deutlich besseres Tablet. Bei der Apple Watch wird es ähnlich sein. Darum warte ich – WatchOS 3 hin oder her – auf die nächste Smartwatch von Apple.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2016, 17:53 Uhr

Bildstrecke

2 Wochen mit der Apple Watch

2 Wochen mit der Apple Watch Impressionen aus dem Alltag mit der smarten Uhr.

Die wichtigsten Änderungen mit watchOS 3


  • Tempo: Apple verspricht, dass die Uhr mit dem neuen Betriebssystem deutlich schneller sei und sich wie eine völlig neue Uhr anfühle. Apps würden siebenmal schneller starten. Das funktioniert aber nur, wenn man die App kürzlich schon mal geöffnet hat. Öffnet man eine App zum ersten Mal muss man sich auch mit watchOS 3 gedulden.




  • Weg mit Glances und Checks: Die Mini-Apps die man mit einem Wisch von unten nach oben einblenden konnte sind Geschichte. Stattdessen zeigt die Uhr beim selben Wisch nun ein Kontrollzentrum mit einer Auswahl an Optionen wie Flugmodus oder iPhone-Suchen.




  • Dock: Neu können die letzten verwendeten oder liebsten Apps in einem sogenannten Dock abgelegt werden. Diese Apps starten schneller und die Dock-Ansicht zeigt bereits eine Vorschau auf die App. Aufgerufen wird das Dock über den flachen Knopf unterhalb der Krone. Früher war der Knopf für die Messaging-App zuständig.




  • Zifferblätter: Die Apple Watch bekommt eine Reihe neuer Zifferblätter. Dabei sind solche die prominent zeigen, wie nah man seinem täglichen Fitnessziel schon ist. Neu gibt es auch ein Zifferblatt mit Minni Maus. Eigene Zifferblätter dürfen Entwickler aber weiterhin nicht machen.




  • Zifferblätter wechseln: Musste man bei watchOS 2 noch etwas umständlich fest aufs Display drücken, um das Zifferblatt zu wechseln, kann man neu mit einem Wisch schnell und zuverlässig zum nächsten Wechseln.

Wie bekommt man watchOS 3?

Das neue Betriebssystem für die Apple Uhr soll irgendwann im Herbst per Update ausgeliefert werden. Die Vermutung liegt nahe, dass es im September, wenn Apple traditionell die neuen iPhones vorstellt, passieren wird.

Eine öffentliche Beta-Phase wie bei iOS oder macOS wird es nicht geben. Wer dennoch schon heute die schnelle Software ausprobieren möchte, braucht ein Entwickler-Konto. Das kostet 109 Franken pro Jahr. Aber aufgepasst: Ist die Uhr einmal auf watchOS 3 upgedatet, gibt es kein zurück mehr. Diese Option ist darum nur etwas für Profis und äusserst Wagemutige.

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