Klassiker oder Trostpflaster? Das iPhone 8 im Alltagstest

Das iPhone 8 hat ein Problem. In anderthalb Monaten lässt es Apple mit dem iPhone X alt aussehen. DerBund.ch/Newsnet hat es sechs Tage lang im Alltag ausprobiert.

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Der August ist seit Jahren der schlechteste Monat, um ein neues Handy im Allgemeinen und ein iPhone im Speziellen zu kaufen. So kurz vor der Lancierung der Herbstneuheiten sollte man zuwarten. Man will ja nicht das Handy kaufen, das nach ein paar Tagen schon überholt und übertroffen ist.

Nun, Mitte September, sind die Neuheiten von Samsung, Apple und Co. bekannt und damit die Karten auf dem Tisch. (Einzig die Google-Neuheiten stehen noch aus, doch ob die überhaupt in die Schweiz kommen?) Damit sollte man sich jetzt problemlos für ein neues Handy entscheiden können.

Doch mit der Ankündigung des iPhone 8 (ab 839 Franken) und des iPhone 8 Plus (ab 959 Franken) für diesen Freitag und des in allen Belangen besseren iPhone X (ab 1199 Franken) für Anfang November hat Apple diese Nicht-kaufen-Phase zweifellos verlängert. Wer diese Woche ein iPhone 8 kauft, bereut es vielleicht in anderthalb Monaten.

Ausser beim Preis übertrifft das iPhone X das iPhone 8 in praktisch allen Kategorien. Aber was bedeutet das für das iPhone 8, und wie gut ist das Smartphone überhaupt?

Um die Frage zu klären, machen wir ein kleines Gedankenexperiment:

Vergessen wir für einen Moment, dass in etwa anderthalb Monaten das in allen Belangen überlegene iPhone X auf den Markt kommt.

Design:

Auf den ersten Blick sieht das iPhone 8 den Vorgängermodellen bis runter zum iPhone 6 zum Verwechseln ähnlich. Gerade wenn man es in eine Hülle steckt. Trotzdem gibt es ein paar Design-Änderungen: Am auffälligsten ist die neue Rückseite. Die ist nun aus Glas statt Aluminium. Ob Metall oder Glas, ist Geschmacksache. Ich bin persönlich ein Fan von Glas, da es griffiger ist als Aluminium. Allerdings war auch schon das schwarz glänzende iPhone 7 ziemlich griffig. Bedauerlich ist bei den Farben, dass Apple die Auswahl reduziert hat. Beim iPhone 7 gab es zum Start deren fünf, und im Verlauf des Jahres kam mit Rot noch eine sechste Option dazu. Trotzdem gefällt das neue Kupfer-Gold des iPhone 8, und auch Silber-Weiss und Schwarz-Grau machen einen gewohnt guten Eindruck.

Kamera:

Etwas vereinfacht gesagt ist an der Kamera alles neu, was unterhalb der Objektive liegt. Der neue Fotosensor verspricht bessere Bilder bei schlechtem Licht, schnellere Schnappschüsse und insgesamt weniger Bildrauschen als beim iPhone 7. In meinen sechs Tagen mit dem neuen Handy habe ich mir alle Mühe gegeben, mit Vergleichsfotos Unterschiede zu finden. Wirklich deutliche Unterschiede habe ich nicht gefunden. Mal war die eine Kamera minimal besser, mal die andere. Erfahrungsgemäss braucht Apples Software-Team jeweils etwas Zeit, sich auf neue Kameras einzustellen. Gut möglich also, dass der Unterschied im Verlauf des Jahres grösser wird. Ein nettes Detail ist mir dennoch aufgefallen: Wenn man den Auslöserknopf drückt, vibriert das iPhone leicht. Das ist praktisch, wenn man mal nicht auf den Bildschirm schauen kann.

Der grösste Unterschied liegt im Porträtmodus des Plus-Modells. Damit kann man, wie man es von Profifotografen kennt, den Hintergrund unscharf setzen. Die Funktion hat Apple letztes Jahr mit dem iPhone 7 Plus – wenn auch nur als damals unfertige Betaversion – lanciert. Mit jedem Update wurde sie ein bisschen besser. Nun, mit dem iPhone 8 Plus, beendet Apple die Betaphase. Wenn das Licht gut ist, gelingen mit dem Porträtmodus inzwischen umwerfend gute Fotos. Mit dem iPhone 8 Plus kommt eine neue Funktion hinzu: Porträtbeleuchtung. Damit simuliert Apple nicht nur ein gutes Objektiv, sondern auch die passende Profibeleuchtung.

Der neue Porträt-Modus vorgeführt am Kollegen Schüssler.

Die Funktion befindet sich aktuell noch in einer Betaphase. Trotzdem gelingen schon erste vielversprechende Aufnahmen. Doch dürfte es noch Monate dauern, bis die Funktion mehr ist als eine Spielerei. Wer gerne filmt, dürfte sich auf die erstmalige Möglichkeit freuen, 4K-Videos mit 60 Frames pro Sekunde zu filmen. Das ist technisch beeindruckend. Für Ferienvideos dürften auch die gewohnten 30 Frames pro Sekunde reichen. Kein Wunder, hat Apple den neuen Modus, der mehr Speicherplatz braucht, nicht standardmässig aktiviert. Man findet die entsprechende Option in den Kameraeinstellungen.

Drahtloses Laden:

Hierfür dürften Android-Fans nur ein müdes Gähnen übrig haben. Drahtloses Laden ist nun wirklich nicht mehr neu. Doch sollten sich Android-Fans genauso darüber freuen wie die Apple-Fraktion. Denn nun, da Apple ebenfalls den Qi-Standard unterstützt, wie zum Beispiel auch Samsung, dürfte es für alle vorwärtsgehen. Autohersteller, Möbelbauer, Restaurants können nun sorglos diesen Standard einbauen, im Wissen, dass die grosse Mehrheit aller Geräte damit klarkommt. Ein Hinweis für iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer, die noch nie drahtlos geladen haben: Im Alltag ist es praktisch, wenn man das Handy nicht mehr mit einem Kabel laden muss. Dafür muss man aufpassen, dass man das Handy korrekt auf die Ladematte legt, sonst erlebt man am nächsten Morgen eine böse Überraschung. Das Kabelchaos lösen die Qi-Ladestationen übrigens nicht. Schliesslich müssen die Ladematten auch mit Strom versorgt werden, und jede Matte kann nur ein Gerät gleichzeitig laden. Hier könnte Apples eigene Ladematte helfen. Die ist für 2018 versprochen und kann anders als die Qi-Geräte bis zu drei Geräte (iPhone, Apple Watch und Airpods) gleichzeitig laden. Dazu nutzt sie allerdings den proprietären Airpower-Standard. Wie der genau funktioniert und mit welchen Nicht-Apple-Geräten er funktioniert, wird sich nächstes Jahr zeigen.

Bildschirm:

Die Bildschirme der neuen iPhones passen die Farben automatisch dem Umgebungslicht an. True Tone nennt Apple diese Funktion, die man bereits vom letztjährigen iPad Pro kennt. Dort möchte ich sie nicht mehr missen. Im Idealfall sieht damit weisser Hintergrund mit schwarzem Text aus, als hätte man bedrucktes Papier vor sich. Schön, hat es diese Verbesserung nun auch aufs iPhone geschafft. Die dieses Jahr beim iPad lancierte höhere Bildwiederholfrequenz, die für ein äusserst ruhiges Bild sorgt, gibts dann vielleicht nächstes Jahr.

Akku:

Das leidige Thema bleibt das leidige Thema aller Handys. Wunder bleiben auch heuer aus. Der Akku reicht bei normaler Verwendung für einen Tag. Vielnutzer kommen nicht umhin, zwischendurch an der Steckdose zu laden oder ein Akku-Pack mitzunehmen. Erstmals lässt sich der Akku des iPhones übrigens schneller laden (wie man es von der Konkurrenz schon kennt). Ganz billig ist das allerdings nicht: Dazu braucht man nämlich ein spezielles Netzteil und ein USB-C-auf-Lightning-Kabel. Bei Apple kostet das 88 Franken.

Prozessor:

Der neue A11-Chip sei rasend schnell, verspricht Apple und zeigen erste durchgesickerte Leistungstests. Im Alltag fällt das allerdings kaum auf. Das iPhone 8 fühlt sich richtig schnell an. Doch das tut das iPhone 7 auch. Wie schnell und gut ein Prozessor wirklich ist, zeigt sich nämlich erst in ein paar Jahren, wenn die Anforderungen deutlich gestiegen sind. Aktuell bietet der A11 alle Power, die man sich wünschen könnte. Mehr als genug für den Alltag.

iOS 11:

Von dieser Neuerung profitiert nicht nur das iPhone 8, sondern auch ältere iPhones (und vor allem das iPad). Insgesamt bietet das Update viele kleine Verbesserungen, wie das deutlich fingerfreundlichere Kontrollzentrum, neue Live-Fotoeffekte, die Möglichkeit, verpasste Schnappschüsse zu retten, oder ein rundum erneuerter App Store. Eine Neuerung von iOS 11 ist hingegen so gross, dass sie ihren eigenen Punkt verdient:

Augmented Reality:

Mit iOS 11 lanciert Apple die eigene Augmented-Reality-Plattform. Dank Arkit können Entwickler nun vergleichsweise einfach Apps und Spiele programmieren, die das Livebild der Kamera mit digitalen Objekten kombinieren. Erste Tests mit Vorabversionen solcher Apps waren äusserst beeindruckend – zumal sie mit dem neuen iPhone 8 genauso funktionieren wie mit älteren Apple-Geräten. Mit der Ikea-App kann man sich Möbel virtuell in die Stube stellen und dann genau inspizieren. Die Skyguide-App erklärt einem die Planeten und Sternzeichen am Nachthimmel. Mit Night Sky verwandeln Junior (2) und ich die Stube in ein Planetarium und krabbeln unter Saturn hindurch. The Machines schliesslich macht aus dem Stubenboden ein Roboter-Schlachtfeld.

Apples Augmented Reality macht richtig Lust auf eine entsprechende Brille. Denn mit der Zeit geht es ganz schön in die Arme, wenn man das Handy oder gar das iPad ständig vor die Augen halten muss.

Fazit: Das iPhone 8 ist eine solide Weiterentwicklung des iPhone 7. Viele kleine und grössere Verbesserungen, wie die überarbeitete Kamera oder das drahtlose Laden, machen es zum aktuell besten iPhone. Das hat bekanntlich seinen Preis.

Und jetzt erinnern wir uns wieder, dass in etwa anderthalb Monaten das in allen Belangen überlegene iPhone X auf den Markt kommt.

Plötzlich sieht die Welt wieder ganz anders aus. Das aktuell beste iPhone steht auf einmal etwas schief in der Apple-Landschaft: weder Fisch noch Vogel, zwischen Stuhl und Bank. Lohnt es sich, auf das iPhone X zu warten, oder kann man sich statt dem 8 sogar ein Vorgängermodell kaufen? Warum gibt es das iPhone 8 überhaupt? Solche und ähnliche Fragen trudeln bei mir nun seit einer Woche reihenweise ein.

Die entscheidende Frage ist: Als was wird das iPhone 8 in Erinnerung bleiben?

Als Trostpreis? Mit dem iPhone 5s und 5c hat Apple schon 2013 zwei iPhones parallel lanciert. Das eine ein Topmodell, das andere eine Plastik-Budget-Variante, die nicht wirklich preiswert war. Das eine war ein Erfolg, das andere weniger. Die Lehre daraus: Budget- und Zweit-Klass-iPhones kommen schlecht an. Kein Wunder, hat Apple mit dem äusserst erfolgreichen iPhone SE einen anderen Weg eingeschlagen. Obwohl es das Preisportfolio nach unten abrundet, kann es technisch mit den teureren Geräten mithalten, ist handlicher und sieht vor allem sehr gut aus. Dem iPhone 8 dürfte das Schicksal des iPhone 5c erspart bleiben. Trotzdem darf man gespannt sein, wie Apple verhindern will, dass das iPhone 8 verglichen mit dem iPhone X wie ein Trostpreis wirkt.

Als das letzte seiner Art? Das iPhone 8 hat das Potenzial, ein Klassiker zu werden. Ähnlich, wie das iPhone SE die Zeit der 4er- und 5er-iPhones wie ein Best-of-Album abschliesst und zusammenfasst, könnte das iPhone 8 der letzte Vertreter der 6er- und 7er-iPhones werden: ein Liebhaberstück und ein Handy für Leute, die mit dem aktuellen iPhone ganz zufrieden sind und auch in ein paar Jahren kein futuristisches iPhone mit neuem Design wollen. Nicht zuletzt aus dem Grund ist das Macbook Air auch weiterhin erhältlich, obwohl es längst modernere und in allen Belangen bessere Apple-Computer gibt.

Als Begründer einer neue Mittelklasse? Apple ist nicht der einzige Handykonzern, der sich aktuell Diskussionen um teure Handys anhören muss. Auch Samsungs neustes Top-Handy, das Note 8, kostet über tausend Franken. Preise sind immer relativ, und für ein Gerät, das man häufiger braucht als einen Laptop oder eine Fotokamera, finden sich sicher Leute, die bereit sind, solche Preise zu bezahlen. Von Status-Fans ganz zu schweigen. Interessant sind die Preise des iPhone X und des Note 8 aus einem anderen Grund: Es sieht ganz so aus, als würden Apple und Samsung versuchen, eine neue Mittelklasse zu lancieren. Zwischen 600 und 1000 Franken gibts sehr gute Handys wie eben das iPhone 8. Für über tausend gibt es die in allen Belangen noch etwas besseren und optisch spektakuläreren Premium-Geräte. Ob es gelingt, damit den durchschnittlichen Verkaufspreis (ein wichtiges Mass für Finanzplaner und Investoren) anzuheben oder vor neuen Günstig-Handys zu schützen? Schon 2014 schrieb ich: «Im Hochpreissektor tummeln sich nebst Vertu erst vereinzelt kleine Unternehmen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch grosse Hersteller ein Auge auf diesen Markt werfen.» Diese Zeit ist jetzt gekommen (Nur Vertu erlebt sie nicht mehr).

Als iPhone 7s? Wie wäre das iPhone 8 angekommen, wenn Apple nicht auch noch das iPhone X vorgestellt hätte? Die Rufe nach Innovation wären wohl ähnlich laut gewesen wie damals beim iPhone 5s, als die Konkurrenz mit grossen Bildschirmen enteilt war. Vor dem Hintergrund hätte Apple sicher einiges an Kritik für die Namenswahl einstecken müssen. Ja, das iPhone 8 hat streng genommen ein neues Design, auch wenn die Glasrückseite erst auf den zweiten Blick auffällt. Auch wenn das den Sprung von 7 zu 8 rechtfertigt, hätte niemand moniert, wenn es iPhone 7s geheissen hätte. Zu evolutionär sind die Verbesserungen. Dank dem iPhone X entgeht Apple dieser Kritik. Aber: Höchste Zeit, dass Apple mit diesen Zahlenspielereien aufhört und die iPhone-Namen ähnlich entrümpelt wie beim iPad.

Als Business-Handy? Vielleicht findet das iPhone 8 eine Klientel fernab von Apple- und Gadget-Fans. Als Geschäftshandy macht das iPhone schon seit Jahren eine gute Figur. IT-Chefs dürfte das iPhone 8 gefallen. Es ist bewährt, es dürfte noch Jahre funktionieren und es ist dank iOS ziemlich sicher. Das iPhone X dagegen dürfte nur schwer an Buchhaltern und Sparministern vorbei zu argumentieren sein.

Als Phoenix aus der Asche? Es erinnerte in seiner Dramatik schon fast an «Game of Thrones», wie Apple das iPhone 8 erst abfeierte und dann gleich wieder demontierte. Doch was, wenn das iPhone X nicht so funktioniert wie erhofft oder die Erwartungen nicht erfüllt? Immerhin ist es ein Gerät der ersten Generation. Da gilt gewöhnlich die goldene Gadget-Regel: Mindestens die zweite Generation abwarten! Man stelle sich nur vor, die Gesichtserkennung klappt dann doch nicht, oder findige Hacker tricksen sie aus. Schreckensszenarien liest man aktuell viele. Bewahrheiten werden sie sich dennoch kaum. Dazu ist Apple viel zu abgebrüht. Doch was, wenn doch? Ja, dann kommt das grosse Comeback des iPhone 8. Bewährt, praktisch, gut.

Jetzt warten wir aber erst mal in aller Ruhe den November ab. Dann kommt das iPhone X, und erst dann wird sich zeigen, welchen Platz das iPhone 8 in den Apple-Geschichtsbüchern bekommt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2017, 13:01 Uhr

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