Handykamera nimmt das nächste Opfer ins Visier

Gestern haben der chinesische Telecomkonzern Huawei und der deutsche Kamerahersteller Leica ein neues Smartphone vorgestellt. DerBund.ch/Newsnet hat es ausprobiert.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Ende der 90er-Jahre noch als Witz verlacht, haben Handykameras die Fotoindustrie auf den Kopf gestellt und der Kompaktkamera den Garaus gemacht. Dass die Entwicklung der kleinen Kameras damit noch lange nicht beendet ist, wurde gestern deutlich vorgeführt.

In London hat der chinesische Telecomkonzern Huawei, der nebst Handymasten auch immer erfolgreicher Handys verkauft, zusammen mit dem deutschen Kamerahersteller Leica, der 1914 die Kompaktkamera erfunden hat, gezeigt, was in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird.

Zum Verwechseln

Das P9 ist, so der erste Eindruck, ein schönes und schnelles Smartphone. Es gibt zahlreiche Farbvarianten und zwei Bildschirmgrössen: 5,2 Zoll (ab 599 Franken, ab dem 26. April) und 5,5 Zoll (749 Franken, ca. Mitte Mai). Wer nicht genau hinschaut, könnte die zwei glatt verwechseln. So nah liegen die beiden Grössen beieinander.

Das Spannendste am P9 ist aber nicht die Tatsache, dass es verspricht, ein gutes Hochpreissmartphone zu werden. Gute Handys kann dank Android und dem erreichten Entwicklungsplateau heute fast jeder bauen.

Den grössten Teil der fast zweistündigen Präsentation verwendete Huawei darauf, die Kamera oder genauer die Kameras des neuen Handys vorzustellen. Hier ist Huawei ein Coup gelungen. Als Partner konnte der Telecomspezialist mit Leica einen der renommiertesten Kamerahersteller gewinnen.

Name gegen Geld?

Wie eng die Zusammenarbeit der beiden bei der Entwicklung der neuen Kamera tatsächlich ist, lässt sich schwer abschätzen. Huawei betonte im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet aber, dass es sich nicht um ein Name-gegen-Geld-Geschäft handle, sondern dass Mitarbeiter beider Unternehmen in China wie in Deutschland bei Hard- und Software eng zusammengearbeitet hätten.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist eine Doppelkamera, mit einem Schwarzweisssensor und einem Farbsensor. Die Kamera berechnet daraus entweder ein Foto oder man kann im Monochrom-Modus Fotos im klassischen Schwarz und Weiss schiessen.

Erfreulicher Eindruck

Ein paar erste Versuche mit der neuen Kamera verliefen gerade bei schlechten Lichtverhältnissen erfreulich. Trotz der vielen Möglichkeiten findet man sich schnell zurecht. Das ist sicher ein Verdienst des Bedienmenüs, das an aktuelle Leica-Kameras mit Touchscreen angelehnt ist.

Wer Werte wie Verschlusszeit, ISO oder die digital simulierte Blende bedienen möchte, kann das mit einem einfachen Wisch. Wer einfach nur knipsen will, kann das auch und bekommt die vielen Möglichkeiten gar nicht zu sehen.

Besonders gefielen im ersten Test der manuelle Modus und der Schwarzweissmodus. Etwas skeptisch stimmt der Automatikmodus, der bei den wenigen Versuchen hin und wieder auch ein unscharfes Bild lieferte. Gut möglich, dass ein Update bis zum Verkaufsstart, da noch nachbessert. Ganz so flink wie beim Galaxy S7 ist die Kamera aber definitiv nicht.

Für Enthusiasten

Geschwindigkeit ist jedoch auch nicht das Erkennungsmerkmal einer Leica-Kamera. Fans des deutschen Herstellers nehmen sich für Fotos gerne etwas mehr Zeit und knipsen nicht im Schnellfeuermodus. Diese Philosophie erkennt man auch im neuen P9, das – vielleicht etwas zu viel des Guten – sogar den Klang beim Auslösen einer Leica-Kamera imitiert.

Das P9 verspricht ein gutes Handy für Foto-Enthusiasten zu werden. Mit seinen zahlreichen Möglichkeiten zeigt es aber auch, dass die Handy-Kamera nach den Kompaktkameras nun das nächst höhere Segment im Kameramarkt ins Visier nimmt. Man darf gespannt sein, wohin das noch führt und was in den nächsten Jahren dank immer besserer Technologie und Software mit den Minikameras noch alles möglich wird.

Als nächstes ein Leica-Handy?

Die Zusammenarbeit mit Leica hat aber noch einen zweiten interessanten Nebeneffekt. Mit dem erreichten Entwicklungsplateu bei Smartphones wird es immer schwieriger, hochpreisige Geräte zu verkaufen. Gerade für wenig nach Premium, Prestige und Luxus klingende Marken wie Samsung, LG oder eben Huawei wird es sehr schwierig werden, künftig Premiumpreise für etwas zu verlangen, was es schon für wenige Hundert Franken gibt.

Hier könnte der Leica-Deal für Huawei eine entscheidende Rolle spielen. Wenn Leica in den letzten Jahren etwas gezeigt hat, ist es, dass das Unternehmen nicht nur sehr gute Kameras baut, sondern auch sehr gut zahlungskräftige Käuferinnen und Käufer für sich gewinnen kann.

Von diesem Talent kann Huawei nur profitieren. Fürs Erste nun mit einem Handy mit Leica-Kamera. Aber wer weiss, vielleicht gibts in den nächsten Jahren ein Leica-Smartphone, bei dem Huawei ähnlich in den Hintergrund rückt wie beim Nexus 6P von Google. Auch da liefert Huawei die Hardware und überlässt Google das Rampenlicht.

DerBund.ch/Newsnet

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