Diese Smartphone-Tastatur will das Tippen revolutionieren

Bei Swiftkey soll künstliche Intelligenz Sätze automatisch vervollständigen. Auf Englisch klappt das erstaunlich gut - doch die deutsche Sprache ist eine Herausforderung.

Die alte und neue Swiftkey-Tastatur im Vergleich.

Die alte und neue Swiftkey-Tastatur im Vergleich. Bild: Swiftkey

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Ein unscheinbares Bürogebäude am Südufer der Themse. Das Schild an der Rezeption zeigt, welches Unternehmen auf welcher Etage residiert. Bei den ersten drei Stockwerken ist das Logo von Swiftkey zu sehen. Neben das unterste Swiftkey-Symbol hat jemand klein das Logo einer etwas bekannteren Firma angebracht: Microsoft. Der Softwarekonzern übernahm im April das Londoner Start-up Swiftkey, dem Vernehmen nach für 250 Millionen Dollar.

Swiftkey, das ist eine beliebte App, ein Mini-Programm für Smartphones und Tabletrechner: eine Tastatur, die treffsicher vorhersagt, welches Wort der Nutzer als nächstes eingeben will, und Tippfehler korrigiert. Das machen die vorinstallierten Tastaturen zwar auch - und andere alternative Tastatur-Programme zum Herunterladen bieten das ebenfalls. Aber die Software der Briten arbeitet offenbar sehr gut, sonst hätten sie nicht so viele Handybesitzer installiert. Insgesamt läuft das Programm auf mehr als 300 Millionen Telefonen und Rechnern und unterstützt gut 120 Sprachen, darunter so exotische wie Walisisch.

Die Microsoft-Tasse auf dem Tisch

In einem Besprechungszimmer empfängt Swiftkeys Co-Gründer und Technikvorstand Ben Medlock. Drei-Tage-Bart, kurze Hose, das Knie lässig an der Tischplatte. Die Kaffeetasse vor ihm zeigt das Swiftkey-Logo - und das von Microsoft. Swiftkey arbeite aber trotz der Übernahme «sehr autonom», sagt der 37-Jährige. Bislang werde die Software der Tastatur-Spezialisten noch nicht in Microsoft-Programmen wie Word verwendet. «Auf lange Sicht fänden wir es natürlich toll, wenn unsere Technologie im grossen Stil bei Microsoft-Produkten genutzt wird», sagt der promovierte Informatiker. «Da gibt es viele Möglichkeiten, denn Microsofts Anwendungen stützen sich stark auf Texteingaben.»

«Die Vorschläge werden menschlicher»

Swiftkey hat gerade eine komplett überarbeitete Version seiner Tastatur auf den Markt gebracht. Bisher nur auf Englisch und nur für Handys mit Googles Betriebssystem Android. Andere Sprachen und Systeme sollen folgen. Das neue Programm bedient sich künstlicher neuronaler Netze. Solche Netze nehmen sich die Funktionsweise des Gehirns zum Vorbild; sie werden in Projekten genutzt, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Die Tastatur-Software soll dadurch noch treffsicherer werden bei Vorschlägen. Swiftkey zufolge versteht das System jetzt den Kontext von Sätzen besser und erkennt Gemeinsamkeiten zwischen Wörtern.

So bewirbt Swiftkey die neue Tastatur. Video: Swiftkey/Youtube

Auf dem Bildschirm sieht die Tastatur aber so aus wie vorher. «Der Unterschied für den Nutzer ist, dass das System intelligenter wirkt, schneller und besser reagiert», sagt Medlock. «Die Vorschläge werden menschlicher.» Die Firma, die bei der Übernahme durch Microsoft gut 150 Beschäftigte hatte, arbeitete mehrere Jahre an der neuen Version. «Eine Herausforderung war, dass künstliche neuronale Netze sehr viel Speicher benötigen», sagt der Manager. «Ein Handy hat allerdings nur begrenzt Speicher, also mussten wir das System anpassen.»

Einer der drei Gründer verkaufte seine Anteile für ein Fahrrad

Gegründet wurde das Unternehmen 2008 von Medlock und Jon Reynolds, beide Absolventen der Elite-Hochschule Cambridge. Ein dritter Gründer, Chris Hill-Scott, stieg nach wenigen Wochen wieder aus und überliess seine Anteile dem Duo. Dafür erhielt er ein schönes Fahrrad. Das war im Nachhinein betrachtet ein sehr schlechtes Geschäft, denn der Kauf durch Microsoft soll Medlock und Reynolds jeweils mehr als 30 Millionen Dollar eingebracht haben.

Im Jahr 2010 veröffentlichte das Unternehmen sein Tastatur-Programm. Es beruhte auf Forschungen von Medlock. Zunächst lief es nur auf Android-Handys, und es kostete vier Dollar. 2012 und 2013 führte die Software die Rangliste der kostenpflichtigen Apps für Android-Geräte an. Im Jahr 2012 schlossen die Londoner zudem einen Vertrag mit dem koreanischen Handyhersteller Samsung ab. Er darf seitdem Swiftkeys Technologie für seine eigenen Tastaturen verwenden.

Seit 2014 können auch Nutzer von Apple-Geräten alternative Tastaturen wie Swiftkey installieren. Die Briten entschieden sich in dem Jahr, ihr Geschäftsmodell zu ändern. Sie bieten ihre App nun kostenlos an und kassieren nur eine Gebühr, wenn Kunden ein besonderes Design für ihre Tasten haben wollen.

Deutsch ist schwierig

Auch Stephen Hawking kommuniziert mit Hilfe von Swiftkeys Technologie Der Physiker Stephen Hawking verwendet ebenfalls Swiftkeys Technologie. Wegen seiner Nervenkrankheit kann er nicht sprechen oder mit den Fingern tippen. Eine Kamera registriert die Bewegung seines Wangenmuskels; so steuert Hawking den Zeiger auf einem Computer-Bildschirm und bildet Wörter und Sätze. Fachleute des US-Konzerns Intel und von Swiftkey programmierten für ihn 2014 eine verbesserte Version seiner Sprach-Software.

Medlock sagt, die grösste Herausforderung für Swiftkeys System stellten Sprachen wie Koreanisch, Finnisch und Türkisch dar. Denn hier ändern Worte stark ihre Form, je nach der Funktion im Satz. Kann ein Wort zum Beispiel zahlreiche verschiedene Endungen haben, sind Vorhersagen kniffelig. «Doch Deutsch ist ebenfalls schwierig», sagt der Manager. «Weil es so viele zusammengesetzte Wörter gibt, muss das System einen sehr grossen Wortschatz kennen.» Einiges zu tun für die neuronalen Netze. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 29.09.2016, 06:34 Uhr

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