Die Flucht ins Zubehör

Neue Smartphones, Virtual-Reality-Brillen und Accessoires: In Barcelona findet derzeit die grösste Mobiltelefonie-Messe statt.

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«Smartphones sind nicht mehr spannend», verkündete der LG-Manager auf der grossen Showbühne vor Hunderten Journalisten und Händlern. «Die Leute interessieren sich viel mehr für Actionkameras und Drohnen. Aber jetzt machen wir das Smartphone wieder spannend!» Seine Lösung für das Problem, das einer ganzen Branche die Bilanzen und die Stimmung vermiest, waren dann aber ausgerechnet Drohnen, Actionkameras, Roboter und allerlei sonstiges Zubehör.

Das neue Handy wurde zum Statisten an seiner eigenen Präsentation. Ja, es ist schneller. Ja, es hat jetzt sogar zwei Kameras. Aber was die Spannung und damit das Geld der Käuferinnen und Käufer zurückbringen soll, ist das Zubehör. Das neue G5 hat einen modularen Einschubschacht, um die Funktion des Telefons zu erweitern. Dazu hat LG ein ganzes Sortiment an Zubehör im Ärmel: einen Drohnen-Joystick, einen Roboter, der die Wohnung videoüberwacht und mit der Katze spielt, sowie Brillen und Kameras für die virtuelle Realität.

Apple stemmt sich gegen den Preiszerfall

Ob die Flucht ins Zubehör aufgeht, ist fraglich. Der Preiskampf wird, seit bei Smartphones ein Entwicklungsplateau erreicht ist, Jahr für Jahr härter. Aktuell sorgt ein indisches Android-Smartphone für vier Dollar für Furore. Ob das Gerät so billig und auch brauchbar sein wird, wird sich weisen. Fakt ist, dass die Preise fallen und fallen. Das Smartphone wird zum Taschenrechner unserer Zeit. Einst ein teures Gut, gehen Taschenrechner heute noch als Werbegeschenk durch.

Nur Apple bleibt die Ausnahme. Der Apfelkonzern stemmt sich mit aller Kraft gegen den Preiszerfall. Doch es ist ungewiss, ob er sich zur Rolex der Technologiebranche mausern kann oder ob die Preisspirale dereinst auch ihn erfasst. Gierig schnappen Handyhersteller nach jedem Strohhalm: Drohnen und Actionkameras sind nur zwei von vielen. Smartwatches und Wearables sind zwei andere. Der prominenteste Strohhalm ist heuer Virtual Reality.

Virtual Reality soll sozial werden

Hingestreckt wurde er vom Facebook-Gründer Mark Zuckerberg persönlich. Bei seinem Überraschungsauftritt an Samsungs Pressekonferenz versprach er, die virtuelle Realität werde die nächste grosse Plattform: «Vor ein paar Jahren haben wir Texte übers Internet verschickt, dann Fotos, dann Videos. Schon bald werden es Rundumerfahrungen sein», schwärmte Zuckerberg dem Publikum vor. Er könne es nicht erwarten, die ersten Schritte seiner Tochter als Rundumvideo festzuhalten und mit anderen zu teilen. Virtuelle Realität soll sozial werden.

Aktuell ist sie das nicht. Selbst im Saal mit 5000 Besuchern am Samsung-Anlass, wo jeder eine solche Brille trug, war das höchst asozial. Einmal auf­gesetzt, lässt die Brille alle anderen Besucher verschwinden. Man isoliert sich in seiner eigenen Welt. Wie daraus eine soziale Erfahrung werden soll, konnte Zuckerberg nicht erklären.

Die Illusionen, die Virtual-Reality-Brillen aller Preisklassen schon heute erschaffen, sind beeindruckend. Aber solange sie einen so radikal aus der realen Welt abkoppeln, bleibt der Anwendungsbereich marginal. Wenn die Brillen ein breiteres Publikum als Gamer und Vielflieger finden sollen, muss sich noch einiges tun.

Neuer Standard als Nothelfer

Und wenn die virtuelle Realität entgegen allen Erwartungen doch nicht einschlägt? Dann findet sich schon bald ein neuer Strohhalm für die Handyhersteller. Wer weiss, vielleicht gibt es ein Comeback für Google Glass? Oder Sonys intelligenter Assistent im Ohr wird ein Erfolg.

Wenn alle Strategien schiefgehen, bleibt den Handyherstellern immer noch eine Hoffnung: 5G. 2020 soll der nächste Mobilfunkstandard einsatzbereit sein. Er verspricht rasend schnelle Downloads, soll selbstfahrenden Autos die Piste ebnen und dem Internet der Dinge zum Durchbruch verhelfen. Dort, wo in Barcelona nicht von Virtual Reality die Rede ist, ist 5G in aller Munde. Und manchmal beides: im über 5G ge­streamten Rundumvideo.

Noch haben sich die Telecomfirmen nicht einmal auf die Details des neuen Standards geeinigt. Trotzdem hofft die Branche schon jetzt auf einen Investi­tionsschub, wenn Telefonieanbieter ihre Netze aufrüsten müssen und Kunden neue Handys brauchen. Die Parole heisst also für manche Firma: Durchhalten bis 2020.

Schaffen wird das aber längst nicht jeder. Ob Sony in vier Jahren noch Handys baut – und ob es HTC bis dann noch gibt?

Samsung Galaxy S7 (Edge)
Rund geschliffen und verbessert
2015 hat Samsung das Design seiner Galaxy-Telefone radikal umgestellt: von praktischem Plastik zu einer schnittigen und eleganten Kombination aus Glas und Metall. Dieser Umstellung sind gleich mehrere Funktionen zum Opfer gefallen. So waren die neuen Geräte nicht mehr wasserdicht, der Speicher liess sich nicht mehr erweitern, und der Akku konnte nicht mehr gewechselt werden. Die ersten zwei Funktionen reicht Samsung nun im Galaxy S7 und S7 Edge nach. Ansonsten wirken die Geräte noch runder. Kanten wurden geschliffen, und die Kamera ragt weniger weit aus der Rückseite des Telefons. Ebenfalls neu sind die Bildschirmgrössen. Das S7 hat einen flachen 5,1-Zoll-Bildschirm und das S7 Edge einen an den Kanten gebogenen 5,5-Zoll-Bildschirm. Beide Geräte sind ab 11. März für 719 resp. 819 Franken zu kaufen.

LG 360 VR
Die schönere Brille?
Kaum ein Messestand am Mobile World Congress kommt heuer ohne Virtual-Reality-Brille aus. Selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nutzte die Gelegenheit, um an einer Pressekonferenz von Samsung die virtuelle Realität als Plattform der Zukunft zu beschwören. Aktuell steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen. Das südkoreanische Unternehmen LG machte sich an seiner Pressekonferenz dann auch darüber lustig, wie unpraktisch, schwer und unschön aktuelle Brillen sind. Besser machen soll es die eigene Brille namens 360 VR. Anders als bei den Konkurrenzprodukten braucht man bei LGs Modell kein Handy in die Brille zu stecken, da sie eingebaute Bildschirme verwendet. Dennoch ist es nötig, das Handy per Kabel mit der Brille zu verbinden. Negativ fiel bei einem ersten Test die lottrige Bauweise auf.

HP Elite x3
Unterstützung für Microsoft
Mit Windows für Smartphones hatte Microsoft wenig Glück. Auch für das neue Windows 10 sieht es nicht nach einer Trendwende aus. Doch nun gibt es Schützenhilfe von HP. Der Computerkonzern hat nach langer Pause wieder ein Smartphone vor­gestellt. Das Elite x3 richtet sich an Business-Anwender. Mit einem 6-Zoll-Bildschirm taugt es eher für die Jacketttasche denn für den Hosensack. Dank der Continuum-Funktion von Windows 10 und einem speziellen Dock kann man das Telefon zusammen mit Bildschirm, Maus und Tastatur auch als PC nutzen. Zudem hat HP eine spezielle Laptop­erweiterung vorgestellt. Der Mobile Extender ist Bildschirm, Touchpad und Tastatur. Einmal verbunden, wird das Handy mit dieser Erweiterung zum Notebook. HP zielt auf einen Verkaufsstart im Sommer. Ein Preis ist noch nicht bekannt.

Nokia Ozo
Wo Rundumvideos herkommen
Die VR-Brillen sind da, jetzt fehlt noch der Inhalt. Das Angebot an Rundumvideos, -spielen und -fotos wird zwar laufend grösser, aber bei der Qualität gibt es grosse Unterschiede, und nicht jedes Format funktioniert auf jedem Gerät. Ausgerechnet der ehe­malige Handyprimus Nokia, der inzwischen fast nur noch Handyantennen verkauft, will das ändern. Mit Ozo haben die Finnen eine Rundumkamera im Angebot. Sie richtet sich mit einem Preis von 60 000 Dollar offensichtlich an Profis. Für Hobbyanwender haben Samsung und LG kleinere Rundumkameras vorgestellt. Die Gear 360 und die 360 Cam haben zwei Objektive. Das Smartphone errechnet aus zwei Weitwinkelaufnahmen ein Rundumbild. LG sagt nichts zu Preis und Verfügbarkeit. Die Samsung-Kamera soll im zweiten Quartal kommen und zwischen 450 und 500 Franken kosten.

CAT S60
Für Baustellen und Notfälle
Das Smartphone ist ein fertiges Produkt? Es gibt keine Neuerungen mehr? Nicht ganz. Das CAT S60 ist nicht nur ein Panzer von einem Handy. Es ist bruchsicher und wasserfest, und es lässt sich mit Handschuhen genauso gut bedienen wie mit nassen Händen. Und es hat eine Wärmebildkamera. Ob es den professionellen Ansprüchen von Bauarbeitern oder Rettungssanitätern genügt, werden diese Zielgruppen selbst entscheiden müssen. Die Wärmebildkamera ist eine nette kleine Spielerei. Die dürfte genauso ihre Fans finden wie G-Shock-Uhren, deren unzählige Funk­tionen man im Alltag dann doch nie braucht und die man hauptsächlich wegen ihres martialischen Aussehens kauft. Das robuste Android-Telefon soll im Verlauf dieses Jahres auf den Markt kommen und rund 650 Euro kosten.

Huawei Matebook
Das schönere Surface
Die Liste wird länger und länger: Inzwischen hat fast jeder Techkonzern ein Tablet mit magnetischer Tastatur und einem Stift im Angebot. 2012 hat Microsoft dieser Geräte­kategorie mit dem ersten Surface Schwung verliehen und zum Durchbruch verholfen. Neu hat auch der chinesische Anbieter Huawei ein solches Gerät gebaut. Das Matebook läuft mit Windows 10, hat einen 12-Zoll-Bildschirm und funktioniert mit einer magnetischen Tastatur und einem Stift. Beim Ausprobieren fällt auf, wie hochwertig und schön das Tablet ist. Auf der Tastatur tippt es sich bequem. Allerdings funktioniert das Andocken der Tastatur ans Tablet nicht ganz so elegant und zuverlässig wie beim Surface. Das Matebook wird in der Schweiz ab Juni erhältlich sein. Das Tablet gibts ab 800?Franken, die Tastaturhülle kostet 150 Franken und der Stift 70 Franken.

Sony Xperia Ear
Weg mit den Bildschirmen
Google Glass war ein origineller Versuch, das Smartphone überflüssig zu machen. Die smarte Brille war ihrer Zeit voraus und verschwand vom Markt. Die Idee, Computer diskreter zu machen und näher an den Körper zu bringen, beschäftigt Ingenieure aber weiterhin. Einen Versuch wagt nun Sony mit einem Wearable fürs Ohr. Xperia Ear sieht aus wie eine Mischung aus Hörgerät und Freisprech-Kopfhörer. Ähnlich wie im Film «Her» soll man dank des Assistenten im Ohr Hände und Augen frei haben. Der smarte Kopfhörer ist auf ein verbundenes Smartphone angewiesen. Der Akku soll einen Tag halten. Man darf gespannt sein, ob es den    Japanern, die bisher wenig Glück mit eigener Software hatten, gelingt, das Smartphone in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Im Sommer soll das Xperia Ear zu einem unbekannten Preis auf den Markt kommen.

Sony Xperia X
Endlich eine schnelle Kamera
Sony baut seine Handysparte um. Auf das Xperia Z folgt das Xperia X. Statt drei Bildschirmgrössen gibt es neu nur noch das 5-Zoll-Display. Neu ist auch die Rückseite aus Metall, nicht mehr aus Glas. Die herausragendste Neuerung ist die Kamera. In der Vergangenheit hatte Sony immer gute Handykameras. Nur waren sie nicht die schnellsten. Während das iPhone oder Samsung-Handys blitzschnell ein gutes Foto schossen, dauerte es bei Sony immer deutlich länger. Mit dem Xperia X soll das jetzt besser werden. Erste Tests am Messestand lassen vermuten, dass es geklappt hat. Wie gut sich die Kamera aber unter realen Bedingungen schlägt, wird ein Test zeigen müssen. Das Xperia X wird ab Juni für 650 Franken in den Verkauf gehen, und das wasserdichte Xperia X Performance wird ab Juli für 750 Franken zu haben sein.

Dial
Eigenständige Smartwatch
Stand heute ist die Smartwatch ein Handy­zubehör. Die Deutsche Telekom und der Black-Eyed-Peas-Sänger Will.i.am wollen das ändern. Vollmundig versprach der Musiker und Techunternehmer, das Dial genannte Armband sei keine Smartwatch, sondern etwas Neues. Es mache Handys überflüssig und sei sowieso besser als Smartphones, Tablets und Laptops. Möglich machen sollen die Revolution eine integrierte SIM-Karte und das auf Sprachsteuerung ausgerichtete Betriebssystem Aneeda. Die Idee hinter dem Gerät ist vielversprechend. Weniger überzeugend ist die langsame Bedienung und die winzige Tastatur auf dem Touchscreen. Und auch die Sprachsteuerung machte bei Demos noch nicht den zuverlässigsten, geschweige denn smartesten Eindruck. Dial soll «noch in diesem Jahr» zu einem bis jetzt unbekannten Preis auf den Markt kommen.

LG G5
Das flexible Smartphone
Bei immer weniger Smartphones kann man den Akku wechseln. LG hält seit Jahren an dieser Funktion fest und baut sie im neusten Modell, dem G5, sogar noch aus. Das Metallhandy hat am unteren Ende einen Schacht, in den man nicht nur einen zweiten Akku einsetzen kann, sondern auch Zusatzmodule. An der Messe in Barcelona hat LG deren zwei vorgestellt. Eines ist von Bang & Olufsen und verspricht eine bessere Klangqualität. Das zweite richtet sich an ambitionierte Handy­fotografen: Es bietet einen Zusatzakku, einen Kameraknopf, ein Zoomrad und ist gleichzeitig ein Kameragriff. So kann man das Handy beim Fotografieren sicherer in einer Hand halten. Interessantes Detail: Das G5 hat zwei Kameras. Eine für normale Fotos und eine für Weitwinkelaufnahmen. Das Telefon soll ab April zu einem noch unbekannten Preis in die Läden kommen.
Texte: Rafael Zeier, Fotos: PD (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2016, 10:46 Uhr

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