Ein Multitalent: Das iPad Pro (9,3 Zoll) im Test

Was taugt das neue iPad Pro, wie gut ist die Tastatur und ist es ein PC-Ersatz? DerBund.ch/Newsnet hat es ausprobiert.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Jahr für Jahr hat Apple seit 2010 ein neues iPad vorgestellt. Dass es jeweils das beste iPad aller Zeiten war, wie es die Apple-Manager gerne formulieren, lag in der Natur der Sache. Hoffentlich, war man als Beobachter zu denken ­geneigt. Schliesslich steckt die neuste Technologie drin.

Doch mit der Lancierung des iPad Mini 2012, einer kleineren Variante des Apple-Tablets, wurde es kompliziert. Noch komplexer wurde es, als Apple im letzten Herbst mit dem grossen iPad Pro eine weitere Unterkategorie vorgestellt hat. Vollends undurchschaubar wird es nun mit dem Verkaufsstart des neuen kleineren iPad Pro (siehe Das iPad-Einmaleins).

Am einfachsten beschreibt man das neuste iPad Pro so: Es packt die Pro-Funktionen wie magnetische Tastaturhülle und Apple-Stift in die Grösse des normalen iPads. Aber das beste iPad aller Zeiten ist das kleinere iPad Pro nicht mehr. Es ist einfach eines von mehreren sehr guten iPads und damit eines der ­aktuell besten Tablets.

Geschicktes Upselling

Wer auf der Suche nach einem Tablet ist, kann mit dem iPad Pro (9,7 Zoll), wie es offiziell heisst, nichts falsch machen. Akku, Bildschirm und Geschwindigkeit sind allesamt top. Das hat allerdings seinen Preis. Knapp 700 Franken kostet die günstigste Ausführung. Zum Vergleich: Für mein erstes iPad habe ich 2010 noch 640 Franken bezahlt. Immerhin verzichtet Apple auf die knausrige Variante mit 16 GB und stattet das iPad Pro mit 32 GB aus. Wie immer locken gegen einen Aufpreis Varianten mit mehr Speicherplatz. Typisch für Apple sind die Preise so gewählt, dass man als Kunde stets versucht ist, noch mehr ­dafür auszugeben.

Trotzdem sollte man noch etwas Geld übrig haben, denn die Tastatur (159 Franken) und der Stift (109 Franken) kosten extra. Die magnetische Anklips-Tastatur, die gleichzeitig als Schutzhülle dient, hat bereits beim grösseren iPad Pro gefallen. Das richtige Falten ist zwar Übungssache, aber wenn man den Bogen mal raus hat, klappts auch auf dem kleineren Tablet leicht. Der Vorteil gegenüber einer Bluetooth-Tastatur, wie sie viele Tablet-Nutzerinnen und -Nutzer verwenden, ist, dass sie sich automatisch und zuverlässig mit dem Tablet verbindet. Auch muss man die Tastatur nicht extra laden. Sie bezieht den Strom vom Tablet.

Leider hält es Apple nicht für nötig, eine Tastatur mit Schweizer Layout anzubieten. Es gibt die Hülle nur mit englischen Tasten. Wo bei uns das Z ist, ist da das Y, und Sonderzeichen sind noch mal anderswo. Als Notlösung kann man dem iPad via Software vorgaukeln, die Tastatur sei eine Schweizer Tastatur. Wer blind tippen kann, kommt so gut zurecht. Wer jedoch immer wieder einen Blick auf die Tastatur werfen muss, wird mit dem Kniff nicht glücklich werden.

Glaube an die Tastatur

Die fehlenden internationalen Tasta­turen verleiten einen aber zu einem interessanten Schluss: Entweder glaubt Apple, nicht viele davon zu verkaufen, oder das Unternehmen glaubt prinzipiell und längerfristig nicht an physische Tastaturen für Tablets. Für Zweiteres sprechen zahlreiche kritische Äusserungen über Mischmaschgeräte, die Laptop und Tablet in einem sind. Ein Blick ins Archiv bestärkt diese Vermutung. Bei der Präsentation des ersten iPad erwähnte Steve Jobs die Touchtastatur überschwänglich. Es sei ein Traum, ­darauf zu tippen.

Tatsächlich tippe ich seit Jahren auf keinem anderen Tablet so bequem, zuverlässig und fast blind im Zehnfingersystem wie auf dem iPad. In der kurzen Zeit mit dem neuen iPad Pro habe ich mich dabei ertappt, dass ich gelegentlich lieber auf dem Bildschirm als auf der nach hinten gefalteten Tastatur geschrieben habe. Nutzt man nämlich die Tastaturhülle, ist der Bildschirm fix und relativ steil angewinkelt, was ziemlich unpraktisch ist, wenn man das Tablet, etwa im Zug, auf den Oberschenkeln ­balanciert.

Ist die Tastaturhülle also nur ein ­Zugeständnis an Konkurrenten wie ­Microsofts Surface und an den lauten Kundenwunsch – und damit ein ungewollter Zusatzverdienst für Apple? Die nächsten Jahre werden es zeigen. Mit 3-D-Touch hat Apple auf dem iPhone eine Technologie vorgestellt, die einen glauben macht, man drücke richtige Knöpfe, obwohl man nur auf eine unbewegliche Glasfläche drückt. Gut möglich, dass es damit dereinst möglich sein wird, auf dem iPad eine richtige Tastatur zu simulieren.

Immer diese Maus

Fest steht: Damit das iPad Pro schon heute als Ersatz für den PC funktioniert, wie es Apple provokant versprochen hat, müssen die Nutzerinnen und Nutzer damit allerdings schnell tippen können. Und das ist für die grosse Masse aktuell mit einer richtigen Tastatur bedeutend einfacher.

Tatsächlich macht das kleine iPad Pro als PC-Ersatz den besseren Eindruck als das grosse. Beim grossen vermisse ich häufig eine Maus, da der Bildschirm so gross und Bedienelemente so weit weg sind. Auf dem kleineren Pro erreicht man, selbst wenn man gleichzeitig auf der Tastatur tippt, Knöpfe in den Bildschirmecken ohne Fingergymnastik.

Trotzdem kommt es hin und wieder vor, dass ich auch auf dem neuen iPad Pro eine Maus bräuchte: etwa bei veralteten Webdiensten, die nicht für Touchbedienung optimiert sind. Da wäre eine Notlösung praktisch. Wie wäre es zum Beispiel mit einem digitalen Touchpad, das man in solchen Härtefällen wie eine Tastatur einblenden kann? Solange ich in solchen Fällen ­immer zum Laptop greifen muss, ist das iPad kein PC-Ersatz.

Haben Sie Fragen zum neusten iPad? Digital-Redaktor Rafael Zeier beantwortet sie heute Mittwoch gerne in den Kommentaren.

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