Das iPhone X im Alltagstest

Wie gut ist das neuste und teuerste Apple-Handy? DerBund.ch/Newsnet hat es eine Woche lang ausprobiert.

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Hätte man mich 2012 gefragt, welches Betriebssystem bei mir in fünf Jahren dominiert, hätte ich ohne zu zögern auf Android gewettet. Zum Glück habe ich das nicht. Heute dominieren iOS und Windows 10 meinen Digital-Alltag.

Obwohl ich seit Ende 2015 ein iPhone als Haupttelefon verwende und es für seine Zuverlässigkeit, die Qualität der Apps, die Kooperation mit der Apple Watch und vor allem die Kamera sehr schätze, ist es das Apple-Gerät in meinem Alltag, das ich am leichtesten durch ein Konkurrenzprodukt ersetzen könnte. Mit der Apple Watch oder dem iPad würde mir das deutlich schwerer fallen.

Der grosse Knopf

Gerade mit einem Aspekt des iPhones bin ich nie richtig warm geworden. Als Android-Nutzer der ersten Stunde dünkt mich der grosse Knopf unterhalb des Bildschirms als zentrales Bedienelement antiquiert und irgendwie quer in der Landschaft. Ein Touchscreen kann doch so viel mehr als ein einfacher Knopf (Fingerabdrucksensor hin oder her).

Immer wieder ertappe mich darum dabei wie ich meinem Xperia Z1 nachtrauere. Technisch längst überholt, habe ich immer noch eine SIM-Karte im Sony-Handy von 2013.

Würdiger Nachfolger

Nach Jahren des Wartens habe ich nun endlich einen würdigen Nachfolger für mein Z1 gefunden – und das ausgerechnet bei Apple.

Das iPhone X ist nahezu gleich gross, gleich schwer und bringt nebst einer tollen Kamera alles mit, was mir damals am Sony-Handy so gefallen hat: die weisse Glasrückseite, Metallkanten und eine komplett schwarze Front.

Video – Das iPhone X im Kurzcheck

Vor- und Nachteile: Das Fazit nach einem ersten kurzen Test. (Video: Nicolas Fäs)

Alles in allem steht für mich nach einer Woche fest: Das iPhone X ist nicht nur ein besseres und teureres iPhone. Es ist das erste iPhone, an dem ich richtig Freude habe. Aber was bedeutet das für Sie, liebe Leser? Schauen wir uns ein paar Punkte genauer an.

Design

Das neue Design bringt ein bisschen etwas von allen iPhone-Generationen mit: das glänzende Metall des ersten Apple-Handys, die Glasrückseite des iPhone 4 und die abgerundeten Kanten der aktuellen iPhones. Am meisten erinnert das iPhone X mit der Kombination aus Stahl und Glas allerdings an die Apple Watch.

Design ist bekanntlich Geschmackssache. Wie auch die Grösse. Das iPhone X ist nur minimal grösser als das aktuelle iPhone 8, aber eine ganze Spur kleiner als das iPhone 8 Plus. Selbst war ich nie ein Fan allzu grosser Handys. Doch wegen der Kamera habe ich mich für ein Plus-Modell entschieden und mich in den letzten Jahren an die Grösse gewöhnt. Ich bediene ein Handy inzwischen fast nur noch zweihändig. Mit dem iPhone X muss ich mich nun wieder zurückgewöhnen. Man kann es zwar auch zweihändig bedienen, aber das Handy ist klar auf einhändige Bedienung ausgelegt.

Bildschirm

Bildschirm-Experten sehen den Unterschied zu früheren Apple-Bildschirmen sofort. Ich frühestens auf den zweiten Blick. Nämlich dann, wenn man den schwarzen Bildschirm nicht vom schwarzen Rand unterscheiden kann. Neu setzt Apple auf Oled-Technologie. Das ermöglicht besseres Schwarz und sattere Farben. Je nach Anbieter können damit Fotos schon mal comichaft übersättigt aussehen. Apple hat das sehr gut hinbekommen. Die Farben sind schön, aber nicht zu übertrieben.

Randlos ist der Bildschirm allerdings nicht. Rundherum hat es ein paar Millimeter Rand, und oben ragt der Sensorbalken prominent in den Bildschirm hinein. Im Alltag fällt das allerdings kaum negativ auf. Das neue Bildschirmformat hat zur Folge, dass noch nicht alle Apps dafür optimiert sind. Beispielsweise bei der Spotify-App blendet das iPhone oben und unten einen schwarzen Balken ein, wie man es von Kinofilmen im Fernseher kennt.

Gesichtserkennung

Beim Ordnen meiner Notizen für diesen Alltagstest hätte ich die Gesichtserkennung oder FaceID, wie sie Apple nennt, um ein Haar vergessen. So elegant und intuitiv funktioniert die neue Entsperrmethode, dass man sie im Idealfall gleich vergisst. Beim Galaxy S8 hatte ich dieses Frühjahr meine liebe Mühe mit der Gesichtserkennung. Entsprechend skeptisch war ich beim iPhone X. Doch von der Installation bis zur Anwendung funktioniert es zuverlässig. Pannen sind selten. Einmal beim Frühstück mit unanständig vollem Maul und entsprechenden Hamsterbacken erkannte mich das Handy nicht und fragte zur Sicherheit nach meinem Zahlencode. Seither klappt es mit dem Entsperren auch mit vollem Mund. Das iPhone hat dazugelernt.

Besonders gut gefällt, dass das iPhone nun auf dem Sperrbildschirm den Inhalt von Benachrichtigungen nur noch anzeigt, wenn ich drauf schaue. So kann man das Handy auch gut im Restaurant oder an einer Sitzung auf dem Tisch liegen lassen.

Pech habe ich dagegen mit meiner Sonnenbrille. Wenn ich sie trage, lässt sich das iPhone nicht entsperren. Mit der Sonnenbrille meiner Frau klappt es dagegen problemlos, obwohl sie vom selben Hersteller stammt. Entscheidend ist, wie viel Infrarot eine Brille filtert, erklärt Apple. Es empfiehlt sich also, beim Sonnenbrillenkauf einen iPhone-Test zu machen. Ob es bald ein Sonnenbrillen-Label «Apple Approved» gibt?

In den wenigen Situationen, in denen FaceID nicht klappt, wünschte ich mir, es gäbe eine bequemere alternative Entsperrmethode, als den Zahlencode zu tippen. Dabei muss es ja nicht ein Comeback des Fingerabdrucksensors sein. Entsperren per Apple Watch, wie man es vom Mac kennt, sollte doch theoretisch auch möglich sein?

Bedienung

Mein Highlight am neuen iPhone ist aber weder das Design noch die Gesichtserkennung. Es ist die Bedienung. Wie eingangs erwähnt, bin ich kein Freund von Knöpfen. Dafür liebe ich innovative Touchscreen-Bedienelemente, wie den Touch-Fahrplan der SBB oder die Möglichkeit, auf dem iPhone zwei Apps gleichzeitig zu schliessen, indem man sie mit zwei Fingern wegschnippt. Nach einer Woche habe ich mich komplett an die neuen Bediengesten des iPhone X gewöhnt. Inzwischen wische ich auf anderen Handys auch ständig von unten nach oben, um auf den Startbildschirm zu kommen.

Besonders praktisch ist im Alltag, dass man nun die Taschenlampe und die Kamera noch schneller öffnen kann als bei anderen iPhones. Auf dem Sperrbildschirm, der automatisch angeht, wenn man das Handy in die Hand nimmt, muss man nur noch fest auf das jeweilige Symbol tippen.

Abstriche muss man dafür beim Öffnen des Kontrollzentrums machen. Um etwa die Helligkeit zu verstellen, die Lautstärke zu ändern oder den Flugmodus zu aktivieren, muss man neu von oben rechts nach unten wischen (wenn man oben links wischt, erscheinen die Benachrichtigungen). Linkshänder sind hier etwas im Nachteil. Doch auch daran wird man sich zweifellos gewöhnen, so es Apple nicht in einer der nächsten Updates nachträglich ermöglicht, die Positionen für Linkshänder zu vertauschen.

Noch ein Tipp: In den Einstellungen/Allgemein/Bedienungshilfen kann man «Einhandmodus» aktivieren. Wenn man dann am unteren Bildschirmrand nach unten wischt, wird der Bildschirminhalt nach unten geschoben. So erreicht man auch einhändig bequem Sachen in der oberen Screen-Hälfte.

Kamera

Die Kamera des iPhone X ist die beste, die Apple je in ein iPhone gesteckt hat. Sie schlägt sogar die des iPhone 8 Plus. In der Theorie trumpft sie mit einer lichtstärkeren und optisch stabilisierten Zweitkamera für Zoom-Aufnahmen auf. Im Alltag ist es nicht ganz so einfach, die Unterschiede herauszuschälen. Um den Unterschied zu sehen, muss man bei wenig Licht mit der Zoom-Kamera fotografieren und ein ideales Sujet erwischen.

Ein kleiner Fotovergleich im eigenen Keller zeigt den Unterschied. Vor den Handykameras der Konkurrenz braucht sich das iPhone X auch nicht zu verstecken, wie der Vergleich weiter zeigt. Welche Handykamera einem am besten gefällt, ist je länger, je mehr eine Geschmackssache, wie bei andere Fotokameras auch. Technisch sind die meisten – wenigstens in den höheren Preisregionen – sehr gut. Fest steht aber auch: Die Kamera des neusten iPhones gehört zu den allerbesten und aktuell mindestens aufs Podest.

Wie immer empfiehlt es sich gerade beim iPhone, mit Kamera-Apps aus dem Store zu experimentieren. Hier ist Apple in den letzten Jahren über den eigenen Schatten gesprungen und erlaubt Entwicklern nun weitreichenden Zugriff auf Kamerafunktionen.

Akku

Nein, das Akkuwunder bleibt auch dieses Mal aus. Wer sparsam mit seinem Handy umgeht, wird mit dem iPhone X einen Tag ohne Ladepause überstehen. Mit dem Stromsparmodus schafft sogar ein Verschwender wie ich einen Tag. Aber den Akkupack oder ein Ladekabel hatte ich in der vergangenen Woche immer mit dabei.

A11-Prozessor

Den Prozessor kennt man schon aus dem iPhone 8. Dort hinterliess der A11 einen sehr guten Eindruck. Doch wie gut ein Prozessor ist, zeigt sich erst in den kommenden Jahren, wenn App-Entwickler sein volles Potenzial ausschöpfen. Aktuell kann man aber davon ausgehen, dass der A11 auch in zwei bis drei Jahren noch sehr gut abschneiden wird und auch Jahre später noch im Mittelfeld mithalten kann.

Drahtloses Laden

Das iPhone X lässt sich, wie schon das iPhone 8, drahtlos laden. Das ist praktisch und bequem – aber sehr langsam. Wer sein Handy immer über Nacht lädt, hat damit kein Problem. Wer das Handy mal zwischendurch schnell eine Viertelstunde laden möchte, bekommt mit drahtlosem Laden nur ein paar Prozentpunkte zurück. Wenns eilt, nutze ich daher immer das Ladekabel meines iPads. Damit füllt sich der Akku deutlich schneller. Zudem bin ich dann auch sicher, dass es wirklich lädt. Wenn man das iPhone nämlich schlufig auf das Ladedock legt, kann es sein, dass man am nächsten Morgen eine böse Überraschung erlebt und mit leerem iPhone aus dem Haus muss.

Fazit

Das iPhone X ist das erste iPhone, an dem ich richtig Freude habe. Endlich ein iPhone, das sich so elegant bedienen lässt, wie es aussieht. Einer flammenden Empfehlung steht einzig der hohe Preis im Weg. Doch wie bei einer Rolex oder Omega gibt es zwei Gruppen von Menschen, die eine vierstellige Summe nicht am Kauf hindern wird: Jene, wie ich, die an für andere unverständlichen Details (Design, Kamera, Bedienung, Technologie) viel Freude haben, und natürlich jene, die damit angeben wollen und sich einen Prestigegewinn erhoffen. Beiden Gruppen wird das iPhone X gut gefallen. Alle andere sollten sich deutlich preiswertere Geräte wie das iPhone 7/8, das iPhone SE oder natürlich etwas aus dem Android-Lager ansehen.

Ausblick

Apple nennt das iPhone X das iPhone für die nächsten zehn Jahre. Voraussichtlich werden die Technologie und die Bedienung über die nächsten Jahre in weiteren iPhone- und iPad-Modellen Einzug halten und entsprechend im Preis fallen. Dank FaceID wird das iPhone künftig zum aufmerksamen Assistenten. Es reagiert auf seinen Besitzer. Dass Benachrichtigungen nur noch angezeigt werden, wenn man drauf schaut, ist nur ein erster Schritt. Kombiniert mit Augmented Reality wird uns das Handy künftig noch besser und verständlicher mit Informationen versorgen können.

Interessant am iPhone X ist auch, dass nun Hardware-Knöpfe und -Öffnungen nahezu überflüssig sind. Laden kann man das Handy drahtlos. Einzig zum Einlegen der SIM-Karte braucht man die kleine Schublade. Doch per eSIM, wie sie bereits in der Apple Watch und im iPad steckt, liesse sich auch diese Schublade sparen. Die Knöpfe braucht man ebenfalls nur noch selten. Einschalten lässt sich das Telefon per Bildschirmberührung. Die Lautstärke lässt sich sowieso schon lang per Touchscreen regeln. Im Alltag brauche ich die Knöpfe nur noch für Bildschirmfotos und Apple Pay. Da braucht es wenig Fantasie, sich ein zukünftiges iPhone vorzustellen, das komplett ohne Knöpfe und Öffnungen auskommt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.11.2017, 11:47 Uhr

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