Nachgefragt

«Wir sind keinem Geheimdienst verpflichtet»

Das Zürcher Unternehmen E-Fon bietet Kunden die Möglichkeit, verschlüsselte Telefongespräche zu führen. Ein echtes Bedürfnis oder bloss ein Marketing-Stunt im Nachgang der NSA-Affäre?

Anwälte und Treuhänder wollen vermehrt verschlüsselt telefonieren.

Anwälte und Treuhänder wollen vermehrt verschlüsselt telefonieren. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Sie bieten eine Möglichkeit an, per App verschlüsselte Telefonate zu führen. Ist das, ganz nüchtern betrachtet, wirklich nötig?
Für die meisten Leute, die nicht Treuhänder oder Anwalt sind, ist das tatsächlich irrelevant. Es geht uns darum, dass Nutzer im Ausland, zum Beispiel in den USA, ihre Gespräche so führen können, dass sie nicht abgehört werden.

Wie gross ist die Gefahr, dass das passiert?
Wie wir wissen, zapft die NSA Router beim Backbone an und kopiert alle Datenpakete. Wenn diese Pakete Telefondaten enthalten, werden auch die eingesammelt und abgehört – die per Internet übermittelten Gespräche sind normalerweise nicht verschlüsselt.

Das Abhören von Telefongesprächen ist aber auch im Inland möglich.
Das stimmt, das geht auch über ISDN oder Analogleitungen. Insofern bietet die Internettelefonie mit Verschlüsselung einen besseren Schutz als eine konventionelle Leitung.

Um ein konventionell geführtes Gespräch abzuhören, muss jemand auf einen Telefonmasten klettern und dort die Leitung anzapfen.
Oder beim Hausanschluss einen Sender anschliessen und mithören. Wenn ich telefoniere, laufen meine Gespräche verschlüsselt von meinem Apparat zur Telefonzentrale, die auf unserer Infrastruktur in Zürich läuft.

Von dort geht das Gespräch dann aber unverschlüsselt ins normale Netz – und könnte abgehört werden.
Ja. Eine End-to-End-Verschlüsselung wäre technisch machbar, aber wegen Firewalls kompliziert.

So bieten Sie keine hundertprozentige Sicherheit, schalten aber immerhin einen grossen Angriffspunkt aus.
Ja. Das grösste Risiko besteht darin, dass die Daten über die Router abgegriffen werden. Mit der App können Sie auch in den USA per WLAN verschlüsselt in die Schweiz telefonieren. Nicht nur der Inhalt ist verschlüsselt, sondern auch der Gesprächsaufbau: Man sieht nicht, mit wem Sie telefonieren.

Nun weiss man von Snowdens Enthüllungen, dass auch die Verschlüsselung nicht vor Abhorchen schützt. Da Skype mit der NSA zusammenspannt, kommen die Schlapphüte trotzdem an die Gespräche heran. Warum sollen die Kunden Ihrer Lösung trotzdem vertrauen?
Wir haben keine amerikanische Rechtsprechung und sind keinen amerikanischen Geheimdiensten verpflichtet.

Den Schweizer Behörden aber schon.
Ja. Wenn Gespräche im normalen Telefonnetz abgehört werden, können wir uns nicht widersetzen. Zum Schutz der Kriminalität bieten wir diesen Dienst aber auch nicht an.

Von Snowden weiss man auch, dass man als Nutzer von Verschlüsselungslösungen erst recht ins Visier der Geheimdienste gerät. Malt man sich durch die Nutzung einer solchen Verschlüsselungs-App nicht eine riesige Zielscheibe auf den Rücken?
Man muss auch realistisch sein. Unser Zielpublikum sind Schweizer Firmen – und nicht weltweite Operationen von Afghanistan bis Pakistan. Wir kennen jeden Kunden – wir haben einen Post-Paid-Service, qualitativ hochwertig. Die Missbrauchsgefahr ist gleich null.

Haben Sie Kenntnis darüber, in welchem Rahmen in der Schweiz Abhörungen stattfinden?
Darüber habe ich keine Kenntnis. Ich bin schockiert, wie flächendeckend die NSA abhört.

Haben Sie die Verschlüsselungsfunktion schon in Planung gehabt, oder ist sie eine Folge der NSA-Enthüllungen?
Wir haben schon länger daran gearbeitet. Es ist ein ziemlicher Engineering-Aufwand. Und wir haben uns bemüht, dass wir die App jetzt lancieren können.

Sind Sie froh über die Starthilfe der NSA?
Wir sind nicht ganz undankbar, dass das jetzt zum Thema wurde. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.08.2013, 10:39 Uhr

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Stefan Meier ist Geschäftsführer von E-Fon, einem Zürcher Unternehmen, das kleinen Unternehmen mit bis zu 300 Mitarbeitern virtuelle Telefonanlagen zur Verfügung stellt.

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