Verabschieden sich Canon und Nikon von der Spiegelreflex?

Beide Kamerakonzerne arbeiten an neuen Kamerasystemen. Nikon hat dies sogar schon offiziell bestätigt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn man sich in den letzten Jahren mit Angestellten von Canon und Nikon unterhielt, wurden sie nicht müde, die Vorzüge ihrer Spiegelreflexkameras hervorzuheben. Traf man dieselben Mitarbeiter nach Feierabend oder nachdem sie die Firma gewechselt haben wieder, hatten sie dann meistens doch mindestens das eine oder andere gute Wort für Kameras von Sony, Fuji, Panasonic, Olympus oder Leica übrig. Alles Firmen, die sich von Spiegelreflexkameras hin zu sogenannten spiegellosen Kameras verabschiedet haben und auf diese neuere Technologie setzen.

Klar, Nikon hatte mit der kürzlich eingestellten 1er-Reihe auch solche spiegellosen Kameras im Angebot. Allerdings mit bescheidenen Ambitionen, Ansprüchen und Erfolgen. Auch von Canon gibt es seit längerem spiegellose Kameras, aber die richten sich ebenfalls ans Einsteiger- und Hobbysegment. Für höhere Ansprüche setzen beide Konzerne lieber auf grössere Spiegelreflexkameras.

Doch das dürfte sich bald ändern. Die Anzeichen verdichten sich, dass beide noch dieses Jahr spiegellose Kameras mit Vollformatsensoren auf den Markt bringen werden.

Was ist Vollformat?

Zur Erklärung: Vollformatsensoren werden auch Kleinbildsensoren genannt und waren bis vor der Lancierung von Sonys A7 nur etwas für teure Profi-Kameras. Die Sensoren entsprechen von der Grösse her ziemlich genau dem früheren 35-mm-Fotofilm. Sie sind deutlich grösser als Sensoren in Handykameras oder Kompaktkameras, wie diese Grafik der Wikipedia zeigt:

Grosse Sensoren haben den Vorteil, dass sie mehr Licht einfangen und so auch bei Dunkelheit bessere Bilder liefern. Zudem ist es leichter möglich, den Hintergrund eines Fotos unscharf zu stellen. Kommt dazu, dass alte Objektive aus der Filmzeit genau so funktionieren wie damals, da der Sensor gleich gross ist, wie der Film von damals. Im Gegenzug sind solche Sensoren nicht die schnellsten, brauchen mehr Platz, und teurer als kleinere sind sie in der Regel auch noch.

Dass Vollformatsensoren toll sind, da sind sich Profis und ambitionierte Fotografen meist einig. Manche monieren einzig, dass man den Unterschied zu kleineren Sensoren kaum sieht und dass der Aufpreis die Vorteile nicht rechtfertigt. Zumal Software auch aus kleineren Sensoren Erstaunliches herauskitzeln kann.

Mit Spiegel oder ohne Spiegel?

Weniger einig sind sich Fotografen, wenn es um die Spiegel oder eher die Spiegelkasten geht – also das namensgebende Bauteil einer jeden Spiegelreflexkamera. Die erlauben es, dass man mit dem Sucher durch das Objektiv gucken kann und so genau sieht was passiert. Andererseits braucht er viel Platz und verhindert, dass man, wenn das Foto aufgenommen wird und der Spiegel hochklappt, um Licht auf den Sensor zu lassen, sieht, was sich vor der Kamera tut. Oh, und leise ist das Rauf- und Runterklappen in Sekundenbruchteilen auch nicht, wie man an Pressekonferenzen immer wieder hört.

Bei spiegellosen Kameras ohne Spiegelkasten blickt man nur indirekt durchs Objektiv. Der Sucher ist ein Bildschirm. Der zeigt, was der Sensor sieht. So sieht man schon vor dem Drücken des Auslösers, wie das Foto in etwa aussehen wird. Solche Kameras sind in der Regel handlicher und günstiger. In der Vergangenheit waren spiegellose Kameras aber auch langsam, nicht sehr ausdauernd und auch nicht besonders zuverlässig. In den letzten Jahren haben sich diese Lücken zu klassischen Spiegelreflexkameras geschlossen. In manchen Bereichen übertreffen spiegellose Kameras inzwischen sogar ihre Gegenstücke mit Spiegel.

Trotzdem hielten die Traditionsmarken Canon und Nikon der Spiegelreflex in den letzten Jahren die Treue.

Zeit für eine Zeitenwende

Doch nun sieht es ganz so aus, als würden Canon und Nikon auch auf diesen Spiegellos-Zug aufspringen. Vorbei scheinen die Zeiten als es so aussah, als würden sich die beiden Firmen bei der neuen Technologie zurückhalten, um ihre bestehenden Angebote nicht selbst zu konkurrieren.

Dass Canon und Nikon an spiegellosen Vollformatkameras experimentieren wurde seit Jahren gemunkelt. Doch diese Woche wurden die Gerüchte konkret. Nikon hat in einer Pressemitteilung und einem Teaser-Video die Pläne öffentlich gemacht:

«Nikon freut sich, die Entwicklung einer spiegellosen Nikon-FX-Vollformatkamera und von Nikkor-Objektiven mit einem neuen Bajonett bekannt geben zu können», teilt das Unternehmen mit. Dank der über 100-jährigen Erfahrung soll sich «eine neue Dimension der optischen Leistungsfähigkeit eröffnen».

Erste Bilder und grosses Bajonett

Konkretes verraten aber weder das Video noch die Pressemitteilung. Ein Blick in die Gerüchteküche zeigt jedoch mögliche Funktionen der neuen Kamera(s), erste Fotos , und die Rede ist auch von einem Veröffentlichungstermin am 23. August.

Auffällig an den ersten Fotos ist vor allem das grosse Bajonett. Also das Gewinde, mit dem Wechselobjektive an der Kamera befestigt werden. Manche Beobachter spekulierten bereits, dass Nikon mit demselben Bajonett künftig auch noch grössere Fotosensoren einsetzen könnte.

Nikon selbst will sich auf Anfrage nicht zu solchen Gerüchten äussern und verweist auf die Pressemitteilung.

Auch Canon?

Bei Canon ist die Faktenlage deutlich dünner. Gerüchte deuten aber ebenfalls darauf hin, dass eine spiegellose Vollformatkamera noch dieses Jahr vorgestellt werden könnte. Die Rede ist aktuell von der zweiten September-Woche.

Das Timing würde auf jeden Fall passen. Wird am 26. September doch die wichtige Fotomesse Photokina eröffnet. Da zeigen Hersteller gerne ihre kurz vorher angekündigten Neuigkeiten.

Entwicklung klar ersichtlich

Für den Schweizer Fotografie-Experten und Herausgeber des Fotomagazins Fotointern.ch, Urs Tillmanns, kommt diese Entwicklung nicht von ungefähr. Sony und Leica seien einfach schneller gewesen, sagt er auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet. Aber die Entwicklung weg von Vollformatkameras mit Spiegelkasten sei klar ersichtlich. Die Praxisvorteile würden zusehends für spiegellose Kameras sprechen.

Auch er geht davon aus, dass Canon und Nikon «bald spiegellose Systemkameras auf den Markt bringen, die nicht bloss eine Weiterentwicklung sind, sondern von Grund auf neu entwickelt wurden und dem modernsten Stand der Technik Rechnung tragen – dies vor allem auch, was die Sensorleistung und die Bildalgorithmen anbelangt als auch die Entwicklung neuer Objektive mit neuen Anschlüssen und kürzeren Schnittweiten (infolge Wegfalls des Spiegelkastens)».

Auf die Frage, ob die Spiegelreflex ausgedient habe, antwortet er: «Persönlich sehe ich in der heutigen Zeit wenig Vorteile einer Spiegelreflexkamera. Sie ist grösser, schwerer und unhandlicher als die spiegellosen Schwestern, hat den Nachteil des Spiegelschlags, der bei längeren Belichtungszeiten zu Unschärfen führen kann, und zeigt im Moment des Auslösens kein Bild im Sucher. Kommt hinzu, dass der Spiegelkasten ein mechanisch sehr aufwendiges und teures Teil ist, das ohne Nachteile substituiert werden kann, nicht zuletzt, um Produktionskosten einzusparen.»

Umfrage

Was halten Sie davon, dass nun mindestens auch Nikon (aber vermutlich auch Canon) auf spiegellose Vollformat-Kameras setzt?







(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2018, 10:07 Uhr

Artikel zum Thema

Die beste Kamera, die ich mir gerade noch knapp leisten kann

Getestet Sonys neue A7 III will es allen recht machen. DerBund.ch/Newsnet hat sie einen Monat lang ausprobiert. Mehr...

So fotografiert es sich mit der Leica CL

DerBund.ch/Newsnet hat die neuste Kamera des deutschen Fotografie-Pioniers ausprobiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Gut verpackt: Im Logistikzentrum von Amazon in Hemel Hempstead (England) warten Unmengen an Paketen auf die Auslieferung. (14. November 2018)
(Bild: Leon Neal/Getty Images) Mehr...