Haarscharf an der Traumkamera vorbei: Die Leica Q2 im Test

Die neuste Leica hat alles, was man sich wünschen könnte. Wenn da nur nicht die eine Sache wäre.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Vor einem Jahr habe ich mir die Sony A7III gekauft. Ich hatte sie seither fast jeden Tag mindestens einmal in der Hand. Wenn ich mir nach einem Jahr eine Verbesserung wünschen könnte, dann, dass die Kamera etwas handlicher und eleganter zu bedienen wäre.

Dafür würde ich auch Kompromisse machen und sogar auf die Möglichkeit, Objektive zu wechseln, verzichten. Ein fest verbautes 50-mm-Objektiv würde mir reichen.

Entsprechend gross war mein Interesse, die neue Leica Q2 (5550 Franken, mit Wartelisten) zu testen. Die Q-Kameras sind die zugänglichsten im Top-Segment bei Leica. Dank Autofokus gelingt auch mal ein schneller Schnappschuss, und über das richtige Objektiv muss man sich auch keine Gedanken machen. Denn die Kamera hat ein fest verbautes Objektiv.

Mehr Auflösung und mehr Akku

Für die zweite Generation der Q-Kamera hat Leica vor allem eine grosse Neuerung parat: Der Sensor hat neu eine Auflösung von gigantischen 47 Megapixeln. Das Vorgängermodell hatte noch 24 Megapixel. Weitere Neuerungen sind ein wetterfestes Gehäuse, ein grösserer Akku, ein besserer Sucher und ein paar Knöpfe weniger.

Die hohe Auflösung des Sensors ist aber nicht nur ein Marketing-Argument. Leica nutzt sie, um per digitalem Zoom zusätzliche Brennweiten zu simulieren. Auf Knopfdruck wird so aus dem weitwinkligen 28-mm-Objektiv, ein 35-mm-, ein 50-mm- und sogar ein 75-mm-Objektiv.

Verlorene Auflösung

Foto-Profis werden zu Recht kritisieren, dass ein digital hineingezoomtes Foto eines 28-mm-Objektivs nicht der Perspektive eines richtigen 75-mm-Objektivs entspricht und dabei viel Auflösung verloren geht.

Tatsächlich, muss man sich bei 75 mm mit nur noch 6,6 Megapixeln begnügen. Und ja, man könnte auch im Nachhinein im Bildbearbeitungsprogramm den gewünschten Ausschnitt wählen. Aber wer sich solche Überlegungen macht, dürfte sowieso mit einer Spiegelreflex oder einer spiegellosen Systemkamera glücklicher sein.

Wer hingegen ein Flair für Einfachheit hat, wird an der Leica Q2 im Alltag sehr viel Freude haben. Die Bedienung ist so einfach wie elegant. Man hat bei jeder Taste und jedem Menü den Eindruck, hier hat sich jemand nicht einmal, nicht zweimal, sondern fünfmal Gedanken gemacht, wie man die Funktion vereinfachen könnte und ob es sie auch wirklich braucht.

Schöne Farben

Genauso, wie man sich beim Fotografieren freut, dass einem keine Menüs oder Einstellungen im Weg sind, freut man sich anschliessend, wenn man die Fotos anschaut.

Selbst bin ich mit reichlich Verzögerung bei meiner Sony doch auf den Geschmack gekommen und bearbeite die Fotos teils aufwendig in Lightroom nach. Bei der Leica Q2 hatte ich nicht einmal das Bedürfnis, etwas nachzubessern. Selbst Fotos von abgestorbenen Zimmerpflanzen sehen wunderschön aus.

Gerade was das angeht, sei Skeptikern dringend empfohlen, mal eine Leica zu mieten. Die Farben muss man selber gesehen haben. Bei der Leica Q2 hätte ich keine Skrupel, die bei Nachbearbeitungsprofis beliebte Raw-Option zu deaktivieren nur noch in JPGs zu fotografieren (Raw kurz erklärt).

Speicherkarte voll!

Während einer Woche hatte ich die Leica Q2 täglich dabei. An Familienanlässen, auf Wanderungen, im Museum – oder um auf der Redaktion Produktfotos zu machen. Ja, aus Jux verglich ich die Kamera sogar mit der Leica-Kamera eines Huawei-Handys (siehe Bildstrecke).

In keiner Situation enttäuschte die Kamera. Dank einer Makro-Option eignet sie sich für alle erdenklichen Situationen. Im Regen konnte ich sie allerdings nie auf ihre Wetterfestigkeit testen. Dafür hielt der neue Akku mehr als gut genug mit. Es passierte mir sogar zum ersten Mal seit Jahren, dass ich eine SD-Karte komplett füllte und auf einer Wanderung hastig wieder ein paar Fotos löschen musste, um Platz zu schaffen.

Nicht besonders schnell

Im Alltag gab es nur zwei Sachen zu bemängeln. Gerade wenn man RAW und JPG aktiviert hat, ist die Kamera nicht besonders schnell. Da kann es schon mal passieren, dass man ein Kinderfoto verpasst, da die Kamera noch am Speichern ist. Auch nicht besonders hilfreich ist der matte Bildschirm auf der Rückseite. Bei Sonnenlicht ist er nur schwer einsehbar.

Mit diesen Mängeln könnte ich mich im Alltag aber problemlos arrangieren. Der Grund, warum ich nach dem Test nicht versucht bin, meine Sony-Ausrüstung zu verkaufen und auf eine Q2 zu sparen, ist ein anderer: Das 28-mm-Objektiv ist mir zu weitwinklig.

In meiner Woche mit der Leica Q2 hatte ich die Kamera fast immer auf 50 mm oder gelegentlich 35 mm eingestellt. Die volle Auflösung des Sensors nutzte ich viel zu selten.

Eine Leica Q mit einem 50-mm-Objektiv wäre meine Traumkamera. Die grosse Mehrheit der Käuferinnen und Käufer dürfte dagegen die weitwinkligen 28 mm viel mehr schätzen und häufiger nutzen. Nicht umsonst hat bei fast jedem Handy die Hauptkamera eine ähnliche Brennweite.

Fazit:Wer viel Freude am Fotografieren und das nötige Budget hat, wird an der Q2 sehr viel Freude haben. Aber klar, über 5000 Franken für eine Kamera sind sehr viel Geld. Doch wenn man bedenkt, dass man dafür ein komplettes Paket bekommt, das auch in zehn Jahren noch sehr schöne Fotos schiessen wird, wird der hohe Preis immerhin etwas relativiert.

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