Googles zweigleisige Tablet-Strategie

Was ist besser auf einem Tablet – Android oder Chrome OS? Zwei neue Geräte zeigen unterschiedliche Ansätze und ihr Potenzial.

  • loading indicator
Rafael Zeier@RafaelZeier

Bei Smartphones hat Google mit Android den Marktführer im eignen Haus. Bei Laptops mischt der Konzern mit den günstigen Chromebooks die Konkurrenz auf. Apple und Microsoft haben beide reagiert und günstigere Geräte, die teilweise auch speziell auf den Bildungsmarkt zugeschnitten sind, vorgestellt. Apple setzt auf iPads und Microsoft auf das neue Surface Go und günstigere Laptops der Windows-Partner.

In einem Bereich ist Googles-Softwarestrategie aber nicht so klar ersichtlich: Bei den Tablets wird es kompliziert. Hier hat Google nämlich mit Android und Chrome OS gleich zwei Betriebssysteme im Einsatz und mit dem in Arbeit befindlichen Fuchsia vielleicht sogar bald ein drittes (So sieht Googles neues Betriebssystem aus).

Das Ende 2015 vorgestellte und inzwischen eingestellte Pixel-Tablet hätte ursprünglich mit Chrome OS ausgestattet werden sollen. Wurde dann aber doch mit Android ausgeliefert. Im Test schrieben wir damals:«Für Googles erstes eigenes Tablet gibt es Hardware-Bestnoten: schön, praktisch und stabil. Abzug gibt es für die Software. Auf dem Telefon ist Android mindestens das zweitbeste Betriebssystem. Auf dem Tablet hinkt es bei der Produktivität hinter Windows 10 und beim Komfort hinter iOS her. Hier muss Google nachbessern. Mit dem Verschmelzen von Android und Chrome OS könnte das schon bald passieren. Das Pixel C wäre das ideale Gerät dafür.»

Kein neues Google-Tablet

Zweieinhalb Jahre später sind die Betriebssysteme zwar immer noch nicht verschmolzen aber dafür gibt es gleich zwei spannende neue Angebote von Huawei und Acer, die zeigen, was aktuell auf einem Tablet mit Android und Chrome OS möglich ist.

Für Huawei dürfte das Jahr 2018 schon jetzt als Erfolg in die Geschichtsbücher eingehen. Mit dem P20 hat der chinesische Konzern eines der aktuell besten Handys im Angebot und verkauft auch reichlich davon. Auch im Laptopgeschäft hat der Konzern Fuss gefasst und für seine neusten Laptops in Tests Bestnoten bekommen. In ersten Fall profitiert Huawei von Googles Android, im zweiten von Microsofts Windows 10. Bei den neuen M5 Tablets (ab 340 Franken) setzt Huawei auf Android.

Beim Test der handlichen Variante mit einem 8,4-Zoll Bildschirm schlug sich Googles Software besser als in den Jahren zuvor. Viele Apps sind inzwischen immerhin ein bisschen für die grösseren Tablet-Bildschirme optimiert und auch sonst macht Android 8 den Eindruck, als hätten es die Entwickler auch gelegentlich auf einem Tablet ausprobiert.

Aber – und daran hat sich auch nichts geändert – auf dem Tablet hinkt Android gerade beim Bedienkomfort und der App-Auswahl weiter deutlich hinter iOS und dem iPad her. Wo das neue Huawei-Tablet auftrumpft, ist bei der Hardware. Das hochwertige Metall-Glas-Design mit den runden Kanten sieht gut aus und liegt noch besser in der Hand. Der Bildschirm gefällt, die Lautsprecher klingen überdurchschnittlich gut und der Akku hält bei gelegentlicher Anwendung mehrere Tage, wenn nicht gar eine Woche. Kritisieren kann man einzig, dass das Tablet keinen Kopfhöreranschluss mehr hat. Aber immerhin liegt ein Adapter bei.

Wer gerne Musik hört, Filme schaut, im Netz surft und gelegentlich mal ein E-Mail schreibt, kann mit dem neuen Huawei-Tablet nichts falsch machen. Wer hingegen mit dem Tablet auch arbeiten möchte, ist mit einem iPad (ab 360 Franken) oder einem Windows-Tablet besser beraten.

Chrome statt Android

An genau dieser Stelle kommt nun das neue Acer Tab 10 (400 Franken) ins Spiel. Es ist das erste Tablet, das nicht mit Android, sondern mit Chrome OS läuft. In den USA richtet es sich an den Bildungsmarkt. Hierzulande findet man es bei den grossen Onlinehändlern im normalen Sortiment.

Dass es für Schulen gedacht ist, sieht man dem 10-Zoll-Tablet auf den ersten Blick an. Das Glas-Plastik-Design wirkt nicht besonders elegant, dafür stabil. Etwas Übung braucht man, bis man den Power-Knopf und die Lautstärkeregler findet. Hält man das Tablet im Querformat, sind sie mal oben und mal unten. Auch den im Gerät versenkbaren Stift findet man selten auf Anhieb. Ansonsten ist die Hardware wenig spektakulär. Viel spannender ist da die Software. Wie wird sich das für Laptops entwickelte Chrome OS auf einem Tablet schlagen?

Wo ist das «@»?

Die erste Komplikation lässt nicht lange auf sich warten, schon beim Einrichten gibts Schwierigkeiten. Wo ist das «@»? Eine Tastatur hat das Tablet ja nicht und auf der Bildschirmtastatur gibt es keine Taste für Sonderzeichen. Schliesslich die Rettung: Man muss wie auf einer Laptop-Tastatur «alt gr» drücken und schon erscheint das gesuchte Zeichen. Auch in der Folge hält sich das Tablet mehrfach für ein Notebook. Die Software gratuliert einem gleich zu Beginn mit dem Bild eines Laptops zum Kauf eines Chromebooks.

Sind diese ersten Hürden einmal genommen, fühlt man sich schnell zu Hause. Die Software wirkt wie eine Mischung aus Android und Windows. Dank dem Playstore kann man nun ohne Probleme Android-Apps installieren. Vorbei sind die Zeiten, wo auf Chromebooks alles im Browser gemacht werden musste.

So gesehen ist das Tab 10 das erste Google-Tablet, das sich nicht wie ein zu gross geratenes Telefon anfühlt. Weniger gelungen sind die Eingabemethoden. Der mitgelieferte Stift tut seinen Zweck. Mehr aber nicht. Verglichen mit Stiften für andere Tablets ist er deutlich langsamer. Wenn man schnell schreibt, dauert es immer ein paar Mikrosekunden, wenn nicht gar eine Sekunde, bis die Schrift erscheint. Auch bei der Bildschirmtastatur gibt es ähnliche Probleme. Sie reagiert insgesamt ziemlich langsam. Zum Glück kann man das Tablet per Bluetooth mit einer externen Tastatur verbinden.

Nicht so komfortabel wie iOS

Interessantes Detail: In der Meine-Geräte-Ansicht von Google wird das neue Tablet nicht als Acer Tab 10 sondern als Google Scarlet ausgewiesen. Ein Hinweis, wie eng die beiden Unternehmen an dem Gerät zusammengearbeitet haben?

Insgesamt merkt man dem Tab 10 an, dass es das erste seiner Art ist. Viele Kinderkrankheiten wird Google per Software aber noch ausbessern können. Empfehlenswert ist es daher nur für experimentierfreudige Nutzer, die genau wissen, worauf sie sich einlassen. Gelegenheitsnutzer sind aktuell mit einem Android-Tablet oder einem iPad besser bedient.

Trotzdem ist das Potenzial von Chrome OS mit Android-Apps auf einem Tablet offensichtlich. In Sachen Komfort reicht es zwar nicht an das günstigere iPad heran, aber in vielen Bereichen macht die Kombination schon jetzt Windows 10 Konkurrenz. Aber klar: Absolute Profi-Programme sollte man auch in absehbarer Zeit nicht darauf erwarten.

Unklar ist auch weiterhin, auf welche Strategie Google längerfristig setzt. Sind das am Ende alles nur Notlösungen, bis mit Fuchsia das nächste Betriebssystem des Konzerns fertig ist? Solange sich Google nicht eindeutig entscheidet, werden es Hersteller wie Huawei, Acer oder Samsung schwer haben, Alternativen zu Apples iPad zu entwickeln.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt