Der Kampf um Ideen geht erst richtig los

Analyse

Noch vor einem Jahrzehnt konnte die Software von Mobiltelefonen noch fast nichts. Heute verwandelt sie Telefone in Smartphones – und macht damit dem altgedienten PC Konkurrenz.

Apples Entwicklungschef Craig Federighi zeigt iOS 7.

Apples Entwicklungschef Craig Federighi zeigt iOS 7.

(Bild: Keystone Marico Jose Sanchez)

Rafael Zeier@RafaelZeier

Wo bleiben die Quantensprünge? Diese Frage wiederholt sich bei der Vorstellung praktisch jedes neuen Mobiltelefons. Tatsächlich sind die grossen Hardware-Überraschungen in den letzten Jahren ausgeblieben. Das dominante ­Design scheint gefunden: ein grosser Bildschirm und möglichst wenig Knöpfe. Prozessoren, Kameras und Sensoren werden immer ein bisschen besser, und die Akkus bleiben schwach. Daran dürfte sich so bald nichts ändern. Auch der neue Fingerabdruckleser von Apple dient vorerst vor allem dem Komfort und ändert die Funktion eines Mobiltelefons nicht grundlegend.

Während bei der Hardware die grossen Innovationen ausbleiben, geht es bei der Software erst so richtig los. Apple und Google schaukeln sich mit ihren Betriebssystemen iOS und Android seit Jahren in immer neue Höhen. Hat der eine Anbieter eine neue Funktion, taucht sie früher oder später beim anderen auf. Das freut die Nutzer – und gelegentlich die Patentanwälte.

Doppelpass an die Spitze

Als Apple und Google 2007 ihre Betriebssysteme für Mobiltelefone vorstellten, dominierten Symbian (Nokia), Windows Mobile (Microsoft) und Blackberry den Markt. Dem Doppelpassspiel der Neulinge hatten die Marktführer ausser Spott nichts entgegenzusetzen. Ihnen blieb nur die Rolle der Statisten.

Die wahre Ambition der neuen Betriebssysteme wurde erst deutlich, als die damaligen Konkurrenten in die Peripherie verdrängt waren. iOS und Android machten nun aus Telefonen Computer für die Hosentasche und aus Tablets Computer für das Sofa. Was ganz unten gestartet war, machte plötzlich ausgewachsenen PCs Konkurrenz. Dass die handlichen Touchscreen-Computer im Massenmarkt angekommen sind, sieht man inzwischen in jedem Tram.

Systembedingte Mängel

Trotzdem haben beide Software-­Varianten systembedingte Mängel: Android setzt mit seinem offenen Ansatz auf Geräte von verschiedenen Herstellern. Dadurch wird das Angebot unübersichtlich, und nicht jede App läuft auf jedem Gerät. iOS bietet mit seinem geschlossenen Ansatz weniger Wahlmöglichkeiten und Flexibilität. Waren diese Unterschiede zu Beginn noch einschneidend, rücken sie zusehends in den Hintergrund, während sich die beiden Systeme stetig annähern.

Solange Apple und Google sich weiter zu neuen Ideen anstacheln, fleissig innovative kleine Firmen aufkaufen und ihr Entwicklernetzwerk pflegen, dürfte es selbst für gut positionierte Konkurrenten wie Microsoft schwierig werden, diesen Zweikampf zu einem Dreikampf zu machen. Auch wenn die Zeit der grossen Hardware-Innovationen vorerst vorbei zu sein scheint, darf man auf die nächsten Software-Innovationen gespannt sein. Das Potenzial der heutigen Mobiltelefone mit all ihren Sensoren ist längst noch nicht ausgeschöpft. Und wenn man nicht mehr alle zwei Jahre ein neues Gerät kaufen muss – umso besser.

Tages-Anzeiger

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