Wenn Onlinevideos zur Hypothek werden

Videoflut im Internet: Aktivisten fordern, dass sich Personen künftig besser anonymisieren lassen. Welche Möglichkeiten es gibt.

Video als Datenschutzproblem: Mann im Sucher einer Videokamera.

Video als Datenschutzproblem: Mann im Sucher einer Videokamera.

(Bild: Reuters Leonhard Foeger)

Jan Rothenberger@janro

Mit einer kürzlich vorgestellten neuen Funktion will Youtube dabei helfen, die Identität von Personen in Videos zu schützen. Die Funktion erlaubt, unter anderem Gesichter oder Nummernschilder in Videos zu verpixeln und so unkenntlich zu machen. Youtube sieht das Werkzeug als Möglichkeit für Nutzer, die Privatsphäre gefilmter Personen zu gewährleisten.

Geschätzte 400 Stunden Videomaterial werden jede Minute auf Youtube hochgeladen. Auf Facebook laden Nutzer täglich rund 300 Millionen Fotos und eine laufend steigende Menge an Videos hoch, acht Milliarden Videoviews verzeichnet die Plattform täglich. Diese enorme Menge an Daten entzieht sich längst einer menschlichen Kontrolle. Gleichzeitig zeigen die Funktionen, die Webdienste anbieten, wie effizient maschinelle Gesichtserkennung schon jetzt funktioniert. So erlauben Fotoapps längst, Personen automatisch mit Namen zu markieren, und sie erkennen zuverlässig Gesichter. Dereinst könnte eine Suchmaschine deshalb auch per Namen Videos finden, in denen eine Person zu sehen ist – ohne dass der Gefilmte dies beeinflussen könnte. Wenn X etwa an einer Demonstration mitmarschiert, müsste er damit rechnen, später auf einer Aufnahme der Veranstaltung per Websuche gefunden werden zu können.

Gesucht: Ein digitaler Radiergummi

Angesichts der Bilderflut im Netz fordert Medienaktivist Sam Gregory von der Organisation Witness besseren Privatsphäreschutz. Er plädiert dafür, dass auch andere Dienste wie Facebook, Snapchat oder Twitter Anonymisierungfunktionen für Bild und Video anbieten.

Mit dem Recht auf Vergessenwerden will die EU personenbezogene Daten schützen. Dahinter steht die Idee eines digitalen Radiergummis, um den gläsernen Bürger zu verhindern. Kann bessere Anonymisierung etwas Ähnliches für Video bieten?

Anwalt und Digitalrechtler Martin Steiger warnt vor zu hohen Erwartungen. Hinter Initiativen wie Youtubes neuem Privatsphärewerkzeug sieht er auch PR-Motive. Die Veränderungen durch die Digitalisierung seien gleichzeitig zu tiefgreifend, um ihnen mit Verboten beizukommen. «Wir erleben einen Kontrollverlust», so Steiger. Und dies nicht nur im Bereich von Onlinevideo. Die Illusion einer informationellen Selbstbestimmung sei geplatzt, da helfe alles Nachbessern nichts mehr.

Den Deal offenlegen

Er plädiert deshalb für eine risikobasierte Regulierung: Der Schaden, der hierzulande für Personen entstehe, wenn sie im Netz mit Bild auffindbar werden, sei zumeist gering. Darum sei eine Verbotspolitik verfehlt. Stattdessen solle man dort ansetzen, wo echte Missbrauchsrisiken bestünden. Zum Beispiel: «Aktivisten und politisch aktive Personen verdienen besonderen Schutz.» Hier seien die Konzerne gefordert, von sich aus gefährdete Personen besser zu schützen. Strenge Vorschriften brauche es beispielsweise auch, wenn über digitale Videoanalyse diskriminiert werde.

Für die Durchschnittsnutzer wünscht sich Steiger mehr Transparenz. Wie ihre Daten ausgewertet würden, müssten Nutzer wissen, bevor sie diese einem Dienst anvertrauten, denn «das Geschirr ist schon zerschlagen im Moment, wo man Bild- oder Videomaterial hochgeladen hat». Kostenlose Webdienste funktionieren nach dem Prinzip «Daten gegen Leistung»: Der Nutzer gibt Daten von sich Preis, die ein Webdienst beispielsweise mit Werbung zu Geld macht. Von Youtube bis Facebook: Dieses Prinzip akzeptierten die Nutzer heute weitgehend, so Steiger. Unternehmen seien aber zu wenig transparent, was dieser Deal alles umfasst. «Welche Leistungen der Nutzer für welche Daten erhält, müssen die Unternehmen deutlicher sagen.»

DerBund.ch/Newsnet

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