«Sie sind Schmarotzer, sie sind gefährlich, gemeingefährlich»

Ein deutscher Chefredaktor warnt mit eindringlichen Worten vor Google und Facebook. Die Verleger hätten sich von der Entwicklung im Internet überrollen lassen.

«Sie sind da, und sie sind mächtig»: Der Eingang zum Facebook-Headquarter in Kalifornien.

«Sie sind da, und sie sind mächtig»: Der Eingang zum Facebook-Headquarter in Kalifornien.

Der Chefredaktor der «Thüringer Allgemeinen», Paul-Josef Raue kritisiert Google und Facebook mit harten Worten: «Sie sind Schmarotzer, sie sind gefährlich, gemeingefährlich, aber sie sind da, und sie sind mächtig. Wir sollten sie nutzen, benutzen, aber nicht mehr», sagte er in einem Interview in Erfurt.

Die Verlagsbranche habe sich von der Entwicklung im Internet überrollen lassen. «Hätten sich die grossen Verlage, vor allem in den USA, wo alles begann, dieselben Gedanken gemacht wie Steve Jobs und Mark Zuckerberg, wären diese gigantischen, die Freiheit bedrohenden Netze unter Kontrolle von Journalisten und weisen Verlegern», sagte Raue.

Zugleich warnte Raue seine Branche vor zu grossem Pessimismus. «Wir sind Opfer unserer Lust auf Untergang, Tragödie und Katastrophe», beklagte der Chefredaktor. Es gebe allen Grund, selbstbewusst zu sein. Ohne seriösen Journalismus drohe die Demokratie ins Wanken zu geraten. «Wir fahren nicht auf der Titanic», betonte Raue angesichts der in der Zeitungsbranche weit verbreiteten Zukunftsangst.

«...dann ginge es uns besser»

Allerdings veränderten sich die Rahmenbedingungen, unter denen künftig Zeitungen produziert werden. «Was uns Sorgen macht, ist das Geschäftsmodell. Der Zeitungsmarkt wird ein reiner Lesermarkt, das heisst: Die Leser müssen immer mehr für unabhängigen Journalismus bezahlen.» Auf die Anzeigenerlöse sei kein Verlass mehr.

Die Branche habe die Veränderungen in der Medienlandschaft verschlafen. «Wenn wir immer besonnen gearbeitet hätten, ginge es uns zurzeit besser», sagte Raue. Viele Redaktionen hätten hochmütig agiert und die Leser nicht mehr ernst genommen. «Die Auflagen rutschten schon, als nur wenige das Internet kannten und noch weniger nutzten», erinnert der Chefredakteur und Fachbuchautor.

rek/dapd

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