Mann ohne friends

Der Onlinedienst Twitter und dessen Chef Jack Dorsey versuchen krampfhaft, den Mainstream zu erobern – gibt es einen Weg, so beliebt wie Facebook zu werden?

Verzweifelter Versuch, populär zu werden: Twitter-Chef Jack Dorsey in der Firmenzentrale in San Francisco.

Verzweifelter Versuch, populär zu werden: Twitter-Chef Jack Dorsey in der Firmenzentrale in San Francisco.

(Bild: Marc Jansen)

Jan Rothenberger@janro

Auf der Suche nach mehr Einsteigerfreundlichkeit durchläuft Twitter gerade seinen grössten Umbau seit dem Start 2006: den Wechsel vom ungefilterten Stimmengewirr zum Facebook-Buffet. Bislang bügelte kein Algorithmus die Beitragsauswahl aus, die die Nutzer sahen. Nun ändert sich das: Twitter zeigt auf Wunsch ein Best-of der letzten paar Stunden an.

Dahinter steht der verzweifelte Versuch, populärer zu werden. Dem Lieblingsdienst von Journalisten, Politikern und Nerds fehlt die Gunst der Durchschnittsnutzer. Sind Ihre Eltern auf Facebook? Die Chancen stehen gut. Und auf Twitter? Wohl kaum. Wenn Sie beide Onlinedienste nutzen, verbringen Sie vermutlich auch mehr Zeit auf Facebook. Was man in seinem Umfeld beobachten kann, zeigen auch die Geschäftszahlen der beiden Unternehmen. Nach den gestern veröffentlichten Geschäftszahlen knickte Twitters Börsenkurs prompt nach unten.

Twitter hat ein Problem: Es taugt nicht zum Mainstream. Das kommt nicht von ungefähr: Einem digitalen Neuankömmling den Nutzen von Twitter zu erklären, bleibt schwierig. Das ist Gift für das Wachstum, das Unternehmen und Investoren gerne sähen. Und es ist kein Wunder – hier teilt man Bissigkeiten aus, versucht sich an Aphorismen und verbreitet gern maliziös Fehltritte anderer. Twitter ist eine Mischung aus Presseschau, Debattierclub und der grössten Chat-History der Welt.

Buffet statt Chaos

Nun zeigt der Dienst also vermehrt Ausgewähltes an. Ist das noch das Twitter, das wir kennen? Auch wenn zahlreiche Nutzer die #RIPTwitter-Keule schwangen: Beim Test zeigt sich, dass der Wechsel nicht entscheidend ist. Auf Wunsch bleibt alles beim Alten, und die neue Funktion ist vor allem ein Ausbau der altbekannten «Highlights». Entscheidender ist, wie Twitterchef Jack Dorsey und seine Mitarbeiter Twitter längerfristig weiterentwickeln wollen. Es sind turbulente Zeiten bei dem Unternehmen (TA vom 27. Januar). Inmitten der jüngsten Umbauten haben mehrere Kaderleute den Dienst verlassen. Mit den Diskussionen um 10’000-Zeichen-Tweets und der gefilterten Timeline hat Twitter bei den wenigsten Nutzern gepunktet.

Der immer wieder gehörte Vergleich mit Facebook schadet Twitter. Eingeklemmt zwischen Wachstumszwang, Nischenangebot und der Suche nach Werbeerträgen hat die Nummer zwei im Markt ein Zielproblem. Und zeigt sich dabei so verunsichert, dass der Dienst an seine bekanntesten Markenzeichen rührt. Farhad Manjoo bringt in der «New York Times» die Angst vieler Nutzer auf den Punkt: «Sie sehen, wie ihre Lieblingsband krampfhaft versucht, wie U2 zu werden. Und sie hassen U2.»

Freunde spielen keine Rolle

Auch wenn einiges für ein Modell à la Facebook sprechen mag, der einfachste mögliche Vergleich zeigt, wie weit beide Dienste voneinander entfernt sind: Facebook fühlt sich nach Freizeit an, Twitter nach Arbeit. Trotz Memes, viel Humorigem und dem einen oder anderen Selfie: Auf Twitter regiert nicht der Freundeskreis, sondern das Netzwerk, nicht das Bild, sondern der Link. Und trotz dem jüngsten Umbau der Favoriten zu Herzchen – selbsterklärende «Likes» sind nicht Twitters Währung. Und nicht zuletzt ist Twitter mondän, Facebook nicht: Egal wie gross oder klein die eigene «Followerschaft» ist, man twittert trotzdem mit dem ganzen Netz als theoretischem Publikum.

Twitter braucht andere Vergleiche als den mit Facebook. Zum Beispiel mit Onlinediensten, auf denen wenige Nutzer sich zu einem interessanten Kollektiv zusammenfinden. Man denke etwa an die Blogplattform Medium, den Frage-und-Antwort-Dienst Quora, das Onlineforum Reddit oder die Musikcommunity Soundcloud. Twitter wirkt neben ihnen wie ein Koloss – und hat 300 Millionen aktive Nutzer. Aus der Nische müsste sich doch etwas machen lassen.

DerBund.ch/Newsnet

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