Lässt sich das Web noch retten?

Die Dominanz von Google, Facebook und Amazon schade dem freien Netz, findet der Erfinder des World Wide Web. Tim Berners-Lee hat eine Idee und die passende Software, um dies zu korrigieren.

Er bangt um seine Erfindung: Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee, der 1989 am Cern das World Wide Web erfunden hat.

Er bangt um seine Erfindung: Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee, der 1989 am Cern das World Wide Web erfunden hat. Bild: Simon Dawson/Reuters

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Hinter dem Web steht keine grossartige technische Vision, sondern eine menschliche Schwäche. Der Mann, der ein gigantisches elektronisches Gehirn für die Welt erschaffen hat, besitzt zwar selbst ein beeindruckendes Denkorgan. Doch das ist, wie das «Time»-Magazin schon 2001 beschrieben hat, mängelbehaftet: Tim Berners-Lee kann sich zufällige Dinge nicht merken, weder Namen noch Gesichter. Der Mitarbeiter des Cern hat sich deshalb 1989 eine Methode ausgedacht, wie Informationen leichter zugänglich gemacht und verknüpft werden können. Daraus ist das World Wide Web entstanden: Eine globale Informationssammlung, die auf dem Internet aufsetzt und Milliarden von Einzelseiten über Hyperlinks verbindet. Auch den Webbrowser und -server – die Programme, die die Inhalte anzeigen und ausliefern –, hat Berners-Lee erfunden.

Dieser Tage setzt Tim Berners-Lee dazu an, das Web ein zweites Mal zu erfinden. Oder, um genau zu sein, so zu verändern, dass es zu seinen alten Stärken zurückfindet. Denn der Vater des Internets ist unglücklich darüber, wie sich das Web entwickelt hat. Er habe immer geglaubt, dass das Web für alle da sei. Doch «wir haben das Gefühl verloren, dass das Web jeden einzelnen von uns zu Grossem befähigt», sagte er letzte Woche der Nachrichtenagentur Reuters. Und auch der Optimismus sei abhandengekommen.

Nicht nur das. «Das Web ist zu einer Maschine geworden, die Ungleichheit herstellt und spaltet, angetrieben von Kräften, die es für ihre eigenen Zwecke verwenden», kritisiert der Physiker und Informatiker, der 2004 von der britischen Königin für seine Verdienste geadelt worden ist. Berners-Lee hielt mit seiner Kritik nie hinter dem Berg. Er hat der US-Telekommunikationsbehörde FCC vorgeworfen, sie verstehe nicht, wie das Internet funktioniere, als die Ende letzten Jahres daran gegangen war, die Netzneutralität zu beerdigen – die festgeschriebene Gleichbehandlung aller Inhalte im Netz.

Spaltmaschine und Waffe

Doch das war nicht der einzige offene Brief von Tim Berners-Lee. Schon zum 29. Geburtstag des Web im März 2018 hatte er dramatische Worte gewählt: «Das Web wird im grossen Stil in eine Waffe verwandelt mit Verschwörungstheorien, die soziale Netzwerke beherrschen, falschen Twitter- und Facebook-Konten, die soziale Unruhen schüren, fremden Akteuren, die sich in demokratische Wahlen einmischen, und Dieben, die persönliche Daten stehlen.» Nebst der Propaganda und den Fake News sind ihm die grossen US-Techkonzerne ein Dorn im Auge. Sie hätten mehr finanziellen und kulturellen Einfluss als die meisten souveränen Staaten. Bei Google und Facebook könne er sich darum sogar eine Zerschlagung vorstellen, hat er im Interview mit Reuters gesagt. Doch bevor die Konzerne aufgeteilt werden, müsse man sehen, ob sich der Markt nicht in eine andere Richtung entwickle.

Das Web der Anfangszeit, ein dezentrales Informationsgefäss, ist in der Tat verschwunden. Ein Blogger hat 2017 den Begriff des Trinets geprägt, weil drei Grosse das Web dominieren.

Da ist erstens Google: Anwendungen von Googles Mutterkonzern Alphabet sind in manchen Weltregionen inzwischen für fast die Hälfte aller Internetverbindungen zuständig. Das zeigt der neue «Internet Phenomena Report» (als PDF) des kalifornischen Netzwerkausrüsters Sandvine eindrücklich: Im asiatisch pazifischen Raum werden 40 Prozent aller Datenpakete mit Alphabet ausgetauscht.

Facebook ist das Web

Da ist zweitens Facebook: Die soziale Plattform wird in manchen Regionen inzwischen für «das Internet» gehalten: In Indonesien waren Forscher 2015 auf die bemerkenswerte Feststellung gestossen, dass mehr Leute sich dazu bekannten, Facebook zu benutzen, als Nutzer des Internets zu sein. Ähnliche Erkenntnisse gibt es auch für afrikanische Staaten. Das lässt sich nur so erklären, dass Facebook nicht als Teil des Internets wahrgenommen wird und für viele das freie und offene Netz komplett ersetzt. Das hat Mark Zuckerberg geschafft, indem er 2013 Internet.org ins Leben rief. Die Organisation hat das Ziel, die internetmässig bislang unterversorgten Regionen der Welt online zu bringen. Der Zugang erfolgt via Mobilfunknetz und ist kostenlos. Allerdings ist gratis nicht das ganze Netz erreichbar, sondern nur ein Teil. Zuckerberg hat die Kriterien für den Zugang gelockert, dennoch steht die Initiative als pseudophilantropisch in der Kritik. Das dürfte ihn wenig betrüben: Was die Vormachtstellung angeht, ist sein Plan aufgegangen.

«Wenn Amazon hustet ...»

Und da ist drittens Amazon: «Kontrolliert Amazon das Internet, oder fühlt es sich bloss so an?» fragte eine Kolumnistin von «USA Today» letztes Jahr, als während eines Ausfalls der Amazon Web Services Zehntausende von Websites nicht erreichbar waren. Der Internethändler hat gemäss einer Studie von Marktforschern mehr als 40 Prozent Marktanteil bei den Clouddiensten. Auf Platz zwei findet sich Microsoft, das mit seiner Azure-Plattform aufgeholt hat und inzwischen einen Anteil von 29,4 Prozent hat. Microsoft konnte das Wachstum von Jeff Bezos’ Unternehmen etwas bremsen. Doch das ändere nichts daran, dass das «Internet Schnupfen bekommt, wenn Amazon niest», wie es «USA Today» formulierte.

So war das Netz ursprünglich nicht gedacht. Darum hat Tim Berners-Lee am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Open-Source-Projekt Solid gestartet. Mit dem dazugehörenden Unternehmen Inrupt soll das Web redezentralisiert werden, sprich wieder in kleinere Einheiten zerfallen. Das funktioniert so, dass jeder Benutzer seine Daten in einen persönlichen Daten-Safe packt. Diesen POD (Personal Online Data Store) bringt man auf einem eigenen Server oder bei einem Dienstleister seines Vertrauens unter. Es ist auch möglich, mehrere PODs, zum Beispiel für berufliche und private Zwecke, zu unterhalten.

Nebst Kalender, Dokumenten, Notizen, Chats und ähnlichen Dingen stecken auch Social-Media-Daten wie Postings, Kommentare und Likes im POD. Jeder Nutzer entscheidet selbst, welchen Anwendungen im Netz und auf den persönlichen Geräten er Zugriff auf diese Daten gewährt. Solid soll dem Nutzer den Komfort einer Cloud-Anwendung gewähren, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass er nichts aus der Hand gibt. Er kann den Zugriff jederzeit beschränken und Berechtigungen zurückziehen.

Schon öfters gescheitert

Das klingt vielversprechend – obwohl Kritiker monieren, dass schon diverse dezentralisierte Social-Media-Plattformen gescheitert sind, etwa 2010 Diaspora, trotz positivem Medienecho. Derzeit versucht sich Mastodon.social als dezentrale Alternative zu Twitter. Dabei entpuppt sich gerade die dezentrale Datenhaltung als Fehlerquelle.

Trotzdem: Wenn es einem gelingen kann, die alten Stärken des Web zurückzubringen, dann ist es Tim Berners-Lee. Der Vater des Web hat am Montag eine «Magna Carta fürs Web» angekündigt: einen Vertrag, der in Gänze im Mai 2019 veröffentlicht werden soll und Regierungen und Unternehmen verpflichtet , das Netz mit seinen alten Stärken wiederauferstehen zu lassen. Falls das verfängt, stehen auch die Chancen für das dezentrale Web gut. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.11.2018, 09:45 Uhr

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