Googles fragwürdige Suchresultate

Ein Selbstversuch zeigt: Vorschläge der Suchmaschine sind oft tendenziös, rassistisch oder sexistisch.

Beeinflusst aktiv unsere Suche: Google.

Beeinflusst aktiv unsere Suche: Google. Bild: Jens Meyer/Keystone

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Ein Artikel des «Guardian» geht derzeit viral: Eine Journalistin der englischen Zeitung hat ausprobiert, welche Empfehlungen Google ausspuckt, wenn sie bestimmte Begriffe eingibt – und ist zu schockierenden Ergebnissen gekommen. «Are Muslims» hat sie beispielsweise eingetippt und von Google automatisch den Vorschlag «Are Muslims bad?» bekommen. Daraufgeklickt vermittelte ihr die Mehrheit der aufgerufenen Links: Ja, Angehörige islamischen Glaubens sind tatsächlich böse.

War das Zufall? Oder kommen bei gleichen Wörtern immer solche oder ähnliche Resultate heraus? Antworten soll ein Selbstversuch liefern. Ich rufe Google auf und gebe im Suchfeld «Muslime sind» ein. Automatisch erhalte ich drei Vorschläge, wie meine Aussage ergänzt werden könnte: wahlweise mit «Idioten», «dumm» oder «gefährlich».

Ich entscheide mich für den Vorschlag «Muslime sind gefährlich». Sechs der zehn Internetseiten, auf die auf der ersten Suchseite verlinkt wird, schätzen diese Aussage als richtig ein. Bereits an zweiter Stelle erscheint der deutsche «Democratic Post», der ganz offensichtlich islamfeindlich eingestellt ist. Er spricht von einer «Unterwanderung westlicher Gesellschaften durch islamische Kräfte» oder davon, dass «die Geburtenrate Europa in ein Kalifat umwandeln soll». Der Islam sei keine Religion, sondern eine Staatsform und antidemokratisch.

Die Website an sechster Stelle spricht zwar vom Islam als einer Religion, aber einer «objektiv gefährlichen». Sie warnt vor einer «schleichenden Islamisierung Europas». Gemäss dem nächsten Google-Link will der Islam keinen Frieden, sondern die Unterwerfung. So geht es weiter, und wer alle vorgeschlagenen Artikel durchliest, erhält unweigerlich den Eindruck, dass alle Muslime gefährlich sein müssen.

Erschreckend sind auch die Vorschläge, die mir Google liefert, wenn ich «Hitler war» eingebe. Ich kann mich unter anderem zwischen der Verschwörungstheorie «Hitler war Jude» und der nicht minder fragwürdigen Aussage «Hitler war ein Held» entscheiden. Klicke ich auf Letzteres, vermittelt mir die erste Seite, wie schlimm es sei, dass die «kulturellen Wurzeln der arischen Deutschen» zerstört würden. Ein anderer Link führt zur Frage, was passiert wäre, wenn Hitler 1938 verschwunden wäre. «Wir können davon ausgehen, Hitler wäre als Held gefeiert worden, als jemand, der Deutschland aus dem wirtschaftlichen Chaos herausgeführt und einer Nation wieder Selbstbewusstsein gegeben hat», steht da.

Doch Google liefert nicht nur bei religiösen und geschichtlichen Themen kontroverse Vorschläge. Auch bei gesellschaftlichen Fragen wird man als Suchender auf Verschwörungstheorien und vermeintlich wissenschaftliche Untersuchungen geleitet. «Sind Frauen» wird so schnell zu «Sind Frauen dümmer als Männer?».

Seit 2008 versucht Google automatisch vorauszusehen, nach welcher Frage oder welchem Inhalt jemand suchen könnte. Dazu lokalisiert es unter anderem den Computer, von dem die Anfrage ausgeht. Die Vorschläge sollen dann bei der Suche helfen und diese verkürzen. Zur Debatte steht aber, ob dieser Algorithmus nicht auch gefährlich ist. Der Selbstversuch zeigt zumindest, dass er es sein kann.

Verschiedene Studien haben schon gezeigt, dass die Vorschläge Einfluss auf die Suche haben und Internetnutzer vor allem jene Links anklicken, die von Google zuoberst angezeigt werden. Enthält die Mehrzahl der Links auf der ersten Suchseite also Falschmeldungen und Verschwörungstheorien, ist die Gefahr einer negativen Beeinflussung gross. Das Technologie-Magazin «Wired» hatte im Sommer 2015 schon darüber geschrieben, wie Googles Suchalgorithmus die Präsidentschaftswahl manipulieren könnte, indem er Fake-News über Kandidaten liefert.

Alphabet, der Mutterkonzern von Google, kündigte bereits an, dass es künftig stärker gegen Fake-News vorgehen will. Plattformen, die mehrheitlich falsche Nachrichten verbreiten, sollen künftig vom Werbeprogramm Adsense ausgeschlossen werden. Das würde die Einkünfte solcher Sites markant schmälern. Kritiker befürchten jedoch, dass es Google kaum gelingen dürfte, falsche Meldungen damit effektiv von der Suche auszuschliessen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.12.2016, 18:00 Uhr

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