«Google ist heuchlerisch»

In der neuesten Version filtert Googles Browser lästige Werbung aus. Das finden nicht alle gut.

Werbung in eigener Sache ist okay: Plakat für Google Chrome in der Londoner U-Bahn (2010).

Werbung in eigener Sache ist okay: Plakat für Google Chrome in der Londoner U-Bahn (2010). Bild: Luke MacGregor/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Google hat seinen Chrome-Browser mit einem Werbeblocker ausgestattet. Die neue Version wird seit letzter Woche durch die Update-Funktion automatisch installiert. Da Google selbst der grösste Werbevermittler ist, funktioniert diese neue Funktion jedoch nicht so wie klassische Werbefilter: Sie eliminiert Banner nicht generell, sondern nur dann, wenn sie als «inakzeptabel» taxiert wurden.

Unerwünschte Werbeformen sind Pop-ups, die den Text überlagern, automatisch startende Videos mit Sound, vorgeschaltete Anzeigen mit Countdown, blinkende Animationen und grosse Werbebereiche, die beim Scrollen unbeweglich bleiben. Die Vorgaben, was zumutbar ist und was nicht, wurden von der Coalition for Better Ads ausgearbeitet. Zu dieser Koalition gehören nebst Google auch Facebook, Microsoft und andere Grössen der Werbebranche.

Eine Disziplinierungsmassnahme

Es geht Google und der Coalition for Better Ads effektiv darum, die Akzeptanz der Werbung im Netz zu erhöhen und die Nutzer davon abzuhalten, eine Browser-Erweiterung zu installieren, die gar keine Banner mehr durchlässt. Und ein offensichtliches Ziel ist auch die Disziplinierung der Webseiten-Betreiber: Wenn auf einer Website eine nicht akzeptable Werbeform identifiziert wurde, blockiert Chrome nicht nur diese, sondern sämtliche Banner. Da Googles Browser einen Marktanteil von 60 Prozent hat, bedeutet das beträchtliche Einnahmeausfälle.

Samuel Leiser von Google Schweiz teilt auf Anfrage mit, dass der Werbeblocker auch in der Schweiz aktiv ist, und zwar nicht nur bei Windows und Mac, sondern auch bei Android, Linux und Chrome OS, aber nicht bei iPhone/iPad.

Eindrückliche Drohkulisse

Google hat eine eindrückliche Drohkulisse aufgebaut, die Wirkung zeigte, noch bevor der Werbeblocker seine Arbeit überhaupt aufgenommen hat. Wired.com zitiert einen Google-Mediensprecher, der sagt, viele betroffene Sites hätten präventiv Änderungen vorgenommen, namentlich «Forbes», die «Los Angeles Times» und «Chicago Tribune». Generell seien von den 100'000 beliebtesten Websites in Nordamerika und Europa weniger als ein Prozent betroffen, liess Google ausrichten.

Davon lassen sich nicht alle beschwichtigen: Nick Nguyen ist Produktchef bei der Mozilla-Stiftung, die den Firefox-Browser entwickelt. Er schreibt im Firmenblog, der Ansatz der Coalition for Better Ads greife zu kurz: «Der Werbeblocker von Chrome tut nichts gegen die unsichtbaren Tracker, die mit den Standards konform gehen.» Diese Tracker sammeln Daten über die Aktivitäten der Webnutzer und machen sie den Werbetreibenden und deren Partnern zugänglich.

Von moderat bis paranoid: Vier Methoden zum Schutz der Privatsphäre.

Das ist für viele Webnutzer Grund genug, einen Werbeblocker eines Drittherstellers einzusetzen, der auch die Tracker lahmlegt. Auch Firefox wirbt mit dem kürzlich eingeführten «Schutz vor Aktivitätenverfolgung». Er filtert jene Module aus, mit denen gerade Facebook und Google unsere Surfspuren quer durchs Netz nachverfolgen.

«Einige Tiere sind gleicher als die anderen»

Ein Kommentator der Zeitung «The Hill» kritisiert Googles Initiative aus einem zweiten Grund als «heuchlerisch»: Über Jahre habe Google die Netzneutralität aktiv unterstützt. Das ist die Forderung, dass Internetprovider keine Inhalte im Netz blockieren oder benachteiligen dürfen. «Und jetzt macht Google genau das, was das Unternehmen bis vor kurzem zu den schlimmstmöglichen Sünden gezählt hat.» Wie schon George Orwell in «Animal Farm» geschrieben hat, seien einige Tiere eben gleicher als die anderen. «Das beschreibt Googles Problem ganz gut», schreibt «The Hill». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2018, 19:26 Uhr

Artikel zum Thema

Ab heute kann Chrome Werbung blockieren

Digital kompakt Google geht gegen nervige Werbung vor, doch Fragen bleiben offen. Und Apples Homepod beschädigt Holztische. Mehr...

Alle gegen Google

Die Konkurrenz von Google Chrome setzt zum Gegenschlag an: Firefox und Co. versprechen mehr Datenschutz und Surftempo. Mehr...

Vorsicht vor dem «besseren Web» nach Googles Gusto

Warum Google kein glaubwürdiger Kämpfer gegen nervige Werbung ist – und das Vertrauen in die Suchmaschine aufs Spiel setzt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die 5 neusten Haartrends

Geldblog Dank Teilpensionierung Steuern sparen

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Reich beschmückt: Eine Tänzerin in Mumbai wartet hinter den Kulissen auf ihren Auftritt. Zusammen mit anderen Transfrauen sammelt sie Geld für ihre Gemeinschaft. (20. September 2018)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...