«Ein Mann schickte 600'000 Franken nach Nigeria»

Derzeit wimmelt es wieder von Spam-Mails, die mit dubiosen Geschäften oder leichter Liebe locken. Offenbar fallen mehr Menschen auf die fiesen Tricks herein, als man denkt.

«Der gute Tag»: Das Spam-Mail, das von der Russin Ekaterina kommen stammen soll, hatten viele Schweizer im Posteingang.

«Der gute Tag»: Das Spam-Mail, das von der Russin Ekaterina kommen stammen soll, hatten viele Schweizer im Posteingang.

Herr Boess, was kann schlimmstenfalls passieren, wenn man einer Spam-Mail Glauben schenkt? Kürzlich hat mir jemand erzählt, er habe 600'000 Franken nach Nigeria geschickt, weil ihm eine Million versprochen wurde. Aber auch die Geschichte eines Ehepaars, das nach Mailand reiste, um sein Haus einem vermeintlichen Investor aus Dubai zu verkaufen, ist beängstigend. Sie trafen den Mann in einem Hotel, wo sie irgendwie bewusstlos gemacht wurden. Ausgeraubt und ohne Papiere liess man sie zurück.

Das dürften eher Ausnahmen sein. Oftmals zahlen die Opfer und erst später fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen: «Oh, ich wurde reingelegt». In der Regel sind das aber Beträge zwischen 200 und 2000 Franken – einigermassen verschmerzbar, wenn man so will.

Derzeit treibt Ekaterina ihr Unwesen, die per Mail zahlungswillige Männer sucht (siehe Box). Wer fällt auf solche billige Tricks herein? Das sind relativ viele Leute, auch wenn man das nicht denken würde. Eine genaue Statistik gibt es aber nicht. Bei uns melden sich pro Monat zwei bis vier Personen, die uns ihre Geschichte erzählen. Oft sind das alleinstehende Frauen, die auf Männer aus dem Ausland reingefallen sind. Wir beobachten, dass sich dieses Deliktfeld langsam entwickelt und solche maschinell übersetzten und automatisch versandten Mails zunehmen.

Was bringt einen Menschen dazu, auf eine solche Mail zu antworten? Es ist eine brutale Sache, da fast immer Herzschmerz damit verbunden ist. Menschen, die auf solche Liebes-Spam-Mails antworten, denken sich: «Endlich finde auch ich die grosse Liebe, endlich bin ich mal das Glückskind». Sie vermuten, dass auf der anderen Seite jemand schreibt, der «wie ich auf der Suche ist». Und glauben, dass man es gut mit ihnen meint und ihnen nichts passieren kann. Auf einmal scheint alles so einfach.

Das ist äusserst leichtgläubig. Nicht unbedingt. Natürlich muss bei den Opfern eine spezifische Disposition vorhanden sein. Aber wenn die Spam-Mail zum richtigen Zeitpunkt kommt, lassen sich viele täuschen. Sie sagen sich: «Ich habe in letzter Zeit so viel Schlechtes erlebt, das Quäntchen Glück steht mir jetzt zu.»

Die Hauptmotivation zu antworten, ist also Frust? Nicht nur. Auch Gier kann ein Grund sein. Oder aber grosse Freude. Auch ist man zum Beispiel in den Ferien lockerer drauf, als wenn man arbeitet. Oft stecken die Opfer aber auch in einer finanziellen oder einer Lebenskrise, aus der sie herauskommen wollen. Auch Stress oder Langeweile können dazu führen, dass man eher auf so eine Mail antwortet.

Was denken sich die Spammer dabei? Ein gewisser Prozentsatz antwortet immer auf eine Spam-Aktion, sei es bei Viagra, erfolgversprechenden Geschäften oder vermeintlichen Lotteriegewinnen. Je mehr ein Absender verschickt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich potenzielle Opfer melden. Solange der E-Mail-Versand gratis ist, wird das auch weiterhin so gemacht.

Bekommen Sie auch Spam-Mails? Ironischerweise habe ich Ekaterinas Mail an die Info-Adresse der Präventionsstelle bekommen. Ich habe sie gelesen und gleich gelöscht. Das ist quasi der digitale Enkeltrick. Wir wissen aber nicht, wer dahinter steckt.

Wie kann man sich schützen? 95 Prozent der Menschen gehen gut mit solchen Mails um, sie löschen sie meist ungelesen. Allen anderen rate ich, jede Mail kritisch anzuschauen und nicht blindlings zu antworten.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt