Die Internetverweigerer

Wer sich künftig digital nicht komplett ausliefern will, der zahlt einen hohen persönlichen Preis.

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2030 ist das Internet kein grosses Thema mehr – nichts, worüber man sich noch viele Gedanken machen würde. Das Netz ist so gegenwärtig, dass wir es kaum mehr wahrnehmen. Es ist Säule der Wirtschaft, Motor des Staatswesens – und Fundament unseres Privatlebens.

Es vernetzt Haushaltsgegenstände, koordiniert selbstlenkende Fahrzeuge sowie die Produktionsroboter in smarten Fabriken, und es bindet Biosensoren in unseren Körpern an medizinische Datenbanken an. Das Internet im Jahr 2030 ist überall und unsichtbar. Es ist kommunikativ, künstlich intelligent und unheimlich dienstbar.

Niemand braucht seine Lebensmittel mehr nach Hause zu schleppen. Drohnen bringen vorbei, was man so braucht. Kleider kann man an seinem digitalen Avatar Probe tragen. Und die virtuelle Realität bietet uns perfekte Rückzugsmöglichkeiten: Westeros, Mittelerde oder Alderaan – jeder taucht dort ab, wo es ihm gefällt.

Doch da gibt es die versprengten Grüppchen der Internetverweigerer. Es sind nicht diejenigen, die mit Technik nichts anzufangen wüssten. Im Gegenteil. Es sind die einstmaligen Freaks und Nerds, die sich im Netz nicht mehr wohlfühlen. Sie beklagen die Überwachung im Netz, die schleichend Einzug gehalten hat. Edward Snowdens Enthüllungen hatten 2013 manche Nutzer zwar nachhaltig verunsichert, doch politisch hatten sie keine Folgen. Im Terrorjahr 2016 haben die Schweizer für ein neues Nachrichtendienstgesetz mit mehr staatlicher Überwachung gestimmt.

Die Freiheit zerfällt Jahr für Jahr

NGOs hatten ebenfalls 2016 berichtet, dass die Freiheit im Netz weiter zerfällt, bereits im sechsten Jahr in Folge. Zwei Drittel aller Nutzer leben weltweit in Ländern, in denen das Netz zensuriert wird. In 38 Ländern konnte man für eine Äusserung in sozialen Medien oder sogar für ein Like verhaftet werden. Die sozialen Medien boten den Zensoren willig Hand. Facebook zum Beispiel entwickelte gemäss der «New York Times» eine Software zur Unterdrückung unerwünschter Posts. Diese Software würde dem sozialen Netzwerk den Weg ins Reich der Mitte öffnen, wo es bislang blockiert war.

China seinerseits hat ein «soziales Kreditsystem» eingeführt, das jene Bürger belohnt, die sich politisch und sozial wohlgefällig aufführen und die persönlichen Finanzen in Ordnung halten. Das ist nichts anderes als die Gamification, mit der Fitness-Apps die Nutzer für gesundes Verhalten belohnen.

Nichts bleibt mehr im Verborgenen, alle Bereiche des Menschseins werden durch die smarten Algorithmen optimiert.

Das Grüppchen der vom Internet Abgefallenen kritisiert aber nicht nur die staatliche Vereinnahmung des einstmals so freien Netzes. Noch mehr leidet es unter dem Verlust der Privatsphäre. Seit der Personal Computer durch Smartphones und Tablets abgelöst wurde, liegen Fotos und Videos, digitale Briefe und Rechnungen nicht mehr auf der eigenen Festplatte, sondern in der Cloud. Dort kümmern sich auch smarte Assistenten um die Daten. Sie analysieren Bilder und Finanztransaktionen, Mediennutzung und Biowerte. Nichts bleibt mehr im Verborgenen, alle Bereiche des Menschseins werden durch die smarten Algorithmen optimiert. Die grosse Masse der Nutzer schätzt das. Doch manchen macht Big Data Angst. Diese Menschen fühlen sich nackt und blossgestellt.

Die grossen Datenmengen liegen auf den Servern ganz weniger Unternehmen. Denn je komplexer das Netz geworden ist, desto weniger kleine Unternehmen können mithalten. Die Konzentration der Daten und der Macht lässt den Verweigerern kaum noch eine Wahl.

Verweigerung kostet

Wer sich im Jahr 2030 digital nicht komplett ausliefern will, der zahlt einen hohen persönlichen Preis. Wer aufs Smartphone verzichtet, um seine Datenspur gering zu halten, kann nur mehr schwer am normalen Leben teilnehmen. Das Telefon ist Zahlungsmittel, digitales Ticket, elektronischer Ausweis. Als Verweigerer muss man, da Bargeld kaum mehr gebräuchlich ist, mit Bitcoins hantieren. Da Facebook inzwischen die Rolle eines Universalmediums spielt, verpassen die digitalen Rebellen viel – Veranstaltungen, News und Fake-News.

Doch sind sie nicht bereit, ihren Traum der frei fliessenden Information und der gleichberechtigten Netzteilnehmer zu beerdigen. Sie haben daher still und leise im Schatten des Internets eine Alternative aufgebaut. Dieses Ersatznetz funktioniert ohne zentrale Infrastruktur, indem sich die Endgeräte direkt verbinden und Informationen von Teilnehmer zu Teilnehmer weitergereicht werden, bis sie das Ziel erreichen. Ein solches vermaschtes Netz oder «Mesh Network» kommt ohne Internetprovider aus und ist gegen Zensur resistent. Es ist aber nicht allgegenwärtig und unsichtbar, sondern so langsam wie das Internet zu seiner Anfangszeit – als Online­informationen noch knapp und wert­voll waren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2016, 09:55 Uhr

Wenn die Armbanduhr im Jahr 2030 den Arzt ruft

Von Rafael Zeier

Klopf, klopf, klopf! Punkt 6.25 Uhr weckt mich meine smarte Armbanduhr. Nein, nicht die Apple Watch. Die ist zwar die meistverkaufte Uhr. Doch die Schweizer Hersteller haben mit reichlich Verspätung erst 2020 nachgezogen. So trage ich eine über 30-jährige mechanische Uhr an einem smarten Armband. Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich mich zurückerinnere, wie ich 2016 einmal so eine ähnliche Uhr gebastelt habe.

Damals waren smarte Uhren nur etwas für Fitnessfreaks. Heute tragen sie fast alle, sogar meine Frau. Die Rabatte der Krankenkassen sind sicher ein guter Grund. Noch nützlicher sind die Bio­sensoren, die einen daran erinnern, Pause zu machen, an die frische Luft zu gehen und ein Glas Wasser zu trinken. Im Notfall rufen sie auch einen Arzt.

Für den Weg zur Arbeit nutze ich weiterhin den Zug. Selbstfahrende Autos haben sich bis heute nicht durchgesetzt. Unfälle und Gerichtsprozesse verschleppten deren Einführung abseits der Autobahn. Schneller als gedacht ging es dafür mit dem GA zu Ende. Inzwischen habe ich mich halbwegs mit dem neuen Tarifsystem angefreundet. Ende Monat erhält man eine Rechnung für die gefahrenen Zugkilometer. Mein Abo heisst «Pendler Plus».

Den Bildschirm auffalten

Im Zug kommt das Handy zum Einsatz. Ja, das gibt es noch. Wir nennen es sogar noch so. Ich falte den Bildschirm zu Tabletgrösse auf und lese die Zeitung. Die gibt es zum Glück auch immer noch. Allerdings nur am Wochenende und gegen einen saftigen Aufpreis auf Papier.

Zum Arbeiten tragen alle auf der Redaktion Augmented-Reality-Brillen. Die sehen ein bisschen aus wie Sonnenbrillen ohne getönte Gläser. Mit denen richtet sich jeder seinen individuellen virtuellen Arbeitsplatz ein. Da ich nicht mehr der Jüngste bin, habe ich mir meinen Arbeitsplatz von früher – sogar mit Tastatur – nachgebaut. Die jungen Kolleginnen und Kollegen haben zum Teil abenteuerliche Konfigurationen gewählt. Wie sie damit arbeiten, ist mir ein Rätsel.

Ernüchternd ist auch die neuste Version von Andromeda. Das ist der Windows-Konkurrent von Google, der noch immer voller Fehler steckt. Das wird sich wohl nie bessern.

Auf dem Nachhauseweg meldet sich meine digitale Assistentin über den Knopf im Ohr, den ich ständig trage: Die Amazon-Wocheneinkäufe seien geliefert worden. Als Migros-Kind vermisse ich zwar hin und wieder die Ausflüge in den Supermarkt – doch die Zeitersparnis macht das wett. Kurz vor St. Gallen unterbricht die Assistentin die Musik und meldet sich noch einmal: Ich hätte heute im Zug in der Nähe von Leuten mit einem Grippevirus gesessen und mich vermutlich angesteckt. Ich solle doch ­etwas früher als gewohnt ins Bett gehen und die Tablette nehmen, die sie in der Hausapotheke bereits markiert habe.

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