Bye-bye, Drachenlord

Hass und Manipulation im Internet sind unerfreulich. Aber zwingt uns jemand, unsere Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen? Ausloggen löst Probleme.

Lass sie reden, mach was Besseres. Foto: Urs Jaudas

Lass sie reden, mach was Besseres. Foto: Urs Jaudas

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Realität ist nur etwas für Menschen, die nicht mit Drogen klar kommen, hat der Musiker Tom Waits als junger Mann gelallt. Ein paar Jahre später ist er trotzdem clean und nüchtern geworden und komponiert seine Randständigenpolkas nun bei gesundem Grüntee auf einer Farm in Kalifornien.

Wahr ist natürlich das Gegenteil: Das Erleben der Wirklichkeit ist in unserer Zeit oberstes Gebot. Dabei sein statt verpassen, wach sein statt zugedröhnt – get real, Mensch. Natürlich gibt es designierte Zonen des Abschaltens, aber auch Freizeit, Ferien und Jakobsweg sollen letztlich starke Realitätserlebnisse einbringen. Nichts ist attraktiver als heftig erfahrene Wirklichkeit. Es gibt ein Leben vor dem Tod.

Interessanterweise führt der Erlebnisdruck viele Menschen nicht hinaus in Stadt und Wald, sondern in den virtuellen Raum. Und damit sind nicht verkabelte Helme und Brillen gemeint, die uns seit mehr als 20 Jahren als Erfahrungsrevolution angekündigt werden, sondern der digitale Begegnungsraum der sozialen Medien – Facebook, Twitter und co. Auf diesen Online-Plattformen ist Erfahrung möglich, die Millionen Nutzer fesselt.

Es gilt als unabänderlich, dass der Mensch täglich Stunden in diesen Foren verbringen muss.

Nicht all diese Erfahrung ist positiv, die Realität der sozialen Medien oft verblüffend asozial. Viele Nutzer geben krasse Dinge preis («ich in Uniform im Swingerclub»), viele Mitnutzer reagieren nicht minder krass und gnadenlos, spotten, schimpfen, hassen. Der Hunger nach Anerkennung, Likes und Retweets, fördert schrille Reizwortmeldungen. Alles Nazis, Landesverräter, Kinderschänder, weniger wirkt nicht. Und in all der Unruhe werden wir auch noch politisch herumgeschubst: Firmen und ganze Staaten versuchen, über soziale Medien Einfluss auf unser Wahlverhalten zu nehmen.

Derzeit wird viel Aufwand betrieben, die Nutzer der digitalen Wirklichkeit vor Verletzung und Manipulation zu schützen. Die Politik – die Europäische Union, einzelne Staaten – ersinnt Strategien, um ihre Bürger auf Desinformation und «Fake News» hinzuweisen. Und auf ziviler Ebene machen es immer mehr junge Menschen zu ihrem Beruf, Opfer von Online-Hasskampagnen zu stützen, zu verteidigen – mit Online-Gegenschlägen oder juristischem Einschreiten.


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Was nur selten jemand empfiehlt, ist: Abschalten. Seine Konten bei den sozialen Medien zu löschen, wie es der US-Autor Jaron Lanier fordert. Oder sich zumindest rigorose Offline-Phasen zu verordnen. Nein, es gilt als unabänderlich, dass der Mensch täglich Stunden in diesen Foren verbringen muss, um ein vollwertiges Wesen der Gegenwart zu sein.

Lass sie reden

Das ist bedauerlich. Die Relevanz der Online-Realität wird überschätzt. Wer nur schon zwei Wochen Offline-Ferien macht, stellt fest, dass es für das eigene Leben eigentlich keine Rolle spielt, ob auf Twitter über «Mohrenköpfe», Sexismus im Popsong oder ranzige Erst-August-Reden gestritten wird. Lass sie reden, tu was anderes.

Leider, es ist wahr, schwappt der Matsch der Digitalkanäle vermehrt in die Offline-Welt hinein. Aus dem Facebook-Eintrag einer Prominenten wird eine Titelgeschichte in der Gratiszeitung. Die deutsche Kanzlerin muss Stellung nehmen zu nächtlichen Tweets des US-Präsidenten. Klar, manchmal gehört es zur Wächterfunktion der Medien, illegale und amoralische Online-Vorgänge zu thematisieren, wenn etwa jemand zu Gewalt aufruft. Meist aber wäre es wünschenswert, wir Journalisten könnten digitales Gejapse abtun als das, was es ist: Aufmerksamkeitsgekeife.

Vieles, was im Internet stattfindet, soll bitte dort bleiben.

Das heisst nicht, dass alles Netzgerede harmlos wäre. Diese Woche sorgte eine Studie zweier Doktoranden der Universität Warwick für Aufsehen. Facebook soll in Deutschland Gewaltverbrechen gegen Flüchtlinge befördert haben. In Gemeinden mit überdurchschnittlich hoher Facebook-Nutzung, so die Forscher, sei es im Untersuchungszeitraum eher zu realer Gewalttaten gekommen. Wenn das stimmt, ist es arg. Aus Echokammern des Hasses erwächst echte Gewalt. Ausloggen kann Leben retten.

Vieles, was im Internet stattfindet, soll bitte dort bleiben. Sonst wird es bizarr. Im mittelfränkischen Emskirchen musste die Polizei diese Woche 800 Personen davon abhalten, das Wohnhaus eines Youtubers namens «Drachenlord» zu stürmen. Der übergewichtige junge Mann legt sich offenbar seit Jahren in Video-Beiträgen mit seinen Zuschauern an. Weil er selber seine Wohnadresse verraten hat, kommen seine Hater nun physisch vorbei, diese Woche in Scharen. Worum es bei dem Streit geht? Um nichts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2018, 21:12 Uhr

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